Klassiker-Tests: Dracula Unleashed:

Dracula Unleashed


Nicht lange nach Release von 'Dracula 3: Der Pfad des Drachen', beschäftigen wir uns auch in der Classic Corner mit dem Thema 'Dracula' und Bram Stoker. Dass es endlose 'Dracula'-Verfilmungen gibt, dürfte allseits bekannt sein, dass es allerdings auch bereits ein 'Dracula'-Film-Adventure gegeben hat, muss nicht zwangsläufig zum Grundwissen eines jeden Adventurespielers gehören. Sehr eng angelehnt an die legendären 'Dracula'-Filme aus den britischen Hammerstudios, veröffentlichten Entwickler Icom Simulations und Publisher Viacom 1993 mit 'Dracula Unleashed' ein Spiel, das 10 Jahre nach dem Ende des Romans einsetzt und Stokers Story fortsetzt. Die Frage ist dabei, ob 'Dracula: Unleashed' neben einem spannend inszenierten Film auch ein gutes Adventure abgibt- Eine Frage die unser Klassikertest beantworten soll.


Anmerkung:

Dieser Test bezieht sich auf die 1993 veröffentliche Cd-Version von 'Dracula Unleashed', gleiches gilt für alle Screenshots. Über die Unterschiede klärt eine Rubrik am Ende des Tests auf. Das komplette Intro der DVD-Version lässt sich im übrigen in unserem Videoplayer ansehen.
Hier klicken um das DVD-Intro zu betrachten


Der Hauptcharakter: Alexander Morris.

Wir schreiben das Jahr 1899, Zehn Jahre ist es her, dass die Gemeinschaft um Jonathan und Lucy Harker, Dr. Abraham van Helsing, Quincy Morris und Arthur Godalming den Grafen Dracula vernichten konnte- Zumindest glaubten sie dies. Zehn Jahre später wird nun Alexander Morris, der Bruder des im Kampfe gegen Dracula ermordeten Quincy Morris, in London von Lord Arthur Godalming in die High Society eingeführt. Doch urplötzlich reihen sich merkwürdige Ereignisse aneinander, von dubiosen Todesfällen über das völlig befremdlich-veränderte Wesen der besten Freundin von Alexanders großer Liebe Annisette- ist das Grauen nach London zurückgekehrt?
Erneut kommen Draculas Gegenspieler zusammen, gehen den mysteriösen Vorgängen nach und spätestens mit der Ankunft von Dr. Van Helsing steht fest, dass die englische Metropole ein zweites Mal von einem Vampir heimgesucht wird.
Seite an Seite ziehen die Freunde in den Kampf, doch scheint der Gegner übermächtig und die Zeit auszulaufen, denn auch Annisette trägt bereits das Mal des Vampirs…

Das Interface

Standbild vom Standbild: Die "Spiel-Engine" samt Benutzer-Interface.

Am unteren Bildrand befinden sich sechs Symbole hinter denen sich ein Adressbuch, eine Uhr, das Inventar, ein Stadtplan (der eine Berechnung der Zeit aufstellt, die man von einem Ort Londons zum anderen benötigt), das Optionsmenü, und eine Hilfsfunktion, in der uns Professor van Helsing das Spielprinzip erläutert. Wenn wir unser Inventar aufrufen, können wir uns von Alexander eine kurze Information zum jeweiligen Gegenstand aufsagen lassen. Um einen Gegenstand zu benutzen, müssen wir ihn in ein spezielles Fenster verschieben und durch einen Klick aktivieren. Wenn wir eine Location betreten, wird der Gegenstand dann automatisch in der folgenden Videosequenz benutzt, zumindest in dem Falle, dass der Gegenstand sich auch an dem Ort verwenden lässt.

Dracula Unleashed als Spiel

Das Grauen ist nach London zurückgekehrt.

Und hier wären wir auch schon bei der ganz großen Schwäche von 'Dracula Unleashed'. Auf die Vorzüge der gelungenen Filmumsetzung und der Atmosphäre werde ich später noch zu sprechen kommen, aber der spielerische Teil von 'Unleashed' ist leider ganz einfach schlecht. Aber wie sieht das Gameplay überhaupt aus? Nun, wir klicken uns aus Ego-Perspektive durch statische Screens (Wir können uns nicht bewegen), in denen es im Normalfall nur zwei Handlungsmöglichkeiten gibt , entweder wir klicken die Tür einer Location an, oder wir besteigen eine Kutsche, die sich an jedem Schauplatz befindet. Wir reisen von einem Ort zum nächsten und warten darauf, dass sich die jeweils nächste Videosequenz abspielt. Bei jedem Schauplatz den wir in der Außenansicht anklicken, startet eine solche Sequenz
Rätsel wird man in 'Dracula Unleashed' vergeblich suchen. Hier und da, müssen wir – wie schon erwähnt- mal einen Inventargegenstand in unserem Gepäck per Interaktionsmenü auswählen, dieser wird in der jeweiligen Videosequenz dann automatisch verwendet. Manuelle Gespräche führen, können wir ebenfalls nicht. Haben wir die Tür eines Schauplatzes angeklickt, findet ein Gespräch mit der dort beheimateten Person automatisch in einem kurzen Video statt.

Draculas Gegner: Ein 2. Mal müssen die ewig-gebundenen Freunde gegen den Grafen in den Krieg ziehen.

Das klingt ja bislang alles so, als wäre dieser Titel ein entspanntes Klicken von einer Videosequenz zur nächsten, ohne jeglichen Spielinhalt. Von der Hand zu weisen, ist dies in der Tat nicht, doch habe ich das hinterhältigste „Feature“ dieses interaktiven Spielfilms bislang verschwiegen. Alexander steht unter permanentem Zeitdruck, es gibt an jedem der vier Tage eine bestimmte Anzahl von Schauplätzen, die innerhalb des richtigen Zeitraums (Auf unserer Uhr können wir die schnell runtertickende Uhrzeit stets im Überblick behalten). besucht werden müssen, um den nächsten Filmclip mitzubekommen, der die Handlung vorantreibt. Da man oft nicht weiß, welcher denn der nächste Schritt ist, begibt man sich oft in Sackgassen, da man zu spät dran ist um eine bestimmte Sequenz zu verfolgen. In der Regel haben diese Dead-Ends die Folge, dass Alexander am Ende des jeweiligen Abends von einem weiblichen Vampir getötet wird. Und so hetzt man zwischen den Schauplätzen umher, in der Hoffnung, alles rechtzeitig zu erledigen und den jeweiligen Tag erfolgreich (beziehungsweise lebendig) abzuschließen. So verbringt man viel Zeit damit, auszuprobieren, Fehler zu machen, viele Male neu zu laden und sich die richtige Reihenfolge an Handlungen anzutrainieren.

Die Figuren in 'Dracula Unleashed' führen allesamt ein Eigenleben, so geschieht es oftmals, dass wenn wir das Haus eines Protagonisten betreten, ein Butler oder Dienstmädchen die Tür öffnet und uns sagt, dass die jeweilige Person nicht zuhause ist. Diese Stellen des Spiels treten fortwährend auf und spätestens nach dem 138. Butler fragt man sich, was das Ganze eigentlich soll.
Leider bedient 'Dracula: Unleashed' durch sein Pseudo-Gameplay sämtliche negativen Klischees, die dem Genre des interaktiven Films bis heute anlasten. In diesem Falle haben wir es allerdings mit einem Extrembeispiel zu tun, da das Gameplay eigentlich kaum noch ernsthaft als Gameplay bezeichnet werden kann, gleichwohl kann dieser Titel allerdings durchaus überzeugen, wenn es um den Aspekt Film geht,

Dracula Unleashed als Film

Kein Entrinnen gibt es des Nachts vor Draculas Frauen.

Definitiv handelt es sich hier mehr um einen Spielfilm als um ein richtiges Spiel.
Sehr stark inspiriert von den englischen Hammerstudios, in denen Christopher Lee als Dracula zum Weltstar wurde, bietet dieser Titel ein gelungenes Sittenbild Londons zum Ende des 19. Jahrhunderts. Hierzu tragen besonders die vielen authentischen Kostüme und die sehr dichte Atmosphäre einen großen Teil bei. Atmosphäre ist hier ohnehin ein gutes Stichwort, denn in diesem Aspekt funktioniert 'Dracula Unleashed' sehr gut. Jede Menge an Nebel zieht sich durch die nächtlichen Straßen und desto weiter wir vorankommen, desto schauriger wird die Stimmung. Auch die –etwas flache- Story zieht die Spannungsschraube zunehmend an. Etwas ärgerlich ist es, dass es nur ganz wenige lange Videosequenzen gibt und wir stets einen kurzen Schnipsel nach dem nächsten vorgesetzt bekommen. Im Negativen trägt dies zu der gehetzten Stimmung bei, in die uns das Gameplay ohnehin versetzt. Dennoch überwiegt filmisch das positive. Einige der Schauspieler wirken zwar sehr steif, doch das konnte auch die Draculafilme von Hammer nicht herunterziehen, hier ist 'Unleashed' sehr altmodisch gehalten, als seichter aber dafür kurzweiliger Unterhaltungsfilm geht das Modell auf. Der Hauptdarsteller ist durchaus einer der talentierteren Schauspieler des Teams, während beispielsweise der Darsteller von Jonathan Harker eine dröge Figur abliefert, die ungemein enttäuschend für literarische und cineastische Fans von Stoker ist.
Sehr amüsant und schrullig fällt hingegen Professor Van Helsing aus, der zwar bei Weitem kein Peter Cushing ist, seine Rolle aber recht unterhaltsam und witzig ausfüllt.

Grafik

Das Mal des Vampirs.

Bedenkt man das Alter von 'Dracula Unleashed', sehen die Videosequenzen der Cd-Version –trotz fehlender Schärfe- überraschend gut aus. Allerdings werden diese nur in einem winzig kleinen Fenster in der Bildschirmmitte abgespielt. Im Jahre 2002 wurde das filmische Adventure um Dracula und Co allerdings als DVD rereleased, hier sind die Minivideos Bildschirmfüllenden Sequenzen gewichen und die Abenteuer von Alexander Morris lassen sich somit endlich in optisch ansprechender Form genießen (Mehr dazu im Verlauf des Tests). Die gezeichneten Bilder der Spiel-Umgebung sind zwar völlig leblos und statisch, aber dafür gibt es gelegentlich auch in den Videosequenzen Stellen, in denen eine Aneinanderreihung von gezeichneten Bildern einen kurzen Teil der Story weitererzählt. Diese Bilder fallen herrlich schaurig aus und passen vorzüglich zum Vampir-Thema.

Sound

Sehr gelungen und schaurig fallen diverse Rückblenden in gezeichneter Form aus.

Bei der Musik im Intro und Outro handelt es sich tatsächlich, bei einem insgesamt mäßigen Gesamtprodukt, um zwei der besten Musikstücke, die jemals in einem Adventure zu finden waren. Keine Kosten gescheut haben Viacom und Icom Simulations hierbei, handelt es sich doch um die legendär-epischen Chor/Orchester-Stücke 'Fortuna Plango Vulnera' und Carmina Burana, die wie ein mächtiger, finsterer Orkan über den Spieler hereinpeitschen und ganz einfach großartig sind. Nebenbei fällt hier auch auf, dass Mark Seibert, Komponist von 'Phantasmagoria', sich mehr als eindeutig von 'Fortuna Plango Vulnera' hat inspirieren lassen, nur dass sein 'Phantasmagoria'-Score – trotz der vorhandenen Qualität- nicht die majestätische Wirkung des Originals erreicht.
Im Spiel selbst hat man sich Musik dafür allerdings weitestgehend eingespart.
Eine deutsche Fassung von 'Dracula: Unleashed' hat es nie gegeben- Die stimmlichen Leistungen der Schauspieler sind recht steif, aber zumeist im Sinne der Hammerstudios durchaus passend. Amüsant und sehr schrullig wirkt der holländische Akzent von Van Helsing, was jedoch exakt den richtigen Nerv der gewählten Portraitierung erwischt.

Funktionalität auf modernen Rechnern:

Während des Tests lief 'Dracula Unleashed' in der Dosbox ohne irgendein Problem.

Verfügbarkeit:

Glücklicherweise stellt die Verfügbarkeit dieses nicht gerade sehr bekannten Titels kein großes Problem dar. Bei Ebay sind sowohl CD-Rom als auch DVD-Version zu gemäßigten Preisen zu erwerben.

Die DVD-Version: Multimedia-Ware für das Heimkino

Die Optik der DVD-Ausgabe.

Dass es sich bei diesem Titel um ein Produkt ohne großen spielerischen Inhalt handelt, wird spätestens klar, wenn man sich mit dem Konzept der 2002 veröffentlichten DVD-Neuauflage beschäftigt. Abspielen lässt sich diese in jedem Heim-DVD-Player. Mit den „Cursor-Tasten“ der Fernbedienung klicken wir uns durch das unveränderte Spielprinzip.
Auf dem PC lässt sich diese Variante nicht als normales Spiel installieren, sondern ausschließlich per DVD-Software a la WinDVD abspielen, nur dass wir hier statt einer Fernbedienung die Maus benutzen können. Wenn wir das Spiel „abspeichern“ wird uns eine Reihe von Symbolen dargestellt, geben wir diese beim nächsten Mal im Ladebildschirm ein, können wir von der Stelle weitermachen, an der wir aufgehört haben.

Natürlich sind die Bildschirmfüllenden DVD-Videos der ganz große Vorzug gegenüber der hier getesteten CD-Version. Auch wenn die DVD-Version nicht gestochen scharf ist und stets ein grobkörniges Flimmern dabei ist, sieht diese natürlich um Längen besser aus, als die CD-Videos in Mini-Fenstern. Vom optischen Standpunkt her, kann ich also nur zu dieser Neuauflage raten. Der Malus hierbei ist allerdings der, dass die atmosphärisch-bombastischen Intro/Outro-Tracks 'Fortuna Plango Vulnera' und Carmina Burana nicht mehr mit von der Partie sind, da man scheinbar für das Rerelease nicht mehr die Rechte an diesen genialen Titeln hatte.

Abschließend gibt es noch ein paar kleine Bonus-Inhalte zu erwähnen, die sich auf der DVD finden lassen, als da wären : Ein kurzes Making Of, Audio-Outtakes, nicht verwendete Szenen und ein Promoclip für die Neuauflage der interaktiven Film-Reihe 'Sherlock Holmes: Consulting Detective', die nicht nur von den selben Machern stammt, sondern im Grunde ganz genauso funktioniert wie 'Dracula Unleashed'.


Galerien

Fazit:

Wertung: 2 / 5

Als großer Fan des Dracula-Mythos kann ich dem recht gelungenen Filmaspekt durchaus etwas abgewinnen. Natürlich ist 'Dracula Unleashed' dabei lange nicht so gut wie die großen Vertreter des Vampirfilm-Genres, aber es ist recht unterhaltsam und schön schaurig. Sehr schaurig ist allerdings auch das Gameplay, was diesen Titel für nicht wenige Spieler zu einem absoluten No-Go machen dürfte. Von Sackgassen über permanente Zeitnot, wird man permanent mit Dingen konfrontiert, die man als Adventurespieler einfach nicht sehen will, während man jegliche Form von Rätsel dafür umso lieber gesehen hätte.
Dass 'Dracula Unleashed' recht unbekannt ist, hat also durchaus seine Berechtigung. Lediglich einige Vampirfans, Freunde von altmodischen Gruselgeschichten und Hardcore-FMV-Fans mögen ihre Freude an diesem Multimediaprodukt haben, ansonsten dürften eher die wenigsten mit 'Dracula Unleashed' glücklich werden.


geschrieben am 12.10.08, Ingmar Böke

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