Storyteller-Reviews: Brütal Legend:

Brütal Legend


Vier lange Jahre sind ins Land gezogen seit dem Release des exzellenten Konsolen- Action- Adventures 'Psychonauts', des ersten Titels aus dem Hause Double Fine Productions, das trotz mäßiger Verkaufszahlen bei Kritikern wie Gamern unglaublich beliebt war. Der Grund dafür: Eine abgefahrene Story, schräge Charaktere und soviele wahnsinnige Ideen, dass Tränen lachen tatsächlich fester Bestandteil des Gameplay wurde. Doch wo 'Psychonauts' noch sehr bunt, cartoonesk, fröhlich und teilweise noch ein wenig naiv wirkte, kommt 'Brütal Legend' in gänzlich anderem Gewand daher. Profanitäten, Action, Blut und eine Menge brütaler Action, Designs, die direkt aus einem Katalog für Fetisch- Klamotten stammen könnten und bizarre Kreaturen so weit das Auge reicht, sind hier nicht nur normal, sondern Programm. Bei so manch anderem Entwickler würde das sicher nicht nur uns verschrecken, sondern ebenfalls die USK auf die Barrikaden schicken. Nicht aber bei Double Fine, denn: zentrales Thema ist Heavy Metal und zwar in all seinen Ausprägungen und Abberationen, verpackt in eine Fantasy- Geschichte die nicht nur mit lauten Tönen protzt.


Darum geht's

Protagonist ist Eddie Riggs, im Original gesprochen von Comedian und Schauspieler Jack Black, in der deutschen Version entsprechend vertreten durch seine Original Film- Synchronstimme Tobias Meister. Er ist der weltbeste Roadie, leider für die schlechteste Band der Welt , kann alles bauen, alles reparieren und das, ohne dabei auch nur für einen Moment an Coolness einzubüßen. Doch bereits im Intro wird klar: so ganz wohl fühlt sich Eddie nicht, er fühlt sich deplatziert und ein wenig wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, einer Zeit in der der Metal noch lebte, bebte und vor allem: richtig rockte. Bei einem Bühnenunfall jedoch wird er von seiner Gürtelschnalle (!) in ein Land vor unserer Zeit transportiert, ein Land erschaffen aus dem Metal, aus der okkulten Energie der Musik selbst. Sich am Ziel seiner Träume wähnend, merkt Eddie jedoch schnell, dass er, als Mensch, in einer feindlichen Welt gelandet ist und ihm diverse fiese Kreaturen nach dem Leben trachten. Befreien und schließlich die Menschheit retten kann er jedoch nicht alleine, zur Seite stehen ihm neben seiner Gitarre Clementine, einer Axt, dem Seperator, einem über-coolen Hot-Rod noch eine Schar illustrer Charaktere, die nicht nur fiktiv aus der Welt des Metal stammen. Pate standen hier neben Legenden wie Lemmy Kilmister von Motörhead, Rob Halford von Judas Priest, Lita Ford, Ozzie Osbourne, um nur ein paar der rockbaren Stimmenschenker zu nennen. Antagonist ist die Fraktion "Tainted Coil" rund um Imperator Doviculus, Kreaturen so verdorben und hässlich, dass sie sich mithilfe von Piercings und fiesen Bondage- Praktiken "im Zaum" halten müssen, was ihnen jedoch nur mäßig gelingt.

Hier geht's lang zum Gameplay


Ähnlich wie Jack Black, der in Cosplay- Manier bei den Video Music Awards im Eddie- Riggs Kostüm auflief, darf auch der Spieler in die Haut von Protagonist Eddie schlüpfen, allerdings nur virtuell. Um sich gegen die diversen, fiesen Lakaien von Doviculus und dessen Untertanen zu wehren, stehen Eddie, wie bereits erwähnt, diverse Hilfsmittel zur Verfügung. Zunächst wäre da der Seperator, eine mächtige Axt, die Eddie bei seiner Ankunft findet und direkt einsetzt um sich der angreifenden Kuttenträger zu erwehren. Die Warnung, dass das Aufheben der Axt den Zorn des "Tainted Coil" mit sich bringt, ignoriert er hier beflissentlich... Wenn das mal nicht Ärger gibt... Zweites Instrument ist Eddies Gitarre Clementine, im "richtigen Leben" nicht mehr als eine gewöhnliche Flying V Gitarre, wird Clementine auf Eddies abenteuerlicher Reise durch die Welt selbst verstärkt und entwickelt ungeheuerliche Kräfte, die "facemelting action" mal eben ganz neu definiert. Oder Eddies Feinde mithilfe eines Energie- Stoßes kurzfristig außer Gefecht setzen kann. Die beiden Hauptwaffen können natürlich kombiniert werden, ein von einem Energiestoß gelähmter Gegner ist zB mit der Axt bearbeitbar. Zusätzlich trifft Eddie im Laufe der Geschichte auf eine Zahl illustrer Weltbewohner, die ihm nicht nur helfen, sondern mit denen gemeinsam er mächtige Kombi- Attacken auf die Dämonenhorden entfesseln kann. Auch diverse Gitarrensoli, wie der bereits erwähnte "Facemelter" (Gesichtsschmelzer), der feindlich gesinnten Kreaturen in bester "Raiders of the lost Ark"- Manier das Grinsen aus dem Gesicht... schmelzt.

Die Welt und wie sie uns gefällt

Wer 'Brütal Legend' jedoch für ein lineares Hack 'n Slay Action- Adventure hält, liegt vollkommen daneben. Zunächst funktioniert es als Sandbox- Game nach 'GTA' Vorbild, komplett mit Nebenmissionen, wie z.B. Rennen fahren, feindliche Truppen in Schach halten oder das Jagen auf die abgefahrenen Kreaturen der Fantasie- Welt. Hier kann Eddie sog. "Feuertribute" verdienen, welche beim Guardian of Metal in Upgrades für den Hotrod oder Eddies Waffen investiert werden können. Auch eine Menge zusätzlicher Goodies gilt es zu finden, vergrabenes Metall zum Beispiel schaltet weitere Songs im Soundtrack frei, die während der Fahrt durch die teils etwas leblosen Welten angehört werden können und für das nötige Metal- Feeling sorgen. Trophy- bzw. Achievement- Jäger kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten.
Aber damit nicht genug, denn ca. ab Hälfte der Story dreht sich alles nur noch um die

Stage Battles


Klingt nicht wenig ominöser als es ist, denn bei den Stage- Battles handelt es sich um Echtzeit Strategie Einlagen, die dem Spielgeschehen eine ganz neue Dynamik verleihen und zwar im klassischen Sinne. Basis sind die Bühnen, die eine gewisse Anzahl an Fans anziehen, welche in den "Bau" von Truppen investiert werden können, mit denen wiederum die gegnerische Bühne angegriffen werden kann. Um mehr Fans (und die sind bitter nötig) zu bekommen, müssen auf den Fan- Geysiren Merchandise- Stände aufgebaut werden (da sich Fans ja bekanntermaßen ohne ein T-Shirt nicht  mal den Namen der Band merken können). So können nach und nach mehr und mächtigere Einheiten gebaut werden um die gegnerischen Einheiten in Schach zu halten. Eddie selbst bewegt sich auf dem Schlachtfeld entweder zu Fuß, per Hotrod oder gemeinsam mit seinen Einheiten, die mächtige Boni erhalten und teilweise ziemlich schlagkräftige Angriffe fahren können.
Aber...

Und dann war da die Kritik

So stimmig und innovativ und interessant das in der Theorie auch klingen mag, in der Praxis ist das ganze Konzept mit Problemen behaftet. Denn die teilweise sehr großen Areale, die während der Bühnenschlachten "bewirtschaftet" werden müssen, sind teilweise ausgesprochen unübersichtlich. Die Tatsache, dass Eddie sich zwar fliegend fortbewegen kann hilft zwar, aber z.B. eine Top-Down Sicht, eine Mini-Map auf der das Geschehen angezeigt wird, oder etwas ähnliches hätte da immens geholfen. Die Kombination aus Soli spielen, um den Truppen Boni zu verschaffen, oder die Gegner zwischenzeitlich zu lähmen, Truppen bauen und anweisen (tut man dies nämlich nicht, stehen die dumm in der Gegend herum) und Beteiligung am Kampfgeschehen ist mit einer recht flachen  Lernkurve verbunden. Während man sich am Anfang erstmal überfordert fühlt, dauert es eine Weile, bis man sich komplett eingearbeitet hat und sich den Multitasking- Orgien hingeben kann. Dummerweise ist ziemlich genau an der Stelle, an der das Ganze in Fleisch und Blut übergeht, die Singleplayer- Kampagne schon vorbei. Auch schade ist, dass man zum Beispiel gegen die interessanten und wahnsinnig kreativ gestalteten Einheiten des Tainted Coil nur ein einziges Mal tatsächlich antritt, da bleibt dann wohl doch nur der Multiplayer, der besteht nämlich einzig aus Bühnenschlachten mit bis zu 8 Teilnehmern die wahlweise eine der drei Fraktionen spielen können.
Auch am Open- World Konzept muss leider Kritik geübt werden, denn während die Story- Missionen teilweise sehr ausgeklügelt und vielseitig sind, sind die Nebenmissionen dies leider überhaupt nicht. Diese wirken nämlich ausgesprochen uninspiriert, wiederholen sich ständig und trotz der Möglichkeit Feuertribute damit zu verdienen, um Eddie und Hot Rod weiter auszustaffieren fehlt auf die Dauer die Motivation, die teils sehr karge Umgebung hilft da natürlich auch nicht weiter.

Design galore


Natürlich schlägt sich das übermächtige Heavy Metal Thema in erster Linie im Design von 'Brütal Legend' nieder, wenn auch erheblich vielseitiger, als dies im ersten Moment vermuten lässt. Entsprechend des Anspruchs, den Spieler die diversen Facetten der Heavy-Metal, bzw. Rock'n Roll Welt zu durchleben, lebt die Optik von Brütal Legend sowohl von ihrer Homogenität, als auch von ihrem Facettenreichtum (Paradoxon? Keinesfalls!). Neben den augenscheinlichen Einflüssen diverser Album-Cover klassischer Metal- Bands wie Dio oder Iron Maiden bemerkt der Kenner auch Einflüsse bekannter Künstler z.B. Hieronymus Bosch, einem holländischen Künstler des 15. Jahrhunderts, der für bizarre Formen und ungewöhnliche, teilweise sehr starke Motive bekannt wurde (googlen lohnt sich). Auch die Songtexte selbst waren eine große Inspiration, sollte der Spieler doch die Möglichkeit haben, sich in der Welt von 'Brütal Legend' mit der Essenz des Metal auseinander zu setzen.
Das Charakterdesign orientiert sich ebenfalls stark an den zugrunde liegenden Einflüssen, wobei besonders die enge Verbundenheit zwischen Charakter und Welt, oder auch Zugehörigkeit zu einer Gruppe eine Rolle spielt. Die drei unterschiedlichen Fraktionen Ironheade, Drowning Doom und Tainted Coil leben dabei von ihrer Diversität und repräsentieren jeweils einen Aspekt der Heavy Metal Welt.
Etwas negativ fallen die teilweise recht matschigen Texturen auf, sowie die Gestaltung einiger, betont nicht aller, Szenarien, die äußerst karg, leer und, nun ja, geradezu gewöhnlich wirken und sich so deutlich, allerdings auch deutlich negativ, von ihren Pendants abheben. Insgesamt allerdings kann man wirklich nur staunen, wieviel Kreativität in die Erschaffung von 'Brütal Legend' investiert wurde, besonders die Charakterdesigns, auch der Truppen des Tainted Coil oder Drowning Doom sind großartig. Witziges Detail: trotz des komplett anderen Themas/ Settings, erkennt man recht deutlich die Einflüsse von Art Director Scott Campbells charmantem Stil, der schon Psychonauts so einzigartig machte.

Laut, episch, fantastisch

Soviel sei verraten: Freunde des Hip Hop oder der gepflegten Polka werden sich sicherlich am Sound von 'Brütal Legend' stören. Denn im Geiste des Metal ist dieser in erster Linie zwei Dinge: Laut und gitarrenlastig. Aber noch etwas zeichnet den etwas über 100 Songs starken Soundtrack aus: denn, und das klingt jetzt vielleicht etwas schwulstig: in einer Welt, die einzig und allein dem Metal verschrieben ist in Design und Atmosphäre, im Design jedes einzelnen Steins, jeder Statue und sogar des Himmels, wirken diese Songs unglaublich episch. Eine Verfolgsungsjagd durch eine kollabierende Festung zu "Through the Fire and Flames" von Dragon Force ist ohne Frage einer der intensivsten Momente des gesamten Spiels und der Song spielt da einen massiven Part.
Auch die genialen Performances der Sprecher verdienen höchstes Lob, ob Ozzy Osbourne als Guardian des Metal, oder Lemmy Kilmister (Motörhead) als Killmeister, oder Jack Black als Protagonist Eddie, man merkt mit jeder gesprochenen Silbe, wieviel Mühe man sich hier gegeben hat. Trotz aller Liebe kann hier die deutsche Vertonung, trotz sehr professioneller und auch sehr guter Sprecher einfach so gar nicht mithalten, gut also, dass auch der deutsche Gamer im Menü die Tonspur einfach wählen kann und somit auf aufwändige Importe nicht angewiesen ist.


Galerien

Fazit:

Wertung: 82%

Groß waren die Erwartungen an Tim Schafers neuesten Auswuchs kreativer Genialität und ohne Frage ist 'Brütal Legend' ein Spiel, das man guten Gewissens empfehlen kann, aber es hat Schwächen. Zwar krankt es nicht ansatzweise so sehr wie so manch anderer Titel, aber mehr als einmal schrammt 'Brütal Legend' an der feinen Grenze zwischen Spaß und Nervkram entlang. Die RTS- Schlachten sind durchaus durchdacht, sehr komplex und, hat man das Geschehen erst einmal unter Kontrolle, auch sehr spaßig, aber wie bereits erwähnt stimmt hier die Lernkurve einfach gar nicht. Zunächst rennt man nur kopflos herum, fühlt sich permanent gestresst und auch ein wenig hilflos und sobald der Spaß wirklich beginnt, weil man gelernt hat, die vielen Komponenten sinnvoll einzusetzen, ist die Singleplayer- Kampagne vorbei. Klar besteht die Möglichkeit, sich auf noch weitere Bühnenschlachten im Multiplayer einzulassen, aber es macht einfach ungleich mehr Spaß, eine Schlacht zu schlagen, bei der es um die Seelen meiner Freunde geht. Ist 'Brütal Legend' also eine Erzählung von Begebenheiten, Leben und Tod von Personen, in "erhöhender Weise" wie bereits im Intro erwähnt? Die Antwort ist: nicht ganz, denn obwohl gut erzählt, reicht 'Brütal Legend' gerade in erzählerischer Hinsicht nicht an frühere Werke aus Tim Schafers Hand heran. Ja, das Setting ist toll und durchdacht, aber ultimativ wirkt die Geschichte um Eddie Riggs doch lauer, als sie hätte sein können. Ist 'Brütal Legend' also ein Storyteller? Selbstverständlich, denn auch, wenn wir besseres gewohnt sind, heißt das nicht, dass in den rund 20 Stunden Spielzeit nicht trotzdem eine spannende Geschichte erzählt wird, die fesselt und zwar richtig.

geschrieben am 02.12.09, Ulrika Tegtmeier

Systemanforderungen Weitere Links
XBox 360, Playstation 3, Windows-PC
Windows XP SP3
1.8 GHz dual core CPU
1 GB RAM
256 MB GeForce 8800, Radeon 3850, oder Intel HD 2000 Grafikkarte
DirectX®:9.0c
8 GB Festplattenplatz
DirectX kompatible Soundkarte


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