Reviews: Sherlock Holmes 2 - Das Geheimnis des silbernen Ohrrings:

Sherlock Holmes: Der silberne Ohrring


Jedem Kleinkind sind sie ein Begriff: Meisterdetektiv Sherlock Holmes und sein Assistent Dr. Watson. Nachdem sie bereits mit 'Das Geheimnis der Mumie' Sherlock Holmes-Erfahrungen gesammelt haben, schicken euch die irischen Spieleentwickler von Frogwares erneut ins London des 19. Jahrhunderts, wo ihr in der 221B Baker Street euer Quartier aufschlagen und einen mysteriösen Mord aufdecken dürft. Ob das Spiel seinem Titel als Sherlock Holmes-Adventure gerechtet wird, lest ihr in unserem ausführlichen Test...


Sherlock Holmes wird auf einen festlichen Empfang geladen, den Sir Melvyn Bromsby, ein Bauunternehmer und Großindustrieller, zu Ehren seiner Tochter gibt, die von einem Auslandsaufenthalt zurück kommt. Gerüchten zufolge will er eine wichtige Ankündigung bezüglich der geschäftlichen Zukunft seines Imperiums machen, doch noch bevor er die Begrüßung der Gäste abgeschlossen hat fällt ein Schuss und Sir Bromsby fällt tot zu Boden.

War es der Butler oder doch der Gärtner?

Nach der bis dahin recht idyllischen Einleitung wird der Spieler nach dem Schuss ins kalte Wasser geworfen und darf sofort als Meisterdetektiv Sherlock Holmes höchstpersönlich die Ermittlungen aufnehmen. Dabei dürft ihr euch zuerst nur in Sheringford Hall, dem Haus von Sir Bromsby und gleichzeitig der Tatort, austoben, Beweise sammeln und Zeugen befragen. Im Laufe der weiteren Ermittlungen werdet ihr euch auch noch zu anderen Locations begeben dürfen, deren Anzahl ist aber mit sechs Hauptlocations leider eher gering ausgefallen.
Der Fall scheint zunächst recht schnell zu lösen zu sein: ein Hauptverdächtiger ist dank Zeugenaussagen und Indizien schnell gefunden: nur ein einziger Zeuge unterstreicht die Unschuld des Verdächtigen.
Es zeigt sich jedoch sehr bald eine unerwartet große Komplexität und Verstricktheit und so wird es dann doch um einiges schwieriger, den Mörder von Bromsby dingfest zu machen, als ursprünglich vermutet.
Die gesamte Story erstreckt sich über fünf Tage, die sich mit Kapiteln vergleichen lassen. Die Story entickwelt sich dabei sehr gut und übersichtlich, es fällt nicht sehr schwer den Überblick zu behalten, was dem Spielspaß angenehm entgegen kommt und angeregtes Miträtseln unterstützt. Der Spieler wird nicht unter Zeitdruck gestellt, denn sobald alle notwendigen Aktionen durchgeführt wurden geht es automatisch weiter in der Story. Trotzdem sollte man auf regelmäßiges Speichern nicht verzichten, denn es gibt ein paar Stellen, wo man bei einem (ungeschickten) Fehler die Ermittlungen nicht weiterführen kann und laden muss.
Diese Stellen wurden aber zum Glück im Vergleich zur englischen Originalversion reduziert, sodass Frustmomente durch ein abruptes Ende eher unwahrscheinlich sind. Vergessene Gegenstände oder nicht-beachtete Hinweise können euch auch kein Kopfzerbrechen bereiten: Nur wer alles richtig gemacht hat, kommt auch in der Story weiter. Ein böses Erwachen am Ende, wenn dann ein bestimmter Hinweis fehlt, gibt es also nicht.

Während euren Ermittlungen werdet ihr auch von Außenstehenden, wie von Sherlocks Bruder Mycroft durch Recherchearbeiten, tatkräftig unterstützt. Ebenso tauscht Holmes mit Inspektor Lestrade regelmäßig seine Fortschritte aus, allerdings in gewohnter Sherlock Holmes-Manier nur sehr dezent und so, dass der Polizei bei der Lösung des Falls eher eine Statistenrolle zukommt.

Nach jedem Tag (beziehungsweise Kapitel) muss sich der Spieler einem Quiz unterziehen, bei dem die aktuellen Recherchen mit Indizien und Beweisen zusammengefügt werden müssen. Dabei bekommt ihr eine Reihe von Fragen gestellt, die ihr dann mit 'Ja' oder 'Nein' beantworten und diese Antwort mit Gesprächen, Schriftstücken oder Beobachtungen untermauern müsst. Nur wenn ihr beim Quiz alle Fragen richtig beantwortet und mit den richtigen Hinweisen verknüpft habt, dürft ihr euch auf den nächsten Tag stürzen und weiter ermitteln. Leider wurde diese an sich geniale Idee nur mäßig umgesetzt: Bei der Beantwortung der Fragen darf man keinerlei Hilfe von Holmes erwarten, bei einer falschen Antwort fordert er nur zum nochmaligen Überprüfen der Antworten auf. Das kann mit der Zeit schon mal auf die Nerven gehen, hier wären ein paar unterstützende Worte oder zumindest ein Tipp, welche Frage falsch beantwortet wurde, angebracht gewesen. Alle Hinweise, die zum Lösen der Fragen benötigt werden, befinden sich sehr übersichtlich in einer Art Notizbuch, auf das ihr nicht nur zur Beantwortung der Fragen zurückgreifen könnt. So könnt ihr bei einem etwaigen spontanen Anflug von Vergesslichkeit alle Hinweise nochmal durchgehen und euch wieder einen Überblick über den aktuellen Stand der Ermittlungen verschaffen.

Wer wird denn hier witzig sein wollen?

Wer Humor sucht, wird bei 'Sherlock Holmes' auf Granit beißen, alles andere wäre aber auch Blasphemie. Lediglich durch Holmes' sehr arrogante und trockene Sprüche kann er das ein oder andere Mal ein Schmunzeln hervorrufen. Vielmehr begeistert Holmes durch seine scharfen Kombinationen und seiner sehr arroganten, selbstsicheren Art, die er auch in den Romanen an den Tag legt.
Zu absoluter Höchstform läuft Sherlock Holmes dann in der Schlusssequenz auf, in der er den Fall nochmal resümiert und alle Zusammenhänge klärt, wie wir das aus den Romanen gewohnt sind. Jedes noch so kleine Detail, das auf den ersten Blick nicht in einem direkten Zusammenhang mit dem Fall zu stehen schien, wird von Holmes eingearbeitet und aufgeklärt. Hier zeigt sich die wahre Stärke der Story: Eine Sammlung von einzelnen Vorfällen wird völlig logisch und nur von Holmes' messerscharfer Schlussfolgerungsgabe zusammengefügt, sodass den meisten Spielern wohl nach dem Ende der fast zwanzigminütigen Schlusssequenz der Mund offen stehen bleiben wird. Wer hier bereits im Voraus die Zusammenhänge erkannt hat und den Mörder im letzten - freiwilligen - Quiz vor der Schlusssequenz, bei der man den Mörder tippen darf, bereits richtig entlarvt hat, dem sei hier ein besonders scharfsinniges Schlussfolgerungsvermögen attestiert. Alle anderen sollten nicht enttäuscht sein, ich lag mit meinem Tipp auch falsch.

Rätsel oder nicht Rätsel, das ist hier die Frage

Das Hauptaugenmerk der Ermittlungen liegt auf dem Sammeln von Beweisen. Das macht sich auch bei der Größe der Hotspots bemerkbar: Um einen Hinweis zu entdecken muss der Spieler schon mit einem besonders aufmerksamen Auge ausgestattet sein, denn nicht zu selten fällt ein Hinweis nur bei einem zweiten oder dritten Hinsehen auf. Deshalb müsst ihr schon sehr genau hinschauen und dürft einen Raum nicht einfach passieren, wenn euch dort nicht gleich völlig offensichtlich etwas vor die Füße fällt. Darunter leidet leider etwas die Rätseldichte, denn ansonsten wurde im Großen und Ganzen auf klassische Adventure-/Kombinationsrätsel, wie wir sie von anderen Spielen kennen, verzichtet. Das wird bei einigen Spielern sicherlich für ein paar Frustmomente sorgen, wenn ein Hinweis auch nach längerem Suchen nicht entdeckt wird, andere wiederum werden sich darüber freuen, dass sie durch ihr aufmerksames Auge weiterkommen und nicht so viele kombinatorische Rätsel lösen müssen. Hier steht man vor dem Problem der Subjektivität: Den einen gefällt es, den anderen nicht.
Sehr interessant ist das Auswerten von Gegenständen im hauseigenen Mini-Labor: Unter Holmes' strenger Anleitung dürft ihr gefundene Objekte genauer untersuchen und zum Beispiel unter das Mikroskop legen oder über dem Brenner erhitzen und so die Ermittlungen weiter nach vorne treiben.

Einen Meisterdetektiv hetzt man nicht...

Die Steuerung erfolgt typischerweise nur mit der Maus. Im Normalzustand als Pfeife (oder ein Notizbuch, wenn man Watson steuert), verwandelt sich der Mauszeiger bei interessanten Objekten in eine Hand. Dann kann man diese durch Anklicken mitnehmen oder mit Holmes' Standardwerkzeugen näher untersuchen.
Das Inventar lässt sich durch einen Rechtsklick ein- oder ausblenden, benutzte Gegenstände müssen sorgfältigst wieder ins Inventar zurückgelegt werden, was leider etwas umständlich ist und hätten vielleicht etwas einfacher gestaltet werden sollen.
Einen direkten Bildwechsel durch Doppelklick gibt es leider nicht, nur manchmal lassen sich Holmes oder Watson durch einen Doppelklick zum schnellen Laufen bewegen, ansonsten lassen es die beiden aber eher gemächlich als gestresst angehen. Doch wie sagt der Volksmund so schön: "Gut Ding will Weile haben." Durch die recht kurzen Laufwege (man bewegt sich meistens innerhalb von Gebäuden) ist das aber auch nicht weiter schlimm.

Stocksteif aber wunderschön: Die Grafik

Die Grafik in Sherlock Holmes ist auf einem für mich unerwartet hohen Niveau: Man bewegt sich auf vorgerenderten Hintergründen mit in Echtzeit gerenderten Figuren. Sowohl die Hintergründe als auch die Figuren wissen zu überzeugen. Die Hintergründe sind sehr liebevoll gestaltet und machen einen äußerst realistischen Eindruck. Den Designern ist es hier gelungen, den Stil des späten 19. Jahrhunderts passend einzufangen und digital nachzubilden, einen kleinen Wehrmutstropfen bildet lediglich die fehlende Bewegung, die die Grafik etwas steif wirken lässt.
Die Charaktere sehen ebenfalls gelungen und realistisch aus, lediglich die Bewegungen hätten noch ein bisschen erweitert oder verbessert werden können. So sieht man zum Beispiel Holmes zwar immer nach dem Türgriff greifen, das Öffnen wird aber dezent durch einen Fadeout überdeckt. So wirkt das Spiel abgehackt. Mit sehr viel mehr als Lauf- und Gesprächsanimationen wurden die Charaktere nicht ausgestattet und auch die Gestik bei Gesprächen hätte ich mir etwas besser herausgearbeitet gewünscht.
Anders sieht das in den Zwischensequenzen aus, wo Gestik und Mimik sehr gut gestaltet wurden und auch die Animationen einen hochwertigen Eindruck machen. Allgemein sind die Zwischensequenzen gut gelungen und schön anzusehen.
Sehr schön, aber leider teilweise etwas unübersichtlich, wurden auch die Menüs gestaltet, von denen jedes ein kleines Kunstwerk für sich darstellt.

Der gute, englische Ton

Wie von dtp gewohnt, hat man bei 'Sherlock Holmes und der silberne Ohrring' auch wieder eine erstklassige Lokalisierung angestrebt - und erreicht. Die Stimme von Holmes ist zu Anfang vielleicht etwas gewöhnunsbedürftig (auch durch seine eigenartige Weise, Wörter zu betonen), sie bringt aber die arrogante Art des Meisterdetektivs erstklassig rüber. Auch die Stimme von Watson und der anderen Charaktere ist gut gewählt und bedarf keiner Verbesserungswünsche.
Bei der klassischen Hintergrundmusik wurde vor allem auf bekannte Stücke des frühen 19. Jahrhunderts, zum Beispiel von Paganini und Mendelssohn, zurückgegriffen. Die Hintergrundmusik ist klangtechnisch auf hohem Niveau und auch gut gewählt, jedoch fehlte mir persönlich etwas der Abwechslungsreichtum, da es mir vorkam, als ob ich oft die gleichen Stücke zu hören bekam.
Auch die reichlich vorhandenen Textdokumente, die leider nicht vorgelesen werden, wurden einer ordentlichen Übersetzung unterzogen.
Kleinere Schnitzer wie Schreibfehler oder Watson, der in einer Zwischensequenz erst nach etlichen Sekunden der stummen Lippenbewegungen zu reden beginnt, sind die Ausnahme.

Ausstattung

Das Spiel wird dtp-typisch in einer Pappschachtel geliefert, die, wie bereits von 'The Moment of Silence' bekannt, mit Prägedrucken verziert und außerdem mit einem aufklappbaren Titelbild ausgestattet wurde, unter dem sich die wichtigsten Charaktere des Spiels verstecken. Die zwei CDs und das Handbuch sind einer DVD-Verpackung untergebracht, die in der Pappschachtel verstaut ist. Das stilecht gestaltete Handbuch erklärt ausführlich die Steuerung und die ersten Schritte.


Galerien

Fazit:

Wertung: 79%

Mit 'Sherlock Holmes: Der silberne Ohrring' gelang Frogwares ein sehr ordentliches Detektiv-Spiel, das vor allem durch die erstklassige Story und die liebevoll gestaltete Grafik zu punkten weiß. Abzüge gibt es lediglich für die zu geringe Rätseldichte und die etwas kurze Spielzeit, die Profis wohl nicht sehr lange fordern wird. Sehr gut gefallen hat mir die Idee mit dem Quiz nach jedem Tag, das den Spieler nochmal seine bisherigen Entdeckungen überdenken und in einen Zusammenhang bringen lässt, doch leider wurde dieses Feature etwas verbesserungswürdig umgesetzt.
Die Story, Grafik und Sound erzeugen eine sehr passende Atmosphäre, die natürlich Fans von Sherlock Holmes, aber auch normale Spieler, unbelangte Spieler, in ihren Bann ziehen kann. Dabei ist das Zusammenwirken aller dieser Aspekte sehr gut gelungen.
Durch die vor allem auf Spuren lesen basierten Rätsel wird das Spiel eine sehr polarisierende Wirkung haben: Für die Krimi-Fans ein absolutes Muss, für jene, die lieber klassische Rätsel lösen, aber zumindest eine warme Empfehlung.

geschrieben am 27.11.04, Moritz Kollmann

Systemanforderungen Weitere Links
Windows 98 / 2000 / XP
Pentium III 600MHz oder AMD Athlon
256MB RAM
DirectX 9.0 kompatible Grafikkarte mit 32MB RAM
DirectX 9.0 kamptible Soundkarte
1,5GB freier Festplattenspeicherplatz
Offizielle Homepage


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Dieses Review gehört zu  Sherlock Holmes 2.




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