Storyteller-Reviews: Wolfenstein II: The New Colossus:

Wolfenstein II: The New Colossus


Die Adventures der alten Schule werden rarer. Ebenso ergeht es den Old-School-Shootern und noch deutlicher den Old-School-Shootern mit Story. Bethesda und Machine Games boten mit 'Wolfenstein: The New Order' und 'Wolfenstein: Old Blood' hier erfrischende und kurzweilige Ansätze. Nun steht der echte Nachfolger 'Wolfenstein II: The New Colossus' in den Läden und Online-Stores und steht allein auf weiter Flur mit Fokus auf einer dichten Einzelspieler-Geschichte. Dazu kommt die übliche Problematik des alternativen Universums, wo der Nationalsozialismus gewonnen und die USA besetzt hat – in der hier getesteten deutschen Version übrigens das Regime mit dem Kanzler namens Heiler. Natürlich sprechen wir hier von abgedreht, natürlich ist die Action Over-the-Top und natürlich ist der Humor dementsprechend bizarr. Funktioniert dieser Mix der Extreme? Genau das beleuchten wir in diesem Storyteller-Review.

 
Achtung, im ersten Abschnitt sind unvermeidlich Spoiler zum ersten Teil 'Wolfenstein: The New Order' drin.

 

 

Tot oder lebendig

 

BJ Rollstuhl

Im Rollstuhl gegen das Regime.

Das ist das Motto der ersten Spielminuten. So schließt das Spiel direkt an das Ende von 'Wolfenstein: The New Order' an und William James "BJ" Blazkowicz liegt schwer verwundet im Sterben. Sein zerschundener Körper scheint endgültig aufzugeben. In Flashbacks erlebt er außerdem eine Entscheidung des letzten Teils wieder. Wen soll er überleben lassen? Fergus oder Wyatt? Natürlich hat das Auswirkungen auf 'Wolfenstein II: The New Colossus'. Zurück zur Vergangenheit. BJ sieht auch Bilder seiner schweren Kindheit und seines herrschsüchtigen Vaters. Diese schlimmen Bilder verfolgen ihn seither. Aber plötzlich wacht er auf und merkt, dass es schlecht um seine Gesundheit bestellt ist. Gehen oder gar Laufen ist nicht. Rundherum herrschen Kampfgeräusche. Das Regime ist da. Er setzt sich deswegen in einen Rollstuhl. Vor seinen Augen liegt ein tödlich verwundeter Widerstandskämpfer. In seinen letzten Atemzügen gibt er Blazkowicz, oder kurz Terror-Billie, seine Maschinenpistole. Darauf rollt BJ mit seinem Rollstuhl wie ein Himmelfahrtskommando los. Das Regime muss fallen, auch wenn er dem Tod näher ist als er möchte.

Wahnwitziger Story-Shooter

 

Absurd

Verrückt und absurd.

Wie schon die ersten Minuten zeigen, kann man sich in den nächsten 10 bis 20 Stunden, je nach Spielstil und Schwierigkeitsgrad, auf ein heiteres Unterfangen gegen das Regime einstellen. Dabei kommen aber auch ernste Momente nicht zu kurz. Von Familiengründung über Rassismus bis hin zu Kindesmissbrauch sind die Themen vielfältig und könnten nicht aktueller sein. Die abgedrehte Geschichte zeigt bravourös, wie geschickt man aktuelle Themen mit Fiktion verschränken kann – das Ganze vor einer alternativen Geschichtserzählung. Wer 'Wolfenstein II: The New Colossus' als reinen Nazi-Shooter abtut, versäumt eine vielschichtige Geschichte mit Wendungen, Humor und Drama. Die sonst so stereotypen Charaktere haben ihren Charme und „Terror-Billie“ offenbart deutlich mehr Facetten als ein Action-Held typischerweise hat. Bei all den Botschaften und Nebensträngen bleibt aber eines großgeschrieben: der Spaß. Wer sich die zahlreichen Zeitungsartikel und Tagebucheinträge durchliest oder Schallplatten anhört, hat so einige Schenkelklopfer vor sich. Die germanische Band „Die Käfer“ ist abermals dabei, aber allein schon die dämonische General Engel bietet einen erstklassig vertonten und geschriebenen Bösewicht, der nicht nur dank Narbe ein wenig Joker in sich hat. Eine derart dicht erzählte Geschichte kennt man eher aus Rollenspielen, aber auch hier sind nahezu alle aufnehmbaren Extras in die Story eingeflochten.


Alle Spielstile erlaubt – auch nostalgisches Ballern

 

Akimbo

Eine Waffe je Hand - Akimbo-Action!

Wer sich an die Zeiten erinnert, wo man über Munition nur drüber hinweg laufen musste, wird hier ein nostalgisches Grinsen nicht los. Klar, es ist moderner, denn die Gegenstände können auch per Tastendruck aufgenommen werden und Story-Gegenstände sowie sammelbare Extras kann man auch nur so aufnehmen, aber trotzdem hält das Spiel wenig von Pseudo-Realismus und typischen neuen Shooter-Mechaniken. Ihr wollt ein Sturmgewehr in jeder Hand halten und schießen? Kein Problem. Ihr wollt dasselbe mit einem Granatwerfer machen? Ebenso kein Problem. Allgemein ist das Waffenarsenal zwar überschaubar und trotzdem fehlt eigentlich keine einzige Waffe. Stealth-Afficionados kommen mit schallgedämpften Pistolen voll auf die Kosten, während brachiale Dauerfeuer-Schützen mit Sturmgewehr und Shotgun gut durchkommen werden. Keine Sorge, auch hier fehlen abgedrehte Namen nicht, denn so heißt ein Lasergewehr einfach Laserkraftwerk und der Granat-Raketenwerfer-Mix ist eine Pistole namens Kampfpistole (beide auch so im Englischen). Allgemein unterstützt das Spiel sämtliche Vorgehensweisen. Brachiales Hineinstürmen ist ebenso legitim wie Schleichen und das gezielte Ausschalten mit dem Nahkampf-Beil. Ein Schuss mit dem Scharfschützen-Sturmgewehr oder doch ein gezielter Wurf des Beils? Egal, macht doch, was Ihr wollt – im positiven Sinne.


Zensur – am Rande des Sinnvollen

 

Heiler ohne Bart

Auch ohne Bart leicht zu erkennen, oder? Die Grenzen der Zensur.

Kaum ein Spiel wurde so sehr bezüglichen den Zensurmaßnahmen in den Medien diskutiert. Selbst Tageszeitungen konnten sich dem Spiel nicht verwehren. Das ist aber auch vollkommen verständlich, denn die Zensur ist so offensichtlich und ebenso unauffällig, dass es immer wieder die Frage aufwirft, ob denn diese wirklich nötig war. Afro-Amerikaner werden hasserfüllt mit dem N-Wort genannt, Schimpfwörter sind ohnehin ein Dauer-Stakkato. Das Blut spritzt an jeder Ecke und bleibt sowohl an Hauptcharakter als auch an Nebencharakteren und der Umgebung kleben. Wenn nicht Körperteile abgetrennt werden, dann sieht man den Ku-Klux-Klan durch die Straßen ziehen. Daneben „Regime-Offiziere“, die dauernd „Mein Kanzler“ rufen und sich schon auffällig dämlich verhalten. Nicht zuletzt der kurze Auftritt des Kanzlers selbst – mit dem prägenden Namen Herr Heiler – ganz ohne Bärtchen zeigt, was das Spiel vorhat. Das Regime, oder kurz gesagt die Nazis, werden durch die Bank durch den Kakao gezogen. Mit ihnen diverse andere Gruppierungen wie eben der Ku-Klux-Klan. Statt dem üblichen „Erbfeind“ sind es nun Afro-Amerikaner, denn wir befinden uns in der Zeit der Black Panther-Bewegung, die sich gegen Rassismus auflehnten. Nicht zuletzt dank dem Football-Spieler Colin Kaepernick, der mit erhobener Faust oder kniend während der Nationalhymne gegen Rassismus protestierte, ist dies seit letztem Jahr wieder in aller Munde. Ebenso ruft die #BlackLivesMatter-Bewegung den Vergleich herbei und zeigt, dass eine Zensur in heutiger Zeit durchaus fragwürdig ist. In einem Film wäre das kein Problem – man wird sehen, ob hier 'Wolfenstein II: The New Colossus' durch seinen bewusst kritischen Stil und der andauernden Persiflage des historischen Bösen etwas erreichen kann.

Top Vertonung, gemischte Gefühle bei Grafik

 

Dat GFX

Fantastische Grafik! Leider nicht immer.

Aus technischer Sicht macht das Spiel eigentlich nichts falsch, denn die Grafik ist meist schön und lädt auch einmal ein, sich z. B. die Umgebung des vernichteten New Yorks genauer anzusehen, die Straßen von New Orleans zu begutachten oder sich das Atomkanonen-U-Boot Hammerfaust genauer anzusehen. Einzig die technische Umsetzung am PC kann bei einigen zu Sorgenfalten führen. Ohne diverse Tricks aus dem Steam-Forum ist die Performance zum Teil im Keller, oder Zwischensequenzen sind zum Ton asynchron. Die Konsolen-Versionen haben dieses Problem nicht. Da sich die Technik gegenüber den Vorgängern kaum geändert hat, gibt es hier aber ein breites Community-Feld, das diverse Kniffe im Steam-Forum oder quer im Internet verteilt dokumentiert hat. Die Vertonung ist auch auf Deutsch äußerst gut gelungen, wenngleich sie dem Original ein wenig hinterherhinkt. So sprechen im Deutschen natürlich alle Charaktere akzentfreies Deutsch, während in den englischen Versionen Englisch mit deutschem Akzent, schottischem Akzent oder gar russischem Akzent gesprochen wird. Das macht die Atmosphäre noch einmal stimmiger, wenngleich auch die deutsche Version mich von Anfang bis Ende vollkommen in den Bann zog. Wer am Ende angelangt ist, kann noch zahlreichen Nebenaufgaben nachgehen und Attentate ausüben oder sich auf Story-DLCs freuen.


Galerien

Fazit:

Wertung: 90%

Schon die letzten beiden Teile wussten mich zu begeistern, aber 'Wolfenstein II: The New Colossus' setzt noch einen rauf – in allen Belangen. Sowohl Humor als auch Dramatik sind noch einmal zugespitzter. Die Action ist auf gewohnt hohem Niveau, und wo in vorigen Spielen die Story noch eher Nebensache war, tritt sie hier deutlich in den Vordergrund. Die oftmals zitierten Vergleiche mit 'Half-Life' oder 'Half-Life 2' kann ich somit nur bestätigen. Das neue Werk von Machine Games und Bethesda ist ein Storyteller-Blockbuster der besonderen Art. Trotz schwierigem Setting und tiefgreifender Zensur weiß die Geschichte zu überzeugen und scheut sich nicht davor, auch aktuelle politische Themen anzusprechen. So kann das Spiel auch als Aufruf an die heutige Zeit wahrgenommen werden. Hut ab, die Kritikpunkte sind so marginal, dass man das Spiel auch für Neulinge im Genre empfehlen kann. Da freut man sich richtig auf die Story-DLCs.

geschrieben am 06.12.17, Peter Färberböck

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Dieser Storyteller-Test gehört zu  Wolfenstein II: The New Colossus.




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