Klassiker-Tests: Beneath a Steel Sky:

Beneath a Steel Sky


Wolkenkratzer wie Särge aus Metall. Ein festungsähnlicher Industrie-Moloch. Die abgeschirmten Penthouse-Suiten der wenigen Privilegierten in der Nähe der Erdoberfläche. Eine paranoide Zwei-Klassen-Bevölkerung. Psychotische Kriminelle. Machthungrige Unternehmen. Eine lückenlose Überwachung aller Individuen. All das passiert unter einem Himmel aus Stahl, der Mega-Metropole "Union City". 'Beneath A Steel Sky' ist neben 'In Cold Blood' Revolution Softwares düsterstes Spiel und zugleich nach der 'Baphomets Fluch' Reihe wohl ihr bis dato größter Hit.

 

Wir schreiben das Spielejahr 1994. Revolution Software war in jenen Tagen noch kein Fixpunkt auf der Rechnung vieler Genre-Fans, obwohl das Frühwerk 'Lure of the Temptress' durchaus Beachtung fand. 'Baphomets Fluch' stand zudem erst noch bevor. Publisher Virgin Interactive hatte sich wiederum schon gut im Genre etabliert. Man denke zurück an die damals beliebte 'Legend of Kyrandia' Reihe. Während besagte Reihe und viele weitere Klassiker ohne Sierra oder Lucas Arts Bezug heute gegen die Vergessenheit ankämpfen, genießt 'Beneath A Steel Sky' noch immer eine erstaunliche Bekanntheit. Das hängt natürlich auch mit Revolution Software zusammen, das es vor nicht langer Zeit in remasterter Form für iOS neu veröffentlichte. Übrigens wurde das Ur-Spiel für den PC längst offiziell zur Freeware erklärt. Doch ist es wohl auch einer modernen Spiel- und Erzählweise zu verdanken, dass es so erstaunlich gut gealtert ist. Weiters haben wir es hier mit einem frühen Cyberpunk Vertreter zu tun und auch das verdient Beachtung.

Big Brother is watching you!

Robert Foster ist der Held dieses Spiels. Als Kind war er der einzige Überlebende eines Helikopterabsturzes. Eine Gruppe australischer Ureinwohner abseits der modernen Zivilisation nimmt sich seiner an und zieht ihn groß. Sie schulen seine Überlebenskünste und auch den Umgang mit technischen Geräten. Jedoch kommt der Tag, an dem Robert von seinen städtischen Wurzeln mit blutiger Gewalt heim geholt wird. Ein Militärkommando fällt im Dorf ein und nimmt ihn mit in Richtung seiner Geburtsstätte. Beim Anflug auf die Stadt stürzt der Transporthubschrauber jedoch ab. Robert kann fliehen und ist nun auf der Flucht vor den Sicherheitsbehörden und vor LINC, dem allgegenwärtigen Computersystem, das vom RAT installiert wurde. Es kontrolliert jede Person und jeden Vorgang in der Stadt; die Luftzufuhr wie das Recyclingsystem, und tötet Menschen, die sich ihm widersetzen. Solange LINC existiert, gibt es für ihn kein Entkommen. Dieses kurz angerissene Szenario prägt den Plot des Spiels. Natürlich hängt alles auch mit seiner eigenen Vergangenheit zusammen und so lernen wir nicht nur etwas über diese Welt, sondern auch über den Protagonisten selbst.

In Tradition großer literarischer Vorbilder

Klingt nach einer sehr düster erzählten Zukunftsvision ala '1984'? Ja und nein. In einigen Momenten bleibt durchaus Platz für Humor. Roberts Roboterfreund Joey lockert das Geschehen beispielsweise immer wieder auf. Zwar wird das Rad nicht neu erfunden, aber im Jahr 1994 war diese Art von Geschichte noch relativ unverbraucht. Die Handlung steht übrigens in der Tradition einer gesellschaftskritischen Dystopie (darunter versteht man das Gegenteil einer Utopie, einer idealen positiven Gesellschaftsordnung). Anklänge aus George Orwells berühmtem Roman '1984' und auch Aldous Huxleys 'Brave New World' sind deutlich spürbar. Manches erinnert auch an Filme wie 'Terminator' (Topos der übermächtigen Maschinen, die, außer Kontrolle geraten und über das Leben der Menschen mit Willkür und Grausamkeit walten).

Sei wachsam!

Gemeinsam mit unserem Roboterfreund Joey, ein launischer, zynischer Haufen Schrott (R2D2 lässt grüßen) erkundet der Spieler nun also die verschiedenen Ebenen von "Union City". Wir setzen diverse Maschinen in Gang, sabotieren Kraftwerke und dringen in den Cyberspace ein, um wichtige Informationen zu erlangen. Sackgassen gibt es im Handlungsverlauf erfreulicherweise nicht. Allerdings kann Foster sterben. Deshalb ist es ratsam, regelmäßig den Spielstand zu sichern. Die Rätsel sind im Allgemeinen sehr logisch gehalten. Leichte Knobelkost und nachvollziehbares Um-die-Ecke-Denken halten sich die Waage. Extreme Hardcore-Denksport-Fetischisten werden so gesehen kaum auf ihre Kosten kommen. Zur Not kann man übrigens sogar Joey nach Hinweisen fragen. Kurzweil ist angesagt. Das Abenteuer lässt sich für halbwegs geübte Zocker problemlos an einem oder zwei Wochenenden durchspielen (ca. 8-10 Stunden). Wiedersehen macht bei diesem Spiel aber Freude und sehr viele neue Vertreter des Genres sind, was die Spieldauer anbelangt, auch nicht länger geraten.

Technik auf der damaligen Höhe der Zeit

Im Hinblick auf die Grafik war das Spiel bei Erscheinen durchaus State-of-the-Art (256 Farben in VGA-Auflösung). Die handgezeichneten Hintergründe wurden mit viel Liebe zum Detail entworfen und die außergewöhnlichen Comic-Zwischensequenzen (Dave Gibbons Handschrift ist untrennbar mit diesem Spiel verknüpft) haben bis heute das eine oder andere Adventure inspiriert. Positiv hervorzuheben sind zudem die Dialoge und die englische Sprachausgabe. Der bissig sarkastische Tonfall (wie in besten 'Monkey Island'-Tagen) und eine sehr behutsame, gut gelungene deutsche Lokalisation runden die stimmige, wohlig-schauerliche Atmosphäre ab. Fast ausnahmslos alle Charaktere, denen Robert im Spielverlauf begegnet, gleichen übrigens wundervoll karikierten Stereotypen: ein Chirurg (Marke Doktor Schnelltod, der für Geld wohl alles und jeden operieren würde) oder die versnobbte Miss Piermont, deren Pudel nur so schreit nach einer Fosterschen Spezialbehandlung. Einen wesentlichen Beitrag zur markanten Stimmung leistet auch die eingängige musikalische Untermalung, die das Geschehen je nach Spielverlauf passend mit wechselnden Rhythmen und Themen akzentuiert.

Point-and-Click Version 2.0

'Beneath A Steel Sky' fällt aus heutiger Sicht in die Kategorie klassisches Point-and-Click-Adventure. Mit dem Mauszeiger fährt man über den Bildschirm, ein rechter Mausklick interagiert mit dem Objekt, (z.B. nehmen oder benutzen); ein Druck auf die linke Maustaste und Robert startet ein Gespräch oder untersucht einen Gegenstand. Gar so klassisch war das im Jahr 1994 aber eigentlich nicht. Vielmehr ist dieses Spiel ein sehr frühes Beispiel für eine stark vereinfachte (moderne) Art der Steuerung (viele Adventures der letzten zehn Jahre bedienen sich im Prinzip derselben Steuerung). Der Platz im Inventar ist jedenfalls unerschöpflich, und auch das Kombinieren von mehreren Gegenständen untereinander aus dem Inventar ist möglich. Prädikat: Nicht nur Bedienungs- und Gamer-freundlich, sondern auch überaus zeitgemäß (obwohl man natürlich darüber streiten kann, ob diese Vereinfachung nun gut oder schlecht ist).

Verfügbarkeit und Kompatibilität

'Beneath A Steel Sky' wurde zunächst für den Amiga auf 15 Disketten veröffentlicht. Kurze Zeit später folgte auch eine CD-ROM Fassung für das gefloppte Amiga CD32 Spielsystem. Weitere Portierungen folgten für den Atari ST sowie den PC. Auf letzterem in Form einer DOS-Version, die entweder auf einer CD-ROM oder sechs Disketten ausgeliefert wurde. Sämtliche Fassungen können heute noch über Ebay und Amazon Marketplace physisch erworben werden. Auf heutigen Rechnerkonfigurationen ist 'Beneath A Steel Sky' jedoch nur noch mit DosBox und ScummVM spielbar.

Im August 2003 wurde die DOS-Fassung seitens Revolution als Freeware freigegeben, um damit das damals noch junge Emulationsprojekt ScummVM zu unterstützen. Seitdem ist das Spiel kostenlos auf diversen Internetseiten wie ScummVM oder der Homepage von Revolution, als Download verfügbar. Angeboten werden die Talkie- sowie die Diskettenversion. Im Vergleich zur Originalfassung wurde der Quellcode sorgfältig überprüft und um diverse Programmierfehler bereinigt. Zudem ist es seit November 2011 optional möglich, den Original-MIDI-Soundtrack durch eine hochwertigere Neuaufnahme zu ersetzen. Diese ist im Rahmen des ScummVM Music Enhancement Projects entstanden und wertet die Qualität des ohnehin schon sehr guten Originalsoundtracks weiter auf. Auch Revolution Software blieb seitdem nicht ganz untätig und veröffentlichte am 8. Oktober 2009 eine kostenpflichtige „remastered“ Version füriOS. Diese beinhaltet einen neu aufgenommenen Vor- und Abspann, eine kontextsensitive Hilfe und verbesserte Audioqualität. Der Preis liegt aktuell bei 2,69 Euro (Stand Dezember 2012).

Ausblick auf eine mögliche Fortsetzung?

Charles Cecil – der inzwischen allseits bekannte Schöpfer von 'Baphomets Fluch' - agiert auch im vorliegenden Fall als leitender Spieledesigner. In den letzten Monaten hat er sich im Rahmen des Kickstarters zu 'Baphomets Fluch 5' wiederholt zu einer möglichen Fortsetzung von 'Beneath a Steel Sky' geäußert. Die dürfte uns in den nächsten drei Jahren tatsächlich endlich bevorstehen. Ein Grund mehr, sich den Erstling anzusehen, sofern man ihn noch nicht kennt.


Galerien

Fazit:

Wertung: 4.5 / 5

Fazit Marius Kalisch: Ein bisschen problematisch stellt sich die Frage dar, wie und nach welchen Maßstäben 'Beneath A Steel Sky' heute zu bewerten ist. Das Adventure ist mehr als nur handwerkliche Durchschnittskost. Es bietet Witz, eine spannende Handlung und eine sehr dichte Atmosphäre. Die Grafik ist veraltet, der Sound auch nicht mehr up-to-date. Aber die entscheidende Frage bleibt: Macht es Spaß? Ja es macht Spaß!

Fazit Matthias Glanznig: 'Beneath A Steel Sky' macht erstaunlich wenig falsch und ist auch viele Jahre später nicht zum Staubfänger verkommen. Gut, die Rätsel könnten mehr Herausforderung bieten und konnten sich damals nicht mit den Referenzgrößen messen. Dafür kompensiert die recht spannende Handlung so einiges und schreckt auch nicht davor zurück, mal mit dem nötigen Ernst zur Sache zu gehen. Es ist auch nicht so, als wäre das Genre übersät mit sehr guten Spielen, die eine erwachsene Story bieten können. Eine starke, einmalige Atmosphäre und unterhaltsame Dialoge runden den sehr positiven Eindruck jedenfalls ab. Genre-Fans sollten sich dieses recht modern umgesetzte Abenteuer auf keinen Fall entgehen lassen.

Fazit Mr.Brain: Was 'Beneath A Steel Sky' auch heute noch so interessant macht, ist die erfrischend düster erzählte Handlung, die in ein unverbrauchtes Cyberpunkszenario eingebettet ist. Allein dadurch hebt sich das Werk wohltuend vom damaligen Adventureeinheitsbrei ab, welcher sich größtenteils im Segment der humorigen Adventures getummelt hatte. Zudem sind einige der skizzierten Probleme wie Kriege, Umweltverschmutzung, totale Überwachung und die wirtschaftliche Macht von Großunternehmen allesamt Themen, die durchaus auch auf unsere Zeit übertragen werden könnten. Das Spiel wirkt hier wie eine Parabel, die uns den Spiegel vorhält und warnen möchte, welche Auswüchse eine wissenschaftsgläubige Gesellschaft annehmen kann. Revolution hat uns ein zeitloses und visionäres Gesamtkunstwerk geschaffen, das auch heute noch Wert ist, gespielt zu werden und an seiner ursprünglichen Faszination nichts eingebüßt hat.

geschrieben am 04.01.13, Team Adventure Corner

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Kommentare 1
BTao
15.06.2013, 17:26

Hi ich hab es kürzlich durchgespielt und
meine Bewertung als Schulnote zusammengefasst:3+; Schwierigkeitsstufe: leicht. Die Story ist echt cool, mir hat es leider teilweise etwas an Spannung gefehlt so daß ich kurzzeitig die Motivation vermisst habe es weiterzuspielen. Das legt sich aber wieder. Der Humor lockert das Endzeit-Szenario auf, und bringt einen immer wieder zum schmunzeln. Wer es noch nicht gespielt hat und noch was zum spielen sucht,... Unter dem Stahlhimmel wirst Du gebraucht :) Viel Spaß!


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