Reviews: Väterchen Frost - und die kleine Nastya:

Väterchen Frost


Wenn nordamerikanische Metropolen im Schnee versinken oder weisse Gestalten mit einer Mohrrübe an Stelle einer Nase im Gesicht im Garten auftauchen, fragt das kleine Kind die Mami, was denn nur los sei. Und Mami antwortet ihm: "Mein Kind, das ist die Zeit von Väterchen Frost. Er hält Wache über die Erde, während Frau Sommer weit weg von hier genüsslich an Fruchtcocktails schlürft und unter Palmen ihren schönen Körper von den warmen Strahlen der Sonne bräunen lässt."
Das Kind versteht natürlich kein Wort und damit die Mami sich nicht mehr länger mit Missverständnissen herumplagen muss, macht sie nicht lange und kauft ihrem Schützling das zum Thema passende Märchen-Adventure.
'Väterchen Frost und die kleine Nastya' - die Übersetzung des vor einiger Zeit in Russland erschienen Originalspiels 'Fairy Tale: About Father Frost, Ivan & Nastya' - ist nun seit geraumer Zeit auch im deutschsprachigen Fachhandel erhältlich. Ob sich das zeitlose Märchen um den eiskalten Grosspapi und zwei total verknallte Teenager allerdings erfolgreich ins Genre der klassischen Point And Click-Adventures übertragen lässt, zeigt euch unser ausführlicher Testbericht.



Es war einmal, vor langer Zeit... eine warme Stube in einem alten Holzhäusschen. Zwei Geschwister werden zur Bettruhe unter die warme Decke gelegt, doch für die beiden ist es noch viel zu früh, um in tiefen Schlummer fallen zu können. Die Grossmutter gesellt sich zu den bereits zugedeckten Dreikäsehochs, mit den Händen fest ein dickes Buch umklammernd.
"Omi, erzählst du uns die Geschichte...", beginnt der kleine Bruder, "...über Väterchen Frost, Ivan und Nastienka?"
"Aber die kennt ihr doch schon, oder nicht?"
"Egal, das ist unsere Lieblingsgeschichte."

Und ohne den Beiden weiter widersprechen zu wollen, beginnt die alte Oma mit ihrer Erzählung von der gutmütigen, bescheidenen Nastienka, die zusammen mit ihrem Vater auf einem weit entfernten Bauernhof lebte. So schön das Leben auf dem Land auch sein mochte, Nastya trug auf ihrem Haupt die tägliche Bürde ihrer bösen Stiefmutter. Diese wusste nämlich nichts anderes, als das junge Mädchen zu allen möglichen, sinnlosen Arbeiten zu nötigen und damit gleichzeitig ihrer unattraktiven, leiblichen Tochter Marfusha erheblich den Tag zu versüssen. Nastya verbrachte ihr Leben also Tag ein Tag aus mit Arbeiten auf dem Bauernhof: Sie kochte, fegte den Hof, fütterte die Tiere – ja half sogar der Stiefmutter warme Socken für ihre Schwester zu stricken. Doch Nastienka betrachtete die Tyrannei der Stiefmutter mit gelassenen Auge. Sie sah in allem etwas Gutes und tolerant wie sie nun einmal war, tat sie alles, was ihr von der bösen Frau aufgezwungen wurde.
Bis eine Begegnung mit einem jungen Helden es schaffte, ihr Leben völlig auf den Kopf zu stellen.

Dieser Held, kein anderer als der ebenso mutige wie egozentrische Ivan, machte es sich vor langer Zeit zur Aufgabe eine Braut zu finden. Dass es allerdings mit seiner teilnahmslosen Sichtweise der Dinge schwierig sein würde, eine geeignete Lebensgefährtin zu finden, konnte der gutaussehende Egomane nicht ahnen. Als er bei seiner ersten Begegnung mit der schönen Nastienka dann mir nichts, dir nichts von den Geistern des Waldes für sein missachtendes Verhalten bestraft wurde, verloren die Beiden frisch Verliebten sich aus den Augen und fortan lag es am Geschick des Spielers, die zwei in einem glücklichen Bund wieder zusammenzuführen.

Wenn der Wald dir einen Bären aufbindet

Doch auch wenn die Geschichte erst nach dem ersten Zusammentreffen von Ivan und Nastya so richtig in Fahrt kommt, übernimmt der Spieler schon sehr viel früher die Rolle eines der beiden Protagonisten.
Die ersten Stunden dürfen sich junge und alte Abenteurer mit den alltäglichen Aufgaben Nastienkas vertreiben. Man sieht sich genötigt, diverse Aufgaben auf dem Bauernhof zu erledigen und lernt dabei die Gegend ein wenig besser kennen, deren Ortschaften auch im späteren Verlauf des Spieles öfters wieder aufgesucht werden müssen. Abwechslungsweise schlüpft man dann in die Rolle von Ivan, der während seiner Suche nach einer Braut einige fantastische Abenteuer zu bestehen hat. Diverse Elemente auf die man als Ivan – oder auch Vanya, wie seine Mutter ihn nennt – trifft, wird man allerdings erst in der zweiten Hälfte des Spiels ausführlich behandeln können.

Um vor allem den kleineren Konsumenten eine belehrende Moral zu vermitteln, wird die Figur Ivans während der Erzählung quasi einer Resozialisierung unterzogen. Ivans Charakter ist von Egoismus und Teilnahmslosigkeit geprägt und durch eine unüberlegte Aktion seinerseits gegenüber einer Bärenfamilie, wird er zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst von einem Magier in die Gestalt eines Bären verwandelt. Fortan sucht man alte Schauplätze auf, um das geschehene Übel wieder so gut wie möglich rückgängig zu machen – immer mit einer auf Konditionierung getrimmten, versteckten Botschaft über die grosse soziale Relevanz einer solidarisch und hilfsbereiten sozialen Haltung.
Für erwachsene Spieler mögen die durchwährend belehrenden Moralpredigten durchsichtig und stellenweise auch lächerlich erscheinen. Jüngere Spieler werden aber auf einer sinngemäss infantilen Ebene durchaus hartnäckig mit gutgemeinten Grundsätzen bombardiert. Neben sowohl rationalen als auch einer Handvoll irrationalen Darstellungen möglicher Konsequenzen von unüberlegtem Handeln, mag das Spiel durchaus auch von einer humoristischen Perspektive belehren. Nennenswerte Gewaltdarstellungen gibt es jedenfalls keine. Insofern unterscheidet sich der märchenhafte Charakter von 'Väterchen Frost' kaum von der direkten oder auch anderen, vergleichbaren literarischen Vorlagen.

Such mir das, hol mir dies! Du kleine Hexe!

Das genretypische Sammeln von Gegenständen gehört in 'Väterchen Frost' zur Tagesordnung dazu. Doch alles was man einpackt ist auch dazu bestimmt, irgendwo hilfreich wieder eingesetzt zu werden. Rätseltechnisch bedient sich das Märchen jedenfalls an dem grundsoliden Paradigma aller bisherigen 2D-Adventures: Bis auf eine sehr kleine Ausnahme gibt es keine Schalter- oder Maschinenrätsel, weshalb der Spieler sich die ganze Erzählung über mit dem Kombinieren und Aufsuchen von storyrelevanten Gegenständen beschäftigen wird.

Stellenweise erinnert das Rätseldesign sehr stark an dasjenige eines 'Discworlds'. Um ein prägnantes Beispiel zu nennen: Nastya erhält Anweisungen von einer Wahrsagerin einen Hammer zu besorgen. Als erste Anlaufstelle versucht Nastienka ihr Glück bei zwei Handwerkern, die zu dieser Zeit mit dem Bau eines Wirtshauses beschäftigt sind. Diese aber verlangen von der hübschen Bauerstocher Essen geliefert zu bekommen, damit sie eine Pause einlegen und somit den Hammer Nastya ohne weiteres ausleihen können. Am See trifft sie dann auf einen Fischer, der ihr ein geeignetes Mahl angeln könnte, doch natürlich verlangt auch dieser wiederum etwas für seine Dienste u.s.w..

Oftmals helfen Ivan oder Nastienka Gespräche mit den NPC's weiter. Falls diese nicht gerade die Geschichte weitererzählen wollen, geben die Dialoge Aufschluss über aktuelle Rätsel. Vor allem der Vater von Nastya steht immer mit Rat und Tat zur Seite und weiss in so mancher ausweglosen Situation den richtigen Tipp abzugeben.

Mit Logik bis zum Happy End und noch viel weiter

Dass sich der Schwierigkeitsgrad hierin allerdings eher an die jüngere Zielgruppe richtet war grundsätzlich vorherzusehen. Im Sinne der Pragmatik fungieren die meisten Aufgaben für den Spieler absolut logisch. Selbst die wenigen komplizierten Rätselstränge bleiben stets überschaubar und werden absolut vernünftig in die eigentliche Geschichte mit eingebunden.
Lange Fusswege gibt es ebenfalls nicht, so funktioniert eine Rätselsituation immerzu in ihrem eigenen, kleinen narrativen Teilbereich. Ivan beispielsweise wird nie dieselben Orte wie Nastya aufsuchen, ausser es ist für seine eigenen Investigationen absolut erforderlich.

Dementsprechend dürfte sich ein fortgeschrittener oder älterer Spieler ohne weiteres in einem einzigen Zug durch das Geschehen klicken können, ohne nur einmal an einer Stelle länger festzuhängen. Obgleich der eigentliche Spielumfang nicht von der jeweiligen Zielgruppe abhängig ist, werden unterschiedliche Altersgruppen konsequenterweise unterschiedlich lange zum meistern des Abenteuers benötigen. Erwachsene Spieler dürften alles in allem allerdings spätestens nach sechs – acht Stunden durch sein. Am meisten lohnt sich das Preis-/ Leistungsverhältnisse für jüngere Bestreiter und intensive Dialogzuhörer, die bestimmt rund 10 Stunden an 'Väterchen Frost' sitzen dürften.

Was wohl all den gemächlicheren Spielern entgegenkommen dürfte, ist die Tatsache, dass ein Game Over nicht möglich ist. Dead Ends gibt es soweit bekannt ebenfalls keine und sowohl Reaktions-, als auch Actionpassagen sucht man in diesem klassischen Abenteuerspiel vergebens.

Immerzu der Schneeflocke hinterher

Passend bewegt man als Cursor eine intuitive Schneeflocke über den Spielbildschirm. In einfachster Point And Click-Steuerung kann man so die Hauptfigur durch die verschiedenen Locations wandern lassen. Fährt man mit dem Zeiger über ein interessantes oder auch spielrelevantes Objekt, ändert die Flocke ihre Form und zeigt eine Interaktionsmöglichkeit an. Mit einem einfach Rechtsklick schaut sich der Charakter dann das besagte Objekt genauer an und mit einem linken Doppelklick kann es nach Möglichkeit auch aufgenommen werden.
Eingesammelte Gegenstände wandern in ein Inventar, welches durch antasten des oberen Bildschirmviertels jederzeit abrufbar ist. Ein kleines Manko gibt es allerdings: Die im Besitz befindlichen Gegenstände lassen sich nur selten von Nastya oder Vanya untersuchen. Verpasst man einen wichtigen Kommentar zum Gegenstand, kann man sich also im vorneherein nur schwer ausmalen, zu was dieser gebraucht werden könnte. Da das Spiel allerdings trotz allem einen niedrigen Schwierigkeitsgrad besitzt, soll dieser Funktion in diesem Bezug auch nicht eine allzugrosse Relevanz zugeschrieben werden.

Mit "Escape" lässt sich weiterhin zu jeder Zeit, selbst während einer Zwischensequenz, das Hauptmenü aufrufen. Speichern und Laden sind selbstverständlich unbegrenzt möglich.
Spricht man als Ivan oder Nastienka mit einem NPC, erscheinen links unten diverse Dialogfelder, die im Sinne von Multiple Choice als Themenauswahl für das Gespräch dienen sollen. Meistens dürfen bereits behandelte Themen auch ein weiteres Mal aufgegriffen werden.

Die Qual und die Optik oder die Qual der Optik

'Väterchen Frost und die kleine Nastya' spielt sich nicht nur wie ein Adventure im klassischen Sinne, es sieht auch in allen Belangen klassisch aus. In Russland ist der Titel seit einer längeren Weile bereits erhältlich und leider sieht man dem Spiel den etwas veralteten Status vor allem in den grafischen Bereichen an.
Zwischensequenzen und Spielgrafiken sind im semirealistischen Cartoon-Zeichenstil gehalten, wobei sich Computer- und Aquarellkolorierung abwechseln und stellenweise sogar ineinander hineinverlaufen. Der Zeichenstil ist ziemlich schlicht und für das verwöhnte, europäische Auge etwas gewöhnungsbedürftig, doch präsentieren sich die Grafiken grössenteils detailverliebt und ab und zu auch kitschig - wie es für Märchen halt eben typisch ist. Besonders schön anzusehen sind die Hintergründe, die sich je nach determinierter Jahreszeit auch gestalterisch verändern.
Durch die sehr eigene Handschrift nimmt 'Väterchen Frost' optisch aber eine sehr distanzierte Haltung gegenüber ähnlichen Vergleichstitel. Kaum zu verschmerzen sind die sehr mageren Animationen. Was im Spielgeschehen auf Entfernung noch halbwegs funktioniert, fördert im Nahbereich und in den übertrieben vereinfachten Zwischensequenzen die Augenkrebsgefahr. Durch offensichtliche Versuche eine realistische Haltung zu erzwingen wirken die Figuren eher hölzern und aufgesetzt.

Von Balalaikaklängen und eingedeutschten Bärenmenschen

Weder negativ noch besonders positiv fällt das akustische Gesamtbild von 'Väterchen Frost' auf. Der deutsche Publisher bhv Software GmbH hat sich hörbar ins Zeug gelegt, das russische Abenteuer für den deutschen Markt neu aufzuwerten. Rund vier Stunden Text wurden vollständig lokalisiert und mit mehr oder weniger professionellen deutschen Sprechern besetzt. Sowohl Sprache als auch Text (inklusive zuschaltbaren Untertitel) findet man vollständig ins Deutsche übersetzt vor. Zwar betonen einige Sprecher die Sätze ab und zu an der falschen Stelle und einmal wurde auch die Textpassage eines NPC's mit derjenigen von Nastienka vertauscht, aber sonst weiss die deutsche Übersetzung in den meisten Belangen zu gefallen.

Auch die restlichen Soundeffekte passen und unterstreichen das Ambiente mit der geeigneter Atmosphäre. Vogelgezwitscher, Sumpf- oder Wassergeräusche – die Soundkulisse stellt eine detaillierte Bereicherung dar.
Selbst die Musik ist, wenn auch etwas unscheinbar, absolut angemessen. Durch die selbstablaufende Lautstärkeregulation - etwa bei Gesprächsbeginn - kommt man auch nicht in Versuchung ständig an den Reglern im Hauptmenü herumzupfuschen. Die Untermalung fördert den russischen Charakter des Spiels ungemein, besteht der Hauptteil der Begleitstücke doch aus typischen Volksweisen.


Galerien

Fazit:

Wertung: 68%

Der Prager Entwickler Bohemia Interactive konzipierte mit 'Väterchen Frost und die kleine Nastya' ganz klar ein Spiel für die jüngere Altersklasse. Als zeitloses Märchen mag aber die Geschichte um den eiskalten Opa nicht nur Kinder sondern auch junggebliebene Erwachsene unterhalten. Für rund 20 Euro bekommt man ein mehrstündiges Fantasy-Abenteuer mit liebenswürdigen Charakteren und amüsanten Dialogen spendiert – für die Kleinen dürfte es sogar mehr als das sein, zumal das Spiel mit seiner Erzählung als belehrendes Konsumgut fungiert, welches ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen die Entwicklung von wertvollen, sozialen Verhalten predigen will.
Auch wenn das Spiel Gameplay-technisch und inhaltlich absolut überzeugen kann, hinkt es doch in der technischen Präsentation weit hinterher. Der Titel kann die paar Jahre die bereits schon auf seinem Buckel lasten nicht verbergen. Nicht, dass die Grafik nicht zeitgemäss wäre (klassischen 2D-Cartoon-Adventures darf man ein solches Sujet nicht ankreiden), allerdings entspricht die optische Ausführung nicht dem etwas höheren Qualitätsstandard, wie wir ihn heute und vor allem in Europa gewohnt sein sollten. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt allerdings mehrere Stunden abwechslungsreiche, nett lokalisierte Adventure-Kost mit viel nostalgischem Wert.

geschrieben am 15.02.06, Philipp Thalmann

Systemanforderungen Weitere Links
Windows 98/Me/2000/XP
Pentium II 300 Mhz
32 MB Ram
500 MB freier Festplattenspeicher
4 MB Grafikkarte
Webseite von Publisher bhv


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