Reviews: Valiant Hearts - The Great War:

Valiant Hearts: The Great War


2014 war ein geschichtsträchtiges Jahr – 100 Jahre zuvor begann der erste Weltkrieg. Oder wie es damals hieß: Der große Krieg. Ubisoft hat sich deshalb entschlossen ein Spiel über Einzelschicksale von Soldaten zu machen. Ein gefühlvolles Adventure über Emile, Karl, Freddie und Anna. Frankreich, Deutschland, die USA und Belgien sind somit vertreten. Wir nahmen den Genozid-Gedenktag am 24. April zum jüngst verurteilten Völkermord an den Armeniern während dem ersten Weltkrieg als Anlass für dieses Review. 'Valiant Hearts', das sind tapfere Herzen. Enthält das Spiel ähnlich viel Pathos wie der Titel? Lest selbst.

 

 tja



Der Thronfolger ist tot!

Krieg

Auf in den Krieg!

Nach den typischen Worten „frei inspiriert nach den Ereignissen an der Westfront zwischen 1914 und 1918“ erfahren wir ganz kurz wer die Nationen waren und was der vermeintliche Kriegsgrund war. Der Thronfolger von Österreich-Ungarn ist tot! Eine Katastrophe! Lasst uns in den Krieg ziehen! Gesagt, getan. Frankreich schickt die Deutschen in den Grenzgebieten zurück ins Deutsche Kaiserreich. Emiles Tochter ist jedoch mit dem deutschen Karl liiert und hat auch ein Kind mit ihm. Die Familie wird getrennt und kämpft auch noch an verschiedenen Seiten der Front. Emile für Frankreich, Karl für das Deutsche Kaiserreich. Keiner will den Krieg, die Katastrophe ist vorprogrammiert. Gleichzeitig wird präsentiert, dass ein großer Teil der Bevölkerung den Krieg durchaus herbeisehnte. Aber wir befinden uns doch im Krieg und deswegen ist es Zeit für Humor. Die Vorgesetzten schreien einen witzig an, um den Pathos zu verstärken, töten wir gekonnt eine deutsche Strohpuppe und hissen die französische Fahne. Vive la France! Auf in den Krieg!

Bier, Polka und Baron von Dorf

{Beschreibung der Grafik}

Baron von Dorf

Emile lernt dann im typischen Zug zur Front den amerikanischen Freiwilligen Freddie kennen. Mehr Klischee geht fast nicht. Er ist kräftig und der typische Rambo. Gleichzeitig aber innerlich ein gebrochener Mann, der er verlor seine Frau kurz nach der Hochzeit. Was machen traurige Männer? Sie ziehen in den Krieg! Auf der Gegenseite steht Baron von Dorf. Ein hochdekorierter General des deutschen Kaiserreichs. Er trägt nicht den typischen Spitzhelm, sondern eine Fellkappe mit einem Totenkopf. Das Böse manifestiert. Die Soldaten geben nur Gemurmeltes oder geplärrte Wortfetzen in der Landessprache. Das Gefasel der Deutschen hat hier meist gleich viel Sinn wie das ständige Biertrinken und die Marschmusik und Polka im Hintergrund sobald Deutsche kommen. Aber auch andere Nationen bekommen so ihr Fett weg. Vor allem auch Frankreich, denn die lagern überall Rotwein und so können unzählige Rotweinflaschen als Wurfgeschoss genommen werden.

Zeppelin

Ist das noch ein echtes Dokument?

Eigentlich nimmt sich 'Valiant Hearts' vor den ersten Weltkrieg möglichst korrekt darzustellen. Sie unterstreichen das mit einem kleinen Menü namens „Facts“. Für jedes Level gibt es hier Fotografien mit Erklärungen. Diese „Fakten“ scheinen meist einleuchtend und sind nach genauerer Recherche auch ziemlich richtig. Problematisch sind hier aber die Fotografien und teilweise fast 1:1 auf Wikipedia vorkommende Texte. Das Kolorieren von Fotografien ist spätestens seit sämtlichen Dokumentationen des zweiten Weltkriegs schon Standard. Die damaligen Schwarz-Weiß Fotografien werden einfach teilweise analytisch, teilweise auf Verdacht nachbemalt. Das wäre noch in Ordnung, aber manchmal werden Details künstlich nachgezeichnet. In einer Fotografie sieht man einen komplett neu gezeichneten Zeppelin, der vom Stil her nicht ins Bild passt. Ganz nach dem Prinzip der computergenerierten Special Effects aus den 80ern und 90ern wirken sie einfach etwas fehl am Platz. Kann man dieses Bild dann als Fakt verkaufen? Ist es noch ein solcher? Oder ist es komplett frei erfunden und sie fanden einfach kein passendes Bild? Diese Frage bleibt komplett offen. 

Alles im Rhythmus

Rhythmus

Dieses Rhythmus-Spiel kommt sehr häufig vor

'Valiant Hearts: The Great War' wird als Puzzle Adventure bezeichnet. Eigentlich ist es aber eher ein Jump & Run mit ein paar Schalterrätseln. Meist beschränkt sich die Steuerung darauf Stacheldraht zu zerschneiden, Schalter zu drücken und Räder zu drehen. Der Hund Walt als Begleiter der Truppe führt da ein wenig mehr Komplexität ein, denn mit ihm kann man teilweise zwei Schalter gleichzeitig drücken oder in schmale Gänge vordringen. Zum großen Teil ist der Hund aber einfach nur ein Gimmick, der süß sein soll. Anstatt einen Gegenstand aufzuheben, streicheln wir „aus Versehen“ den Hund. Ja, schon süß. Aber sollte ein Spiel, das vorgibt sich ernsthaft mit dem Krieg auseinanderzusetzen „süß“ sein?

Die Entwickler versuchen das Ganze mit Mini-Spielen aufzulockern. So verarztet man Soldaten mit einem rhythmischen Drücken von verschiedenen Tasten nach einem Herzschlagmuster oder muss mit dem Auto herabfallenden Bomben ausweichen – ja, auch hier nach Rhythmus von klassischer Musik oder der französischen Nationalhymne. Natürlich ist das Spiel auch mit Tastatur spielbar, aber ein Gamepad ist durchaus zu empfehlen. 

Gefühle bis der Arzt kommt

Pathos

Oh, Canada!

'Valiant Hearts' könnte eine Hollywood-Produktion sein. Kaum ein Spiel über Krieg hat mehr Pathos. Natürlich sind Krieg und gefallene Kameraden schrecklich. Dazu kommt noch ein Familiendrama samt möglicherweise sterbendem Kind. Selbst Emile hält das nicht aus und wird buchstäblich krank vor Sorge. Der US-Held Freddie ist das typische Stehaufmännchen. Es fehlen nur noch wehende Fahnen – die es durchaus im Überfluss gibt. Weiter im Programm: Giftgas-Angriffe auf Dörfer, das verwüstete Verdun und Massen an Leichen. Ja, Krieg ist bedrückend. Und dazwischen rennt Emile im Unterhemd und mit der Schaufel herum. Unpassender geht es kaum. Solche Szenen passieren dem Spiel leider zu oft. Ernst, wirklich bedrückende Bilder wechseln sich im Stakkato mit Blödeleien ab. Ein Weinfässer werfender Panzer der Franzosen darf ebenso wenig fehlen, wie ein deutscher Flammen-Panzer und ein britischer Panzer. Letzterer wird sogar selbst gefahren und überrollt geradewegs die Fronten. Wie jetzt? Macht Krieg doch Spaß? Wie kann es anders sein, es gibt sogar Boss-Kämpfe mit typischen Jump & Run Mechaniken, wo man nebenbei mit Rätseln versucht die Schwachstelle des Gegners heraus zu finden. Dabei ist der Schwierigkeitsgrad aber nie wirklich schwer und nur selten stirbt der Charakter dabei. 'Valiant Hearts' versucht hier sowohl Fisch als auch Fleisch zu sein. Es soll Spaß machen und ernste Themen des Kriegs ansprechen. Die schnelle Abwechslung funktioniert hier aber einfach nicht. 


Galerien

Fazit:

Wertung: 72%

Mit großer Erwartung stieg ich in das Spiel ein. Erster Weltkrieg, sieht ganz gut aus und soll auch noch Fakten vermitteln. Schön! Spaß beim Spielen und nebenbei ein wenig mehr über den Krieg erfahren. Aber schnell wurde klar, dass der Spaß beim Spielen im Vordergrund steht und der Hintergrund fast komplett austauschbar ist. Man denkt nicht über den Krieg nach, sondern sorgt sich um die Familie von Emile – oder gar den Hund. Der Versuch die Schrecken des ersten Weltkriegs darzustellen, gelingt typisch nach Hollywood nur in Szenen, wo Leichenberge zu sehen sind, oder bei Giftgasangriffen. Das vermittelt unmittelbar Gefahr. Ansonsten geht das Spiel viel zu schnell voran, sodass man sich kaum auf den bedrückenden Krieg einstellen kann. Die meiste Zeit grinst man eher oder schüttelt den Kopf, weil der nächste deutsche Soldat Bier trinkt und Bratwurst isst. Selbst eine Bratwurst-Maschine darf nicht fehlen. Währenddessen wirft man als Franzose mit Rotwein herum. Das ist Krieg! Und zwar ein Krieg der Klischees und hier brilliert Valiant Hearts: The Great War auf voller Linie. Klischees und bekannte Fakten werden herangezogen, um ein Spiel über den ersten Weltkrieg zu bekommen. Damit es interessant wird, fügen sie noch ein Familiendrama hinzu. Voilà, fertig ist die leichte Kost. Denn was anderes ist 'Valiant Hearts' leider nicht. Wer gerne Geschichts-Zeitschriften liest oder Dokumentationen von Guido Knopp anschaut und gleichzeitig ein wenig Slapstick-Humor haben will, ist hier gut aufgehoben. Für Zwischendurch ohne viel Nachzudenken geht es gerade so in Ordnung. Aber es wäre so viel mehr drin gewesen.

geschrieben am 04.05.15, Peter Färberböck

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Dieses Review gehört zu  Valiant Hearts.




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Kommentare 7
defcon
05.05.2015, 13:19

Hab nach dem ersten Kapitel nicht mehr weiter gespielt. Denn es ist genau die hier erwähnte Ambivalenz von Ernst und Humor, in der das Spiel versagt. Ein schlechter Stilbruch jagt den nächsten, die Klischees und Albernheiten empfand ich nicht als lustig, sie haben mir nur die Atmosphäre zerstört. Selbst das Gameplay hat mich auf Dauer sehr gelangweilt, auch wenn man hier versucht hat, durch verschiedene Rätsel und dynamische Passagen Abwechslung reinzubringen.

Bei einem solch ernsten Thema wie dem 1. WK erwarte ich einfach einen angemesseneren Umgang.

sinnFeiN
05.05.2015, 14:40

kann ich so unterschreiben... das Gameplay begräbt dank Langeweile das Spiel noch tiefer...

Indiana
05.05.2015, 20:11

Sieh mal an, ich fand das Spiel recht gelungen, auch wenn das Gameplay keine Bäume ausgerissen hat und auch die Story nicht so unvorhersehrbar war. Aber ich mochte auch The Cave.

sinnFeiN
05.05.2015, 20:16

The Cave hat mir auch gefallen, das nimmt sich aber auch nicht so ernst

jabbadu
11.05.2015, 10:56

Ich fands auch bis zum Ende super und mich hat auch nichts gestört. War mal was anderes. Wenn ich angemessenen Umgang mit Geschichte oder dem Krieg haben möchte, lese ich ein Geschichtsbuch. Und ja, der Hund hat es mir am meisten angetan! :)

fodus
11.05.2015, 19:26

Also ich finde das Spiel sehr gelungen. Es ist natürlich nicht Historisch korrekt, das ist aber Wolfenstein auch nicht. Es handelt sich um ein Computerspiel. Die Story ist aber deutlich besser als bei den meisten anderen Spielen. Spielhandlugn und "rätsel" sind hingegen wirkich dünn. Allerdings sind die "Rätsel" bei Walking Dead im Vergleich mindestens genauso "komplex".
Das man das als "falschen" Umgang mit dem ersten Weltkrieg empfindet würde bedeuten das man Wolfenstein ablehnt, weils unrealistisch ist. Ebenso Indiana Jones das auch keine Dokumentation über den Gral darstellt.

sinnFeiN
11.05.2015, 22:23

Wolfenstein macht hier aber eins richtig: es nimmt sich NIE ernst... Genauso Indiana Jones
Valiant Hearts tut das schon... und betont die Korrektheit

Die Story ist halt auch übersät von Stereotypen und irgendwo eben halb Fisch, halb Fleisch... sehr ernst wechselt sich in der nächsten Szene mit betont komisch ab... Ein schräger Mix... gepaart mit dem Gameplay ists dann insgesamt nicht Oberklasse. Wohingegen Walking Dead Season 1&2 zumindest in Atmosphäre und Story stark punkten


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