Reviews: What Makes You Tick: A Stitch in Time :

What Makes You Tick: A Stitch in Time


Lassie Games ist nicht etwa der Name der neuesten Spielsimulation rund um den vielleicht berühmtesten Hund der Welt, sondern der eines kleinen Independent-Entwicklerteams, das 2007 zum ersten Mal durch ein liebevoll gestaltetes Adventure auf sich aufmerksam machte. Der völlig kostenfrei verfügbare Titel 'What Makes You Tick' legt dabei den Grundstein für eine interessante Spielwelt sowie viele ausgefallene Charaktere und Ideen. Die darin begonnene Handlung wird nun im Nachfolger 'What Makes You Tick: A Stitch in Time' fortgeführt, welches nicht nur von der Kurzgeschichte "Das Schloss" von Franz Kafka inspiriert wurde, sondern über Publisher Just-A-Game sogar den Weg in die deutschen Händlerregale gefunden hat. Für uns Anlass genug, den vielversprechenden Titel einmal von Kopf bis Fuß zu beleuchten.


Ein Schatten über Ravenhollow

Die Rückkehr nach Ravenhollow hätte sich Nigel sicherlich unter anderen Umständen gewünscht.

Unter dem unscheinbaren Wort Idylle wird wohl jeder etwas anderes verstehen. Manch einer verbindet damit das leise Rauschen des Meeres am Rande eines kleinen und geruhsamen Ortes, in dem sich die Bewohner meist noch persönlich kennen und mit ihren kleinen Familienbetrieben das Dorfleben aufrecht erhalten. Exakt in dieses Bild passt auch Ravenhollow, Schauplatz der Handlung in 'What Makes You Tick: A Stitch in Time', bestens hinein. Dorthin kehrt Hauptcharakter Nigel Trelawney nach vielen Jahren der Abwesenheit zurück, nachdem er in einer leider unerfreulichen Nachricht vom Tod seines Vaters erfuhr. Zwar herrschte schon seit langer Zeit Funkstille zwischen den beiden, nachdem sich Nigels Eltern trennten, als er noch ein kleiner Steppke war. Damals hatte sein Vater, Dr. Anthony Trelawney, nur noch Augen für seine Arbeit am Smith-Forschungsinstitut und damit kaum Zeit für die Familie, weshalb Nigels Mutter beschloss, ihren Mann und damit auch Ravenhollow zu verlassen und den gemeinsamen Sohn mitzunehmen. Noch immer nicht ganz verwunden, dass das Familienoberhaupt vor vielen Jahren seinen familiären Pflichten nicht ausreichend nachgekommen ist, stellt diese traurige Mitteilung dennoch Anlass genug dar, endlich wieder einen Fuß in das verschlafene Nest zu setzen, zumal auch das Familienerbe - ein Anwesen im Dorf - angetreten werden möchte. Dies wurde ihm zusammen mit einem alten Foto des Vaters vermacht. Darauf sind neben Dr. Trelawney auch die ehemaligen Arbeitskollegen abgebildet, inklusive der Notiz "A Stitch in Time Saves Nine...Ein geflickter Riss zur rechten Zeit spart neunfach Müh und Leid".
 

Doch Nigels Vater ist vor Monaten unter kuriosen Umständen ums Leben gekommen. Zeit, das Erbe anzutreten.

Für Nigel bislang nicht mehr als eine kryptische und belanglose Botschaft, beginnt nach der Ankunft im Hafen von Ravenhollow die Suche nach dem Nachlassverwalter und Anwalt des Vaters, einem gewissen Lionstone. Schnell wird allerdings klar, dass sich dies als schwieriger gestalten wird, als ursprünglich angenommen. Seit geraumer Zeit läuft in Ravenhollow nämlich nichts mehr wirklich normal, nachdem das über dem Ort thronende Schloss und der darin sesshafte Baron Northwest die Kontrolle über sämtliche Dorfaktivitäten übernommen hat und die Bewohner mit fragwürdigen Maßnahmen regelrecht schikaniert. Dazu gehört auch, dass eigentlich ohnehin niemand Fremdes einen Fuß in die Gegend setzen darf, was auch Nigel bald unsanft zu spüren bekommt. Kleinere Rückschläge sind aber noch kein Grund, vorschnell aufzugeben und das Erbe in den Wind zu schießen. Zudem weckt die Begegnung mit Dr. Coppelius, ein ehemaliger Arbeitskollege des Vaters am Smith-Institut und einer von zahlreichen Charakteren aus dem Vorgänger, das Interesse von Nigel an den Vorgängen in Ravenhollow und der mysteriösen Nachricht des Vaters.
 
Des Nagers linke Taste

Wichtige Dokumente werden im Notizbuch aufbewahrt und können jederzeit erneut gelesen werden.

Wer den Vorgänger nicht gespielt hat, wird sich dennoch gut in der Welt von 'What Makes You Tick: A Stitch in Time' zurechtfinden, auch wenn manche Referenz dabei unentdeckt bleiben dürfte. Wie gewohnt, darf hierzu nach altbewährter und klassischer Point-and-Click-Schule auch dieses Mal wieder zur Maus gegriffen werden. Interaktionen mit der Umgebung finden über ein selbsterklärendes Interaktionsmenü statt, welches sich öffnet, sobald die Maustaste über dem Hotspot einer Szene für einen kurzen Moment gedrückt gehalten wird. Darüber erreichbar sind drei Funktionen, nämlich das Betrachten und Benutzen von Objekten sowie das Starten einer Konversation mit den unterschiedlichsten Charakteren. Auch das Inventar ist Genre-typisch über den unteren Bildschirmrand oder wahlweise ein Shortcut auf der Tastatur zu erreichen, wobei besonders die Mausvariante ein wenig fummelig ist. Dies ist vor allem der Position zu verdanken, an der ein Aufruf des Inventars möglich ist. Gelingt dies im rechten und linken unteren Bildschirmbereich noch absolut problemlos, findet sich zentral gelegen ein kleiner Bereich, der sich den Bemühungen etwas widerspenstig entgegen stellt. Ist das ständig wachsende Sammelsurium von Nigel einmal geöffnet, können die Objekte in die Hand genommen und durch einen Doppelklick auch wieder abgelegt werden. Gerade letzteres geschieht in diesem Zusammenhang durchaus auch einmal versehentlich, gerade wenn man sich an einigen Kombinationsversuchen mit anderen Gegenständen oder der Umgebung versucht. Ebenfalls über den unteren Bildschirmbereich erreichbar sind Menü sowie Notizbuch, wobei letzteres die ziemlich praktische Eigenschaft hat, gefundene Dokumente abzuheften und zum Nachlesen aufzubewahren.
 

Schon relativ früh sind die meisten Orte in Ravenhollow erreichbar. Davon profitiert vor allem das nichtlineare Rätseldesign.

Da somit alle wichtigen Funktionen problemlos mit nur einer Maustaste abgedeckt sind, bleibt im Gegenzug die rechte Maustaste ausnahmsweise einmal vollständig ohne Funktion, zumindest ohne beabsichtigte. Da sich das ganze Spiel im Flash Player von Adobe abspielt, kann es zu einem unschönen Nebeneffekt kommen, wenn sich der klickwütige Adventurefinger doch einmal aus Gewohnheit auf die falsche Taste des Nagers verirrt. In der Konsequenz wird man nämlich nicht nur den Mauszeiger des Spiels, sondern auch den aus Windows zum Begleiter haben, was sich nur durch einen Neustart des Spiels beheben lässt. Insgesamt zeigt sich die Steuerung aber eingängig, wenn auch in seltenen Ausnahmefällen etwas genauer nach bestimmten Bildschirmpixeln Ausschau gehalten werden muss, um im Spiel voran zu kommen. Von derartigen Suchereien haben sich mittlerweile die meisten Adventures der Neuzeit durch das Anbieten einer optionalen Hotspot-Anzeige längst verabschiedet. Wer es stattdessen auch an dieser Stelle gerne etwas klassischer mag, der wird sich freuen, nicht in Versuchung geführt zu werden. Eine solche Funktion, wie auch immer man zu ihr stehen mag, wird man in 'What Makes You Tick: A Stitch in Time' nämlich vergeblich suchen und stattdessen dem eigenen Auge vertrauen müssen.
 
[Head]Hilf du mir so helf' ich dir

Bestimmte Rätsel müssen bei Tag, andere wiederum bei Nacht gelöst werden.

Ist man nach den ersten Minuten mit den Grundzügen der Steuerung vertraut, kann Nigel endlich versuchen, das Erbe seines Vaters anzutreten, muss dabei aber die Erfahrung machen, dass die Bürokratie ihre eigenen Gesetze hat. Aufgrund einer eigentlich schon lange Zeit zurückliegenden und äußerst kuriosen Geschichte haben die ehemaligen neun Arbeitskollegen aus dem Smith-Institut einen nahezu vernichtend winzigen Anspruch auf einen Teil des Erbes. Das Schloss und dessen Sprachrohr Lowell Cain, Oberbefehlshaber der neu installierten Strafverfolgungsbehörde, verlangen zur Beglaubigung des Testaments die neun Siegelringe jener Wissenschaftler, deren Stempel auf dem Dokument eine Verzichtserklärung auf das zu verteilende Erbe bezeugen sollen. Gar nicht so einfach, hat das Smith-Institut doch schon vor Jahren die Pforten dicht gemacht. Damit sein Besuch in Ravenhollow dennoch nicht vergebens ist, muss Nigel vor allem sehr stark auf die Unterstützung der ansässigen Bewohner bauen. Diese sind zwar grundsätzlich bereit, ihn bei seiner Familienangelegenheit zu unterstützen, haben aber auch selbst mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, die nicht selten auf die neuen Bestimmungen des Schloss zurückzuführen sind. Getreu dem Motto "Eine Hand wäscht die andere" beseitigt Nigel im Austausch für deren Hilfsbereitschaft die unterschiedlichsten Probleme und sieht sich dabei mit wohlstrukturierten und längeren Rätselketten konfrontiert, um am Ende seinem Ziel wieder ein Stück näher gekommen zu sein.
 

Dieses Angel-Minispiel ist glücklicherweise das einzige seiner Art.

Um beispielsweise überhaupt erst an einen Dorfpass zu gelangen und sich damit frei in Ravenhollow bewegen zu dürfen, muss Nigel dem von seiner Pflicht entbundenen Hafenmeister ein seetaugliches Boot beschaffen, woraufhin man wiederum in der darauffolgenden Nacht Zugang zum Hafenbüro erhält, wo sich der Schlüssel für eine bisher noch verschlossene Bootstruhe befindet. Hat er sich auch diesen ergaunert, kann mit dem Truheninhalt die Gunst einer weiteren Person gewonnen werden, wodurch dann auch der ersehnte Dorfpass in die eigenen Taschen wandert. Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass einige Aufgaben nur bei Tag, andere - wie das heimliche Betreten des Hafenbüros - nur bei Nacht durchführbar sind. Um selbstständig zwischen den einzelnen Tageszeiten zu wechseln, ist nur ein geeigneter Schlafplatz notwendig, den Nigel für sich nutzen und somit die Stunden gemütlich überbrücken kann.
 
Auch wenn man sich durch die ständigen Hilfsaktionen zeitweilig ein wenig zum Laufburschen degradiert fühlt, sind die Rätsel, bis auf wenige fragwürdige Ausnahmen gegen Ende des Spiels, zumeist logisch aufgebaut und erfrischend nichtlinear. Welchem Problem sich Nigel als nächstes widmet, bleibt dem Spieler in gewissem Rahmen selbst überlassen. So steht schon relativ früh ein großer Bereich der Spielwelt zur Erkundung bereit und jede erledigte Aufgabe führt ein Stück tiefer in die Geschichte ein, um damit ein weiteres Puzzlestück zu den Geheimnissen von Ravenhollow, den Bewohnern und natürlich auch dem Schloss zu liefern. So interessant die Geschichte dabei über weite Strecken auch ist, zeigt sich der Hauptplot trotz der Möglichkeiten vor allem gegen Ende ein wenig zu konventionell. Doch auch dieses kleine Manko trübt nicht die Tatsache, dass 'What Makes You Tick: A Stitch in Time' nahezu über die gesamte Spielzeit eine unterhaltsame, kurzweilige und faszinierende Handlung liefert.
 
Verschmelzung von Kunst und Spiel

Stets bedrohlich im Hintergrund: Schloss Northwest.

Ganz besonders profitiert das Spiel in diesem Punkt von der überaus gelungenen Atmosphäre. Vor einiger Zeit noch propagierten große Entwicklerstudios, dass Adventures in Zukunft nur noch mit aufwändigen und kostspieligen 3-D-Engines das richtige Spielgefühl werden vermitteln können. Diese Ansicht ist nicht nur längst wieder überholt, sondern sie wurde sogar durch zahlreiche Gegenbeispiele in den letzten Jahren eindrucksvoll widerlegt, weshalb längst auch klassische 2-D-Adventures wieder salonfähig geworden sind. Dass zu dieser Entwicklung auch Independent-Entwickler ihren Beitrag leisten können, unterstreicht Lassie Games mit 'What Makes You Tick: A Stitch in Time' sehr eindrucksvoll. So werden Ravenhollow und die umliegenden Gebiete in liebevoll handgezeichneter 2-D-Optik präsentiert, welche vor allem die melancholische Grundstimmung beachtenswert gut transportiert. Ob es nun der etwas trübe Hafen bei Tag oder der sternenklare Dorfhimmel in der Nacht ist, nahezu jedes Bild trägt dazu bei, das fast schon bedrohlich im Hintergrund lauernde Schloss mit dem sehr individuellen Grafikstil stimmungsvoll einzufangen.
 

Hat man den kostenlosen Vorgänger gespielt, darf man sich auf ein Wiedersehen mit einigen Charakteren freuen.

Entsprechend ist es verdammt schade, dass es hin zu den Charakteren einen erkennbaren Stilbruch zu beobachten gibt. Den weichen Umrandungen und Farbübergängen der Hintergründe stehen comichafte Charaktere mit klaren Konturen und strikten Farbunterteilungen entgegen, was diese deutlich stärker aus der Umgebung herausstechen lässt. Das größte Manko der insgesamt dennoch gelungenen Optik sind aber die viel zu hölzernen und ungelenken Animationen, die nicht so recht zu dem stimmigen Gesamtbild passen wollen. Ob ähnliche Kritik auch auf eine Lippensynchronität zutreffen würde, bleibt dabei der eigenen Vorstellungskraft überlassen. Weder handelt es sich um einen zu zaghaft eingestellten Regler im Optionsmenü, noch haben die Mitarbeiter eines Tonstudios vergessen, rechtzeitig den Aufnahmeknopf zu drücken. Vielmehr liegt es daran, dass 'What Makes You Tick: A Stitch in Time' vollständig auf jegliche Sprachausgabe verzichtet. Und das, obwohl die Charaktere nicht gerade wenig zu erzählen haben. Die teilweise relativ ausschweifenden Dialoge, die sich auch nicht immer nur auf die wichtigen Details der Handlung konzentrieren, sondern auch sehr oft Hintergrundinformationen über die Charaktere und deren Leben offenbaren, fordern in Anbetracht dessen sehr viel Lesearbeit. Wen diese Tatsache aber nicht abschreckt, der dürfte durchaus gut 6-8 Stunden in Ravenhollow verbringen, um Nigel bei seiner Aufgabe zu helfen und dabei auch hinter das Geheimnis der Schlossregentschaft zu kommen. Und immerhin muss man sich während dieser Zeit zumindest nicht über unpassend gewählte Sprecher ärgern.


Galerien

Fazit:

Wertung: 79%

Gelegentlich können ausgerechnet solche Spiele, die man noch nicht so richtig auf dem Zettel hat, am stärksten positiv überraschen. Für mich ist 'What Makes You Tick: A Stitch in Time' genau eines davon. Lassie Games gelingt es hervorragend, rund um das Schloss im Hintergrund eine wirkungsvolle Drohkulisse aufzubauen, ohne dabei zu aufdringlich zu wirken oder die stets greifbare melancholische Grundstimmung zu vernachlässigen. Dazu trägt nicht nur der unverwechselbare Grafikstil und die meist passende Soundkulisse bei, auch die stimmigen und oftmals nichtlinearen Rätsel, welche Stück für Stück einen Teil der Handlung offenbaren, sorgen jederzeit für ausreichend Motivation, um hinter das Geheimnis von Ravenhollow zu kommen. Lediglich der ein oder andere vorhersehbare Handlungsbogen lässt die Geschichte nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen. Die größten Schwächen des Spiels zeigen sich aber vor allem in den Bereichen der Charakteranimation und der gelegentlich etwas holprigen Steuerung, die mit ein wenig Eingewöhnung allerdings in den Griff zu bekommen ist. Im Austausch erhält man ein gelungenes Independent-Adventure, welches trotz fehlender Sprachausgabe einen guten Eindruck und Lust auf weitere Abenteuer in der Welt von 'What Makes You Tick' macht. Wer also keine Angst vor vielen Wörtern und dem damit verbundenen Lesen hat, der kann beruhigt einen Abstecher nach Ravenhollow wagen.

geschrieben am 20.09.11, Andreas Baumann

Systemanforderungen Weitere Links

Windows ab XP, MacOS X ab 10.4.9 (Intel Mac)
512 MB RAM
Adobe AIR-Installation erforderlich
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Dieses Review gehört zu  What Makes You Tick: A Stitch in Time .




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