Klassiker-Tests: Phantasmagoria 2 - Labor des Grauens:

Phantasmagoria II: A Puzzle of Flesh


Dass das kommerziell erfolgreichste Sierra Adventure aller Zeiten eine Fortsetzung finden würde, war nicht schwer zu erahnen. Trotz sehr gespaltener Aufnahme in der Medienlandschaft gaben die Verkaufszahlen Sierra recht und so hoffte man, mit dem Markennamen 'Phantasmagoria', für einen erneuten Lichtblick im bereits abflauenden FMV Geschäft zu sorgen. Statt Roberta Williams sollte nun die langjährige Sierra Mitarbeiterin Lorelei Shannon die Führung übernehmen. Mit komplett unterschiedlichem Setting, neuen Charakteren und neuer Technik konnte 'A Puzzle of flesh' allerdings nicht an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen, obwohl eine hochprofessionelle Produktion, eine extrem beklemmende Atmosphäre und kurzweilige Unterhaltung- für erwachsene Spieler- auf der Haben Seite zu Buche standen. Mehr über das letzte interaktive Adventure von Sierra erfahrt ihr in unserem Klassikertest.

 

Curtis Craig, Opfer oder Täter?

Auf den ersten Blick könnte man denken Curtis Craig wäre ein glücklicher junger Mann. Umgeben von seiner fürsorglichen Freundin Jocilyn und seinem besten Freund Trevor geht Curtis in der Pharmaziefirma Wyntech einem regelmäßigen Job nach. Wenn da nur nicht das Wörtchen „Wenn“ wäre. Vor einem Jahr wurde Curtis aus der Psychiatrie entlassen, nachdem er von seinen grausigen Halluzinationen geheilt schien. Nach seiner Rückkehr ins normale Leben erschüttert nun eine Reihe von perversen Morden die Firma Wyntech und fast im Minutentakt wird Curtis von abartigen Visionen geplagt, die ihn in der Frage bestärken, ob er nicht der jenige ist, der für diese Taten verantwortlich ist. Auch die ausufernde SM Affäre mit seiner mysteriösen Kollegin Therese sorgt dafür, dass Curtis zunehmend mehr die Kontrolle über sich verliert. Gleichzeitig stößt er auf die finsteren Machenschaften, die sich hinter der kühlen Fassade der Firma Wyntech zu verbergen scheinen. Doch ist das Geheimnis auf welches er stößt, von zu unvorstellbarer Natur, als dass ein gesunder Verstand auch nur daran denken könnte. Von der Polizei bereits als Hauptverdächtiger der Morde deklariert, beginnt für Curtis ein tödlicher Wettlauf gegen seinen eigenen Verstand...

Fassung und Gewaltlevel

Seit dem Fall Bob weiß man, wozu Industrietacker alles verwendet werden können.

Ein Hinweis: Dieser Test bezieht sich auf die englische Fassung von 'Phantasmagoria II: A puzzle of flesh'. Die ungeschnittene deutsche Version fand - aufgrund des hohen Gewaltanteils- 1997 den Weg auf den deutschen Index.
Etwas irritierend daran ist die Tatsache, dass die englische Fassung ebenfalls über Splatterszenen am laufenden Band verfügt. Wer also den Erwerb des Sierra Titels aufgrund dieser Inhalte plant, muss nicht befürchten ein zerstückeltes Spiel vorgesetzt zu bekommen. Für Zartbesaitete Spieler bietet sich nach der Installation die Möglichkeit, per Passwort sexuelle und gewalttätige Inhalte zu reduzieren. Dieses Feature ist allerdings letztlich Augenwischerei, denn Passwort hin oder her, 'Phantasmagoria II' ist ein gewalttätiges Spiel, welches mit seinen vielen Schocksequenzen und der bedrohlichen Atmosphäre darauf angelegt ist, dem Spieler Angst zu machen.
Auch wer den (sehr dosierten) Gewaltanteil in Teil Eins bereits als zuviel des Guten empfand, sollte um 'A Puzzle of flesh' einen großen Bogen machen. Unentschlossenen Spielern sei hier unsere Screenshot Galerie empfohlen, der man bereits den sehr harten Spielinhalt entnehmen kann.
Wer sich an diesen Dingen und der Sado Maso Komponente nicht stört, kann sich hingegen auf eines der wenigen richtigen Adventures für erwachsene Spieler freuen.

Interface

Curtis in seiner Wohnung.

Wie schon in 'Gabriel Knight 2' und im Vorgänger verändert sich der Mauszeiger in ein Interaktionssymbol, wenn wir ihn über einen Hotspot fahren. Per Klick führt Curtis dann automatisch die jeweils mögliche Interaktionsmöglichkeit aus. Durch die wenigen begehbaren Locations und die überschaubare Anzahl an Hotspots, dürfte es so auch Anfängern leicht fallen, im Spiel voran zu kommen. Unser Inventar befindet sich am unteren Bildschirmrand in verkleinerter optischer Ansicht. Wollen wir einen Inventargegenstand mit einem weiteren Gepäckstück kombinieren, müssen wir erst die Detailansicht eines Gegenstandes auswählen, dann den zweiten Gegenstand auswählen und mit der Nahansicht benutzen. Ebenfalls mit der Detailansicht können wir auch Dokumente lesen. Ansonsten gibt es in der linken oberen Ecke noch die Möglichkeit, sich alle bisher abgelaufenenen Filmszenen in einem Videoplayer einzeln anzusehen.

Das Gameplay

Therese und Curtis in der Sado-Maso Bar.

Wie schon im ersten Teil beschränken sich die Eingriffsmöglichkeiten auf recht simple Handlungen. Die ersten vier von fünf Kapiteln bedienen sich eines relativ ähnlichen Aufbaus. Wir beginnen den Tag in Curtis Apartment, holen unsere Post aus dem Briefkasten, erledigen eine aktuell anfallende Handlung, wie etwa telefonisch einen Termin bei unserer Psychiaterin auszumachen, oder das Rätsel um unsere verschwundene Brieftasche zu lösen. Anschließend geht es zu unserer Arbeitsstelle – Wyntech - wo wir uns fleißig mit allen Angestellten unterhalten, E-Mails lesen, das ein oder andere Puzzle lösen und uns mit allerlei Horrorvisionen rumschlagen, während wir versuchen mehr über die Machenschaften Wyntechs herauszufinden. Gelegentlich statten wir zusammen mit Trevor oder Jocilyn dem Restaurant "The Dreaming Tree" einen Besuch ab und nach Arbeitsschluss geht es ab dem zweiten Tag, zu der Psychiaterin Dr. Harburg, in deren langen Sitzungen wir viele Details über Curtis´ Wesen und Vergangenheit erfahren. Am Ende der ersten vier Kapitel folgt jeweils ein sexuelles Intermezzo, wobei Curtis ab dem zweiten Abend, seine Zeit besonders gerne in Gegenwart von Therese im Sado Maso Club "The borderline" verbringt. Die Puzzleinlagen und Inventarrätsel bleiben stets auf Anfänger Niveau, was zumindest dazu führt, dass man nie lange warten muss, um heraus zu finden, wie es mit der enorm spannend inszenierten Story weitergeht. Lediglich das letzte Rätsel des Spiels ist beinahe unanständig schwer und fällt damit stark aus dem Rahmen. Positiv ist, dass die meisten Rätsel einleuchtender Natur sind, lediglich das erste Rätsel des Spiels, indem wir unsere geliebte Ratte "Blob" dazu bringen müssen, unter der Couch unsere Brieftasche zu beschaffen, fällt hier negativ auf.

Therapiestunde bei Dr.Harburg.

Generell geht es in 'Phantasmagoria II' sehr linear vor sich, auch wenn es sehr viele Szenen gibt, die der Spieler beim ersten spielen nicht unbedingt entdeckt (Die für den Hauptteil der Handlung auch nicht relevant sind, vielmehr handelt es sich hierbei meistens um Halluzinationen von Curtis, die in abgewandelter Form etliche Male im Spiel auftreten), gibt es stets eine bestimmte Aktion, die Curtis ausführen muss, um an anderer Stelle den nächsten Block der Story "frei zu schalten".

Der Wahnsinn schwappt über

Kein guter Tag für Detective Powell.

Eine der Stärken dieses Spiels ist die Tatsache, dass das Infrage stellen des eigenen Verstandes von Curtis auf den Spieler überschwappt. Umso weiter die Handlung voranschreitet, desto häufiger treten Curtis´ Visionen auf und desto erschreckender wird Curtis´ Situation. Neben der imposanten Verwendung der vermeintlichen Halluzinationen, sind es zum Teil Kleinigkeiten die das reale Gefühl um Curtis' geistige Probleme verstärken. So müssen wir an jedem Tag an unserem Bürocomputer E-Mails lesen und nebenbei das ein oder andere Puzzle lösen, um uns Zugriff auf geschützte Bereiche des Computernetzwerks zu verschaffen. Wie aus dem Nichts tauchen in den E-Mails – teils nur für eine Sekunde - unterschwellige Botschaften auf, die Curtis als Mörder und Wahnsinnigen beschimpfen (Und das ist noch die jugendfreie Variante) zudem erhalten wir plötzlich E-Mails von Verstorbenen, die uns für ihren Tod verantwortlich machen. Rufen wir im Büro unsere eigene Telefonnummer im Büro an, kann es passieren, dass wir Sekunden später einen sehr verstörenden, dämonischen Rückruf von einem Wesen erhalten, dass Curtis in seinen Visionen des Öfteren heimsucht. Diese sehr stark vorhandenen Elemente tragen enorm zur intensiven Spielatmosphäre bei und nähren vielfach das Gefühl, als Spieler ganz fest in das Geschehene eingebundene zu sein. Trotz dem nicht all zu schweren Gameplay, kann Lorelei Shannons Werk neben dem gelungenen Inhalt an und für sich, eine beeindruckende Spieltiefe also nicht abgesprochen werden.

Grafik

Trevor,Jocilyn und Therese im Gruppenbild.

'Phantasmagoria II' wurde damals zum einen in einer Windows 95 Only Version, wie auch in einer Version ausgeliefert, die über die Windows und Dos Version verfügte. Während die Windowsversion mit 65.000 Farben daher kommt, wirkt die 256 Farben Version sehr hässlich und unscharf. Aufgrund von technischen Problemen war es bis vor kurzem unmöglich, die Windowsversion auf irgendeinem Betriebssystem nach Windows 98 zu starten. Durch den verlinkten XP/Vista Installer kann nun aber endlich wieder eine optisch angemessene Version von 'A Puzzle of flesh' genossen werden. Allerdings ist die neueste XP Installer Fassung auch nicht komplett identisch mit der eigentlichen Windows Version. Der Sierratypische Interlaced Modus wurde hier zwar positiverweise entfernt, dafür fallen die Videos nun aber etwas pixeliger als die Originalwindowsvideos aus. Nichts desto trotz sieht auch diese Fassung immer noch richtig gut aus und ist kein Vergleich zur furchtbaren Dosversion. Ein Grund für die starke Verbesserung der 65.000 Farben Grafik der Windows 95 Version – im Vergleich zum Vorgänger- liegt zum Großteil dem Umstand zu Grunde, dass der 'Phantasmagoria' Nachfolger nicht mehr im Bluescreenstudio entstanden ist, sondern in diesem Falle vor realen Kulissen, was dem Spiel zusätzlich einen enormen Bonus in Sachen reales Spielgefühl verleiht. Lediglich im finalen Abschnitt des Spiels, wurde Hauptdarsteller Paul Morgan Stetler in einen künstlichen Hintergrund eingefügt.
Ein Hinweis zu unseren Screenshots:
Freundlicherweise wurden uns Screenshots zur regulären Windowsversion von "Scat", verantwortlich für die mehr als empfehlenswerte Seite Interaktive-Filme.de.vu, aufgenommen. Aufgrund von technischen Problemen konnten wir diese allerdings leider nicht verwenden, so dass alle unsere Screenshots aus der von uns getesteten XP/Vista Installer Version stammen.

Professionalität an (fast) allen Ecken

Die Axt im Walde.

Was Sierra bei der Videoproduktion abgeliefert hat, ist auch heute noch beeindruckend. Nicht nur dass man den Psychoterror imposant auf Film gebannt hat und in jeglicher Filmtechnischen Hinsicht einen extrem professionellen Job gemacht hat, auch bei der Wahl der Schauspieler bewies man ein glückliches Händchen. Die vertreten Schauspieler wären wohl nicht die großen Charakterdarsteller, aber für ein auf Realismus ausgelegtes Horrorspiel a la 'Phantasmagoria II' passen sie wunderbar ins Gefüge. Curtis Darsteller Paul Morgan Stettler gibt einen guten Hauptdarsteller ab, dessen geplagter Verstand ihn von einer Extremsituation in die nächste treibt. Etwas blass bleibt dagegen Curtis Freundin Jocilyn alias Monique Parent, die laut Internetmoviedatabase bereits in Klassikern wie 'The witches of breastwick', 'The pornographer' oder 'Intimate Sessions' mitgespielt hat. Hier lag der Grund der Verpflichtung also wohl eher da drin, dem Spieler etwas fürs Auge zu bieten. Einen wunderbaren Job macht hingegen Jocilyns Konkurrentin, die Freizeit- Domina Therese alias Ragna Sigrun. Diese hat zwar keine ähnlich steile Karriere wie Monique Parent hingelegt, erweist sich aber in ihrer mysteriös- verführerischen Art als ideale Besetzung für Therese Banning. Ebenfalls hervorzuheben ist Paul Mitri, alias Curtis´ bester Freund Trevor, der sich als guter Darsteller mit Charisma erweist. Für die restlichen Darsteller gilt, dass alle einen Grundsoliden Job machen, ohne dass dabei jemand aus der Reihe tanzen würde- Insgesamt übertrifft A 'Puzzle of flesh' also auch in diesem Punkt den Vorgänger.

Licht aus, Sound an

Jocilyn sorgt sich um Curtis.

Ein besonders intensives Spielerlebnis bietet sich dem Spieler, wenn er 'Phantasmagoria II' alleine im Dunkeln spielt. Die Vielzahl der Schocksequenzen, die eingebundenen düster-erotischen Elemente, sowie die extrem beklemmende und bedrohliche Atmosphäre bieten eine Intensität von Ausnahmequalität. Einen großen Beitrag dazu leistet die perfekte Sounduntermalung. Von melancholisch- beklemmenden Klaviertönen über düster-elektronische Sounds reichend, schafft es die Musik im Spiel stets, die Wirkung der Szenen und Locations auf den Spieler zu verstärken. Ebenfalls sehr gut hören sich die Stimmen der amerikanischen Schauspieler an, die sich nicht nur ernst und glaubwürdig anhören, sondern hier und da auch mal auf gelungene Art, humorvolle Elemente einbringen.

Funktionalität auf modernen Rechnern

Können wir nicht einfach Freunde sein?

Durch den bereits erwähnten XP/Vista Installer lässt sich glücklicherweise wieder eine Version genießen, die optisch der nahe kommt, die man als 'Phantasmagoria' Veteran Jahrelang vermisst hat. Dieser Installer lässt sich unter folgender Adresse finden: hier klicken
Wer dennoch Probleme hat, muss wohl oder übel auf die Dosbox- Version zurückgreifen, die neben der schwachen Grafik auch mit Performancemängeln bei einigen der Videosequenzen aufwartet. Einige dieser Slowmotionsequenzen lassen sich allerdings im integrierten Videoplayer ohne Probleme nachbetrachten. Für Dosbox Nutzer und Besitzer der Windows Only Version: Mit einem Patch lässt sich aus dieser eine Dosversion machen, diesen findet man unter folgendem Link: hier klicken

Verfügbarkeit
Als Anlaufstelle bietet sich hier primär Amazon Marketplace an, wo 'A Puzzle of flesh' zumindest in unregelmäßigen Abständen immer wieder mal zum Verkauf angeboten wird.


Galerien

Fazit:

Wertung: 4.5 / 5

Wie schon der Vorgänger, so hat auch Lorelei Shannons Titel die Gemüter der Spieler gespalten. Die Frage ist dabei was man von einem Adventure erwartet. Wer anspruchsvolle Rätseleinlagen und riesigen Handlungseinfluss voraussetzt, wird nicht unbedingt zum Klientel dieses Spiels gehören. Ich für meinen Teil aber konnte in diesem Falle sehr gut darauf verzichten, denn mich hat 'Phantasmagoria II' von der ersten bis zur letzten Sekunde- mit seiner packenden Handlung, der beeindruckenden Atmosphäre, den guten darstellerischen Leistungen und den sehr gelungenen Charakteren- gefesselt. Nebenbei ist es hier auch nicht so wie etwa in 'Dark Seed', dass das Gameplay schlecht oder störend wäre, und damit die gelungenen Elemente runterzieht, es ist lediglich nicht sehr fordernd.
Es gab nur ganz wenige Adventures die jemals den hier gezeigten Intensitätslevel erreicht hätten, was ohne FMV Technologie auch heute schlicht und ergreifend nicht mehr möglich wäre. Außerdem ist 'A puzzle of flesh' eines der wenigen Adventures, das ausschließlich auf eine erwachsene Zielgruppe ausgerichtet ist, was ich mir nach diesem letzten FMV Werk von Sierra viel öfter gewünscht hätte. Daneben zeigt sich 'A puzzle of flesh' auch seinem – meiner Meinung nach guten- Vorgänger gegenüber, in den meisten Belangen überlegen (Vom leicht enttäuschenden Ende mal abgesehen) und somit kann ich es jedem Horrorfan nur wärmstens ans Herz legen!

geschrieben am 30.06.08, Ingmar Böke

Systemanforderungen Weitere Links
Win 95/98
CPU mit 75 Mhz
12 MB Ram
Grafikkarte
Soundkarte
16 MB freier Festplattenspeicher
4x CD-Rom Laufwerk


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Dieser Klassiker-Test gehört zu  Phantasmagoria 2.




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