Reviews: Headspun:

Headspun


Vermutlich haben wir uns alle schon einmal gefragt, wie das Gehirn eigentlich arbeitet (abgesehen von den Neurowissenschaftlern unter uns, natürlich) und welche Rolle die unterschiedlichen „Stimmen“ oder Gedanken in Bezug auf unsere täglichen Entscheidungen spielen. Der walisische Entwickler Superstring hat diese Frage dem Indie-Adventure 'Headspun' zugrunde gelegt und entführt uns in die Tiefen des menschlichen Gehirns. Wie gut das funktioniert, haben wir uns im Test angesehen.

 

 

Wer bin ich und was mache ich hier eigentlich?

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Ted hat keine Ahnung, was passiert ist.

Hauptprotagonist Ted wacht eines Tages mit einem schrecklichen Kater auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Als wäre das nicht schlimm genug, kommt er auch noch zu spät zur Arbeit. Zu seinem Schreck erwartet ihn dort ein Anblick der Verwüstung. Überall liegen tote Menschen, Rauch quillt aus Spalten, Türen lassen sich nicht mehr öffnen oder schließen, Aufzüge funktionieren nicht mehr richtig. Sein Mitarbeiter Teddy bringt rasch Licht in die Sache: Ted war fünf Wochen lang bewusstlos, während Teddy versucht hat, den Laden am Laufen zu halten. Der Großteil der Belegschaft ist tot und muss dringend ersetzt werden, um die notwendigen Reparaturen durchzuführen.

Rasch stellt sich heraus: Ted und Teddy sind die beiden wichtigsten Mitarbeiter im Cortex, dem Gehirn von Theo, einem 25-jährigen Mann, der die Finanzkarriere eingeschlagen hat und vor fünf Wochen in einen fürchterlichen Autounfall verwickelt wurde. Zwar ist Theo jetzt wieder wach, allerdings kann er sich an nichts erinnern. Es liegt nun an Ted, Theos Gehirn wieder auf Vordermann zu bringen, die verlorenen Erinnerungen wiederherzustellen und Licht ins Dunkel zu bringen. Dazu braucht er jede Menge Unterstützung und eine nicht unwesentliche Portion Geduld.

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Erinnerungen helfen bei der Rekonstruktion des Geschehenen.

Die Geschichte entwickelt sich sehr spannend. Besucher wie Theos bester Freund Jack helfen ihm dabei, langsam, aber sicher, sein Gedächtnis wieder zu erlangen und zu rekonstruieren, was passiert ist. Dabei dreht sich die Story einerseits um Freundschaft, andererseits um begrabene Träume und nicht zuletzt um die Frage, was einen Menschen im Leben eigentlich glücklich macht. Ted und Teddy repräsentieren dabei zwei essenzielle Facetten des menschlichen Daseins: Während Ted strikt rational vorgeht und Theo ein finanziell abgesichertes Leben ermöglichen möchte, weil das zum Erwachsenendasein seiner Ansicht nach einfach dazugehört, pocht Teddy darauf, dass die Kreativität auf gar keinen Fall zu kurz kommen darf und Träume in die Tat umgesetzt werden müssen. Andernfalls wird Theo auf Dauer nicht glücklich werden. Ratio und Kreativität befinden sich dabei im permanenten Clinch, können aber auch nicht ohne einander und müssen zusammenarbeiten, um herauszufinden, was am Abend des 19. Dezember wirklich passiert ist.


Comic-Grafik trifft FMV

Optisch präsentiert sich 'Headspun' als eine zunächst gewöhnungsbedürftige Mischung aus Comic-Grafik und FMV-Einspielungen, was mit der Zeit aber erstaunlich gut funktioniert. Während das Innere des Gehirns ausschließlich mit Hilfe von gezeichneter Grafik und als eine Art großes Unternehmen mit verschiedenen Räumen dargestellt wird, präsentiert sich die reale Welt über FMV. Schauspieler übernehmen die Rolle von Theos Ärztin, seinem besten Freund und einem Polizisten, der Fragen zum Unfallhergang hat. Sämtliche Handlungen, die Theo tätigt – sei es, ein Buch zu lesen, ein Sudoku zu lösen, mit einer Kurzhantel zu trainieren oder einfach nur das Zimmer im Spital zu begutachten – werden als kurze Filme präsentiert, die wir durch Theos Augen sehen.

Gleichzeitig bleibt die Comic-Grafik als Rahmen erhalten. Das ergibt tatsächlich ein harmonisches Ganzes. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Schauspieler ihre Sache sehr gut machen. Auch die Perspektive trägt stark zur Atmosphäre bei. So sehen wir Theo beispielsweise immer wieder mal blinzeln, wenn er sich mit der Ärztin oder seinem besten Freund Jack unterhält. Der kleine Screen in der Mitte der Kontrollzentrale wird dann für kurze Zeit schwarz.


Und so klingt's bzw. liest es sich

In Sachen Sound wurde gespart: Lediglich die Schauspieler, die mit Theo interagieren, dürfen sprechen. Alle weiteren Dialoge müssen vom Bildschirm abgelesen werden und können per Klick übersprungen werden. Die Musik hält sich dabei dezent im Hintergrund. Gleiches gilt für Geräusche, wie eine feststeckende Aufzugstür oder etwa das Quieken von Ratten. Hier wurde nach dem Motto „Weniger ist mehr“ gearbeitet, und das funktioniert ziemlich gut.

Ein Wermutstropfen für Freunde von deutschen Sprachausgaben: Sämtliche Texte und die Sprachausgabe sind nur auf Englisch verfügbar. Untertitel können optional dazugeschaltet werden. Fehlerfrei sind diese leider nicht, teilweise werden sie auch zeitverzögert eingespielt oder begleiten einen über mehrere Screens hinweg – ein Bug, der zwar nicht weiter stört, der aber auch nicht hätte sein müssen.


Minimalismus ist angesagt

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Minispiele bringen uns Neuro-Credits ein.

Die Steuerung ist einfach gehalten und funktioniert via Controller oder auch mit Maus und Tastatur. Mit WASD können wir Ted bewegen, mit der linken Maustaste agieren wir mit anderen Charakteren oder Objekten in der Umgebung. Auch die Minispiele werden via Maus absolviert. Um das Gehirn zu reparieren, müssen wir uns als Manager betätigen. Wir arbeiten in Schichten, die morgens starten und zunächst relativ rasch wieder enden, was mit Theos gesundheitlichem Zustand zu tun hat. Um diesen zu verbessern, müssen wir Neuro-Credits (kurz: NC) verdienen. Die brauchen wir, um neue Belegschaft anzuheuern und Reparaturen durchführen zu lassen.

Gleichzeitig können wir die NC in Theos Konzentration investieren oder sie dazu verwenden, sein anfangs sehr hohes Stresslevel zu senken. Verdient werden NC über Minispiele, die wir im Verlauf der Handlung freischalten. Die Minispiele dienen gleichzeitig dazu, Theos Konzentration und den allgemeinen Zustand seines Gehirns zu verbessern – wir können ihn lesen lassen, Sudoku lösen, einfache Rechenaufgaben bewältigen oder meditieren. Je besser Theos Verfassung, umso rascher können wir ihn wieder mit einem Minispiel behelligen und umso mehr NC verdienen wir.

Über die Kontrollzentrale rufen wir Mitarbeiter herbei, um ihnen neue Aufgaben zuzuweisen. Das kann die Reparatur eines bestimmten Raumes sein oder einfache Aufräumarbeiten. Je billiger ein Mitarbeiter bei der Einstellung ist, umso länger braucht er oder sie für eine Aufgabe. Mit steigender Hirnkapazität und Team-Moral bessert sich auch die Leistung der Mitarbeiter, und für Aufgaben im Bereich Forschung und Entwicklung können wir mehrere Mitglieder der Belegschaft einteilen, sodass eine Arbeit rascher erledigt wird. Auch das verbessert die Gehirnleistung und hilft Theo beim Genesungsprozess. Via Tablet kann Ted überprüfen, was noch erledigt werden muss, welche Mitarbeiter gerade nichts zu tun haben, wie es um die Moral bestellt ist oder wie viel Zeit vergangen ist, seit Theo im Krankenhaus aufgewacht ist.

Für den Spielverlauf ist es nicht wichtig, alle Räume zu reparieren oder alle Aufgaben zu erfüllen. Man muss nicht einmal alle 15 Erinnerungen freischalten. Sobald eine bestimmte Videosequenz getriggert wird, steuert das Spiel auf das Ende zu und stellt uns beim neuerlichen Betreten des Kontrollraumes vor die Frage, ob wir Theo aus dem Krankenhaus entlassen möchten oder nicht. Entscheidet man sich für die zweite Option, kann man die restlichen Reparaturen durchführen lassen und die letzten Erinnerungen durchsehen. In erster Linie bringt das Vervollständigen noch ausstehender Aufgaben Achievements.


Spielerisch leider etwas eintönig

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Der Großteil des Spiels spielt sich in der Kommandozentrale ab.

Mit der Zeit wird das Gameplay leider etwas eintönig, denn jeder Tag läuft mehr oder weniger gleich ab: aufstehen, den Kontrollraum aufsuchen, sich kurz mit Teddy streiten, Aufgaben verteilen, Theos Konzentration verbessern, Minispiele absolvieren und nach Ende der Schicht noch im Cortex herumwandern, um etwaige weitere Baustellen und damit neue Aufgaben zu entdecken oder mit Mitarbeitern zu sprechen.

Spielerische Herausforderungen gibt es praktisch gar nicht. Die Minispiele erfordern zwar, dass man sich konzentriert und rasch reagiert, aber schwierig oder stressig wird das eigentlich nie. Die NC verdient man so oder so; am Ende wusste ich gar nicht mehr, wohin damit und habe angefangen, Dekorationen zu kaufen bzw. Einrichtungsgegenstände, die die Moral der Mitarbeiter dramatisch angehoben haben (ein Pooltisch wirkt wahre Wunder).

Zwischendurch kann es passieren, dass man aufgrund eines Bugs nicht weiterkommt. In solchen Fällen empfiehlt es sich, das Spiel zu beenden und neu zu starten. Meistens kann das Problem so behoben werden. In einem Fall musste ich die eingeblendeten Gedanken Teds rasch wegklicken, bevor der Dialog der FMV-Sequenz startete. Andernfalls wäre an dieser Stelle kein Weiterkommen gewesen. Das sind Kleinigkeiten, die man einem Indie-Entwickler leicht verzeihen kann, zumal sich das Team sehr bemüht, solche Fehler auszumerzen.


Galerien

Fazit:

Wertung: 76%

'Headspun' hat mich wirklich überrascht, denn die Kombination aus Comic-Grafik und FMV funktioniert besser als erwartet. Vor allem die Geschichte hat mich überzeugt, da sie auch zum Nachdenken anregt und die Frage in den Raum stellt, ob man der Ratio oder der Kreativität den Vorzug geben sollte – oder ob es nicht besser ist, eine Balance zwischen diesen beiden Seiten einer Persönlichkeit und all den anderen Facetten zu finden, die einen Menschen ausmachen. Dass der ein oder andere Twist eingebaut wurde, ist ein netter Bonus, der die Story noch interessanter macht. Spielerisch ist das Spiel auf Dauer etwas eintönig geraten, obwohl die Idee, das Gehirn als eine Art Bürokomplex mit Management-Elementen aufzubauen, durchaus Charme hat. Die Eintönigkeit des Gameplays wird von der guten (linearen) Geschichte zum Glück ausbalanciert, sodass man in Summe vier bis fünf Stunden mit 'Headspun' verbringen kann.

geschrieben am 10.10.19, Susanne Lang-Vorhofer

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Dieses Review gehört zu  Headspun.




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