Reviews: Black Mirror - Der dunkle Spiegel der Seele:

Black Mirror: Der dunkle Spiegel der Seele


Kaum ein Spiel wurde bereits im Vorfeld so gelobt wie 'Black Mirror' aus der Schmiede der tschechischen Entwickler Unknown Identity. Von allen Seiten kam durchweg positive Resonanz, besonders über die gelungene Aufarbeitung der bereits erhältlichen englischen Version und das vom Hamburger Publisher dtp vorbildlich umgesetzte Bug-Fixing für den deutschen Markt. Ob es sich tatsächlich lohnt, sich auf die Reise ins verregnete England der 80er Jahre zu machen, erfahrt ihr in unserem Review.


England in den frühen 80er Jahren. Nach dem mysteriösen Tod seines Großvaters William kehrt der junge Adlige Samuel Gordon, Sprößling einer Familie mit über 750jähriger Tradition, auf das alte Anwesen seiner Vorfahren zurück. Obwohl seit dem grausamen Feuertod seiner Frau bereits zwölf Jahre vergangen sind, plagen ihn noch immer Schuldgefühle, die ihn bisher dazu veranlassten, einen weiten Bogen um das uralte Schloss zu machen. Samuel will nicht glauben, dass sich sein Großvater tatsächlich selbst das Leben genommen hat und darum stürzt er sich in Nachforschungen, die ihm schließlich eine Geschichte voller Wandlungen und Wendungen offenbaren werden, die er sich nie hätte erträumen können und wollen. Er enthüllt Geheimnisse, die niemals hätten ans Licht kommen sollen und findet schließlich auch seinen eigenen Platz im Schicksal der Familie Gordon.

Die fesselnde Story ist unterteilt in sechs Kapitel, die den Protagonisten Samuel an gut 120 grundverschiedene Locations führen, die es zu untersuchen gilt. Vom Schloss Black Mirror selbst über das kleine, verschlafene Nest Willow Creek, ein Sanatorium für Geistesgestörte, bis nach Wales erwartet Samuel eine aufregende Reise und jede Menge Rätsel, die zunächst jedoch mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten.

Never change a winning team

Bei Steuerung und Gameplay setzt 'Black Mirror' weniger auf Innovationen, als viel mehr auf Tradition, die schon bei anderen Spielen wunderbar funktioniert hat. Per Point & Click bewegt der Spieler Samuel in 3rd Person Ansicht durch die detailliert gestalteten Hintergründe und für besonders eilige besteht die Möglichkeit, einen Raum auch mit einem Doppelklick auf den Ausgang, symbolisiert durch den zu einer Tür veränderten Cursor, direkt zu verlassen, ohne dass Samuel ihn tatsächlich durchqueren muss. Auch hilfreich bei der Navigation durch die zahlreichen Locations ist die Karte, die unser adliger Protagonist gleich zu Beginn des Spiels findet und auf dieser jeweils neu entdeckte Orte vermerkt, die dann ab sofort direkt erreichbar sind. Entdeckt der Spieler einen Hot Spot mit dem Samuel interagieren kann, färbt sich der Cursor rot, mit einem Linksklick kann der Gegenstand angesehen oder aufgehoben werden. Besteht die Möglichkeit einen anderen Charakter anzusprechen, reicht ein Linksklick auf das Sprechblasensymbol und Samuel wird ihn nach Strich und Faden ausfragen. Mit der rechten Maustaste werden einige Objekte, besonders die im Inventar, einer näheren Untersuchung unterzogen, einige Objekte werden abgetastet, oder durchwühlt, wie zum Beispiel der Türrahmen in Samuels Zimmer. Leider ist es nicht immer ganz logisch, wann und wie die rechte Maustaste tatsächlich eingesetzt werden muss, und somit ist es sicherlich ein Feature, auf das man auch gut hätte verzichten können. Teilweise, wie zum Beispiel beim Lösen eines Puzzle- Rätsels, schaltet die Kamera in die Ego-Perspektive - die Steuerung verändert sich hier jedoch nur teilweise, geht aber nach wie vor leicht von der Hand. Das Inventar selbst ist ständig am unteren Bildschirmrand aufrufbar und durch einen Klick auf die Zahnräder am rechten oberen Bildschirmrand gelangt man zurück ins Hauptmenü. Auch bei den Dialogen setzt 'Black Mirror' auf ein System, das dem geneigten Abenteurer bereits aus Spielen wie der 'Baphomets Fluch'-Trilogie bekannt sein dürfte und schon dort einwandfrei funktioniert haben. Während des Gesprächs bekommt man die Möglichkeit, das Thema, symbolisiert durch ein Icon, anzuwählen, und den Rest des Gespräches erledigt Samuel allein. Bekommt er allerdings eine Frage gestellt, bleibt es teilweise beim Spieler, wie er diese zu beantworten hat, ob er positiv oder negativ antwortet, also die Wahrheit sagt oder lügt.
Insgesamt geht die Steuerung sehr leicht von der Hand und funktioniert nicht nur aus Gewohnheit bereits nach wenigen Minuten rein intuitiv. Selbst ein absoluter Neuling wird damit keine Schwierigkeiten haben und sich schnell daran gewöhnen. Unglücklicherweise bleibt uns allerdings auch hier das allseits beliebte Pixelhunting, zum Beispiel auf der Suche nach einem Hammer, nicht erspart. Das nervt ein wenig, beeinflusst den Spielspaß jedoch kaum. Was schon bei anderen Spielen wunderbar funktioniert hat, ist hier unübertrieben perfekt umgesetzt und macht das Gameplay so angenehm und einfach, wie es nur geht.

Das kleine Glühwürmchen

Nicht nur das Gameplay, sondern auch die Grafik macht 'Black Mirror' zu einem ernsthaften Vertreter des klassischen Adventures. Jedoch muss ich hier leider mit meinem einzigen großen Kritikpunkt ansetzen: denn wo die Hintergründe und Objekte mit ihren optischen Reizen keineswegs geizen, so sind die Charaktere, inklusive Samuel, leider ein wenig zu kurz gekommen, wie es scheint. Besonders im Kontrast zu den liebevoll und detailliert gestalteten Hintergründen mit ihren brillanten Wassereffekten wirken die Charaktere ziemlich farblos. Die Animationen sind oftmals hölzern und langsam, was teilweise recht störend sein kann. Wenn sich Butler Bates zum Beispiel erst die Hände abtrocknen und umdrehen muss, nur um Samuels Fragen zu beantworten, ertappe zumindest ich mich dabei, wie meine Hand krampfhaft nach Beschäftigung sucht.
Ansonsten jedoch ist an der Grafik wirklich nichts zu bemängeln. Nicht umsonst haben die Entwickler von Unknown Identity für die handgezeichneten Hintergründe den Grafikpreis der renommierten Fachzeitschrift Pixel für ihre Arbeit gewonnen. Die Räume im Schloss wie auch die Außenareale sind einfach so detailverliebt und realistisch dargestellt, dass es einem schier den Atem raubt. Besonders bemerkenswert sind auch die zumindest im Adventuregenre noch zu den bahnbrechend wirkenden Wassereffekte: vom fließenden Wasser im Springbrunnen bis hin zur spiegelnden Oberfläche des Dorfteiches oder den realitätsnahen Aufprallanimationen von Regentropfen lässt sich in 'Black Mirror' eine vielfältige Pracht an Effekten ausmachen, die eine atmosphärische Dichte schaffen, wie sie mir bei einem Adventure noch nie untergekommen sind.
Ebenfalls bemerkenswert sind die cineastischen, vorgerenderten Zwischensequenzen, die neben wunderbaren Objektanimationen, wie zum Beispiel einem weich fallenden Stoffärmel, auch wirklich glaubwürdige Emotionen auf die Gesichter der Akteure zu zaubern vermögen. Sieht man also von den Schwächen in der Charakteranimation ab, ist 'Black Mirror' auch grafisch ein absolutes Schmankerl und dank der Auflösung von 800x600 weiterhin sehr spielerfreundlich und lauft auch auf älteren Rechnern problemfrei.

Riddle me this, Riddle me that, who's afraid of the big black ... mirror!

Bei rund 30 Stunden Spielzeit, selbst für einen erfahrenen Abenteurer, stellt sich die Frage nach dem Rätseldesign und der Langzeitmotivation natürlich von selbst. Denn wer möchte schon 30 Stunden lang nur von A nach B rennen, um diesen oder jenen Gegenstand zu suchen? An dieser Stelle ein großes Kompliment an die Rätsel- und Storydesigner, denn der Spagat zwischen langer Spielzeit und trotzdem gleichmäßig steigender Spannung ist zu 100% gelungen. Mir ist ehrlich gesagt eine solche Fülle an verschiedenartigen Rätseln, die gleichzeitig gut lösbar sind, ohne langweilig oder routiniert zu wirken, noch nie untergekommen. Von Dialog- über Objekt- bis hin zu Puzzle-Rätseln ist hier wirklich alles vertreten und auch wenn 'Black Mirror' sehr linear und streng geskriptet ist, so sollte das für den fuchsigen, kleinen Detektiv in uns allen kein Problem darstellen. Allzu abstraktes Denken, wie zum Beispiel in 'Tony Tough', ist hier auf jeden Fall nicht gefordert, sondern vielmehr benötigt der Spiele eine gute Portion Logik und gesunden Menschenverstand. Dieser hilft dem Spieler auch gut weiter an den Stellen, an denen es Samuel tatsächlich an den Kragen gehen kann. Eigentlich erkennt man die Punkte, an denen man vorher unbedingt abspeichern sollte gut, dennoch sei an dieser Stelle gewarnt vor: Stromkabeln, Sargdeckeln, Leuchttürmen und Öffnungen.

I'm dreaming of a...

Auch musikalisch hat 'Black Mirror' einiges zu bieten - so sorgt ein orchestraler Soundtrack für das richtige Gruselfeeling und unterstreicht die unglaubliche atmosphärische Dichte. Ähnlich wie bereits bei 'Baphomets Fluch' dient die Musik gleichzeitig als Wegweiser und keineswegs als einfaches Hintergrundgedudel. Findet Samuel etwas für den Fortgang der Story wirklich wichtiges, wird das musikalisch quittiert, gerät er in Gefahr oder bewegt sich auf unsicherem Grund, verändert sich die Musik ebenfalls zum Dramatischen hin. Die Soundeffekte hätten ebenfalls kaum besser gemacht sein können, denn vom Heulen der Wölfe in den Wäldern, vom Plätschern des Wassers im Springbrunnen oder dem Klimpern eines Schlüssels im Schloss, woraufhin sich eine uralte Tür knarzend öffnet, werden auch die Ohren in das atmosphärische Erlebnis miteinbezogen. Gewohnt gelungen ist auch die deutsche Synchronisation durch das Hamburger Tonstudio Toneworx, denn mit David Nathan, dem deutschen Synchronsprecher von Johnny Depp oder Spike aus 'Buffy', ist sogar ein echter Star mit von der Partie. Dieser und viele andere bekannte Sprecher, wie zum Beispiel die Synchronstimmen von Jeremy Irons oder Bert aus der Sesamstraße, tragen zur Qualität der sprachlichen Bearbeitung besonders im Vergleich zur englischen Version natürlich erheblich bei. Loben muss man auch die Lokalisation durch den Publisher dtp, wo sich tatsächlich die Mühe gemacht wurde, jedes auch noch so kleine Schriftstück komplett zu übersetzen und 'Black Mirror’ auch technisch so zu optimieren, dass es zum einen flüssig und ohne Probleme läuft, und zum anderen angenehm kurze Ladezeiten vorweisen kann.

Last but not least

Mit rund 30 Stunden Spieldauer ist der durchschnittliche Spieler bei 'Black Mirror' sicher noch gut dabei, ohne jemals in Langweile oder den gewohnten Trott zu verfallen. Denn inhaltlich wie auch rätseltechnisch sind alle sechs Kapitel ähnlich dicht. Der angenehme, jedoch keineswegs zu leichte Schwierigkeitsgrad, die fesselnde Story und vor allem die herausragend packende Atmosphäre, die den Spieler direkt in die mysteriösen Geschehnisse miteinbeziehen, machen 'Black Mirror' zu einem absoluten Top Titel.
Hierzulande im Vertrieb von dtp ist es erhältlich in einer schicken Mini-Box als Doppel-CD im Jewelcase. Ebenfalls in der Packung enthalten ist ein ausführliches Handbuch, das neben den technischen Hinweisen auch noch eine Menge Tipps zum Spiel selbst parat hat.


Galerien

Fazit:

Wertung: 91%

Es hat einen Grund, warum 'Black Mirror' im Vorfeld bereits so flächendeckend gelobt und angepriesen wurde, einen ganz einfachen: das Spiel hat es einfach verdient. Trotz der offensichtlichen Mängel, die sich allerdings nur auf die Charakteranimationen beziehen und sich auf das Gameplay keineswegs negativ auswirken, ist 'Black Mirror' mit Abstand das beste Adventure, das ich seit Jahren gespielt habe. Durch die einfach wahnsinnige Atmosphäre, die tollen Effekten, den Charakteren, die einem dank der professionellen Aufmachung sogar tatsächlich menschlich und vernunftorientiert vorkommen und mit denen man am Ende tatsächlich Mitleid empfindet, schwingt sich 'Black Mirror' erstaunlich behende auf in den Adventure-Olymp. Für rund 30 Stunden Spieldauer lohnt sich die Anschaffung von 'Black Mirror' zu 100% und jeder, wirklich jeder, der das gepflegte Gruseln, tolle Rätsel und eine geniale Atmosphäre mag, sollte dringend zuschlagen.

geschrieben am 10.04.04, Ulrika Tegtmeier

Systemanforderungen Weitere Links
CPU mit 200Mhz
64 MB Ram
Grafikkarte mit 4 MB Ram
Soundkarte
16x CD-Rom
Offizielle Homepage
Bei GOG
Bei STEAM


Spiel kaufen

Bei Amazon kaufen (Affiliate Link)
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Dieses Review gehört zu  Black Mirror.




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Kommentare 2
xaleobi
24.07.2014, 15:25

Ich hab das Spiel angespielt, kann das Lob hier aber nicht bestätigen. Es gibt zwar interessante Puzzle-Rätsel, aber das allgemeine Rätseldesign ist einfach langweilig. Die meisten benötigten Gegenstände erhält man einfach so, die gesuchte Lösung ist meist die naheliegendste. Wenn die Hauptschwierigkeit eines Adventures aufgrund fehlender Hotspotanzeige im entnervenden Bildschirmabsuchen liegt, so ist das kein gutes Zeugnis.
Aufgegeben habe ich, als ich, um an einen Gegenstand zu gelangen, folgende "Aufgabe" zu lösen hatte: Sprich mit Butler - gehe zu und sprich mit Hausherrin - gehe zu und sprich mit Butler - gehe zu und sprich mit Hausherrin - gehe zu und sprich mit Butler.

Indiana
24.07.2014, 21:11

Man muss die Tests natürlich auch im Kontext ihrer Zeit sehen. Black Mirror war damals mit das Beste, das man in dem Jahr bekommen konnte. Hotspotanzeigen waren seinerzeit auch noch nicht Standard, über sowas hat man sich noch keine Gedanken gemacht...


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