Reviews: Nelly Cootalot: The Fowl Fleet:

Nelly Cootalot: The Fowl Fleet


Piraten und Adventures... für gewöhnlich eine gesunde Kombination, mit der die meisten Point&Click-Fans nostalgische Erinnerungen verbinden dürften. Im Gegensatz zu 'Monkey Island' gibt es diesmal eine weibliche Protagonistin und sie will nicht Piratin werden – sie ist es längst, oder gibt zumindest vor es zu sein –, sondern Vögel retten. Da hat sie alle Hände voll zu tun, denn ein fieser Baron will die gefiederten Freunde für seine Machenschaften missbrauchen. Ein klarer Fall für Nelly Cootalot! Ihre Qualifikationen als unerschütterliche Point&Click-Piratin nehmen wir im Test unter die Lupe.

Nelly Cootalot

Im Bann des Barons

Gleich vorweg: 'Nelly Cootalot: The Fowl Fleet' ist nicht das erste Adventure mit der gleichnamigen Heldin. Im AGS-Archiv findet Ihr 'Nelly Cootalot: Spoonbeaks Ahoy!', ein nettes Freeware-Point&Click-Adventure für zwischendurch (Release: 2007). Der britische Komiker und Filmemacher Alasdair Beckett-King hatte es als Geschenk für seine Freundin entwickelt, die als Vorlage für die Protagonistin dient. Gespielt haben muss man es nicht, obwohl in 'The Fowl Fleet' Anspielungen versteckt sind.

Nelly Cootalot

Kapitän Bloodbeard hat eine Quest für Nelly Cootalot

Bereits der Anfang gleicht einer kleinen Hommage und schafft eine Brücke zum Erstlingswerk, ohne Vorwissen vorauszusetzen. Wie es Nelly Cootalot seit der Rettung der Löffelschnäbler ergangen ist? Ihre Karriere als furchteinflößende Piraten-Kapitänin ist gehörig ins Stocken geraten. Zu Beginn treffen wir sie auf hoher See. Unter Deck der "UNZUSTELLBAR" kümmert sie sich um Briefe und schrubbt den Boden.

Da kommt ihr der aufgebrachte Geist von Kapitän Bloodbeard nur recht, der sie rügt: Beim letzten Abenteuer hat die freche junge Dame glatt einen Hinweis übersehen, der sie zum Schatz des siebten Weltmeeres hätte führen sollen. Böse Nelly! Diese Information ist dem fiesen Baron Breitbart inzwischen in die Hände gefallen. Bevorzugt quält der kleingewachsene bärtige Mann Vögel, um seine Ziele zu erreichen. Er hat die Rechnung ohne Nelly gemacht, die sich mit Leidenschaft für gefiederte Geschöpfe einsetzt. Und ja, als brave Piratin ist ein wertvoller Schatz ebenso wenig zu verachten.


Eine schlichte Story, die vom Humor und liebenswerten Charakteren lebt

Nelly Cootalot

Die junge Piratin soll Breitbart und seine Baronin aufhalten

Der einfach gestrickte Plot ist eher als charmante Dekoration zu verstehen, denn die eigentliche Klasse spielt 'The Fowl Fleet' im Comedy-Bereich aus. Nahezu jeder Satz ist pointiert gelungen und kann einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern – zumindest in der englischen Vorlage. Es macht außerordentlich viel Spaß, alles in dieser Welt anzuklicken und sämtliche Dialoge durchzugehen.

 

Vergleiche mit der 'Deponia'-Reihe oder mit 'Book of Unwritten Tales 2' sind hingegen nicht zielführend, weil es eine andere Art von Humor ist. Schlechter ist Alasdair Beckett-Kings buntes Piraten-Abenteuer keinesfalls. Sein flotter Umgang mit Sprache sucht im klassischen Adventure-Genre aktuell seinesgleichen. Der Humor ist obendrein sehr zugänglich und funktioniert auch außerhalb der britischen Insel ziemlich gut. Neben einer satten Portion Wortwitz, sowie Anspielungen auf das Adventure-Genre und die Popkultur, wartet hier eine sehr abwechslungsreiche und kreative Mischung, die nicht so schnell langweilig wird.


Herausragendes Rätseldesign

Nelly Cootalot

Ein volles Inventar, klassische Rätsel... Adventure-Herz, was willst du mehr

Abwechslungsreichtum ist auch den sehr gelungenen Rätseln nicht abzusprechen. Für gewöhnlich bewegen sie sich auf einem angenehm fordernden Niveau, ohne richtig schwer zu sein. Dennoch gibt es einige Situationen, die längeres Grübeln erfordern können und die nicht gleich auf der Hand liegen.

 

Mit einer Spielzeit um acht Stunden herum ist zu rechnen, wobei Point&Click-Neulinge und Gelegenheitsspieler deutlich länger damit beschäftigt sein werden, als Profis. Auf strenge Linearität verzichtet 'Nelly Cootalot' dankenswerterweise. Auf der zweiten Insel arbeitet man zum Beispiel an rund einem halben Dutzend Aufgaben, die in flexibler Reihenfolge zu bewältigen sind. Wer zwischendurch ein Ziel vergessen hat, fragt Nellys Gefährten, den Vogel Jürgen (in der englischen Variante ist sein Name Sebastian), der sogleich einen Überblick über die To-Do-Liste verschafft. Oder man wendet sich direkt an die Person, für die man etwas tun soll. Wichtige Dialog-Optionen sind beliebig oft anklickbar. Selbst nach einer längeren Pause findet man leicht zurück ins Abenteuer.

Nelly Cootalot

Die Aufgaben sind abwechslungsreich

Der Schwerpunkt liegt auf klassischen Inventar-Rätseln, doch das ist nur ein Aspekt im Aufgaben-Katalog. Spannend ist ansonsten z.B. jene Art von Herausforderung, die mit Sprache zu tun haben. So geht es einmal darum, die Bedeutung von Piraten-Ausdrücken herauszufinden. Dazu muss man sich Geschichten anhören und wesentliche Details herausfiltern. Oder wir lesen im Logbuch nach, in dem die Informationen zum Zielort einiger Schiffe spärlich gesät sind und ein paar wichtige Details fehlen, die aber per Ausschlussprinzip an die Oberfläche treten. Zuletzt gibt es ein paar sehr nett gemachte, faire Minigames, wie z.B. eine Schießübung auf dem Schießstand.

Aufgrund der Rätsel-Mischung, in Kombination mit lustigen Einfällen, wird das 2D-Abenteuer von Alasdair Beckett-King und Application Systems Heidelberg nicht so bald langweilig. Obendrein gibt es in den 35 handgezeichneten Schauplätzen zahlreiche Hotspots zu erkunden (für Ungeduldige gibt es eine Hotspots-Anzeige) und einige Dialog-Optionen, die nicht für die Knobelei essentiell sind und trotzdem bei Laune halten. All das trägt dazu bei, dass man sich Gedanken machen muss und sich nicht einfach so auf den Zufall verlassen kann.

 

Nelly Cootalot

 

Für Kinder oder Erwachsene?

Obwohl die knuffige Grafik anderes vermuten lässt, wurde der unbekümmerte Humor in einer Weise verfasst, die bei Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen zünden kann. Spätestens ab 13, 14 Jahren sollte es kein unlösbares Problem darstellen, Nelly bei der Rettung der Vögel zu unterstützen und oft genug mitlachen zu können. Noch dazu ist die deutsche Vertonung auch durch die präzisere Wortwahl leichter verständlich, als die englische Vorlage, was gerade jüngeren Semestern entgegen kommen sollte. Und durch die stets klare Zielformulierung haben selbst Genre-Neulinge eine faire Chance beim Rätseln. 'Nelly Cootalot' könnte somit eine prima Einstiegsdroge ins Adventure-Genre sein, wenngleich ein paar Pointen vorwiegend bei der Zielgruppe 30+ ankommen werden.


Mit deutscher Lokalisierung

Nelly Cootalot

Bei der deutschen Übersetzung ist spürbar, dass hier viel Zeit und Arbeit investiert wurde

Das führt uns im nächsten Abschnitt zur deutschen Lokalisierung. Die im Sommer 2013 via Kickstarter erreichte Summe (rund 20.000 Pfund) macht lediglich einen kleinen Bruchteil des kompletten Budgets aus, sagt also wenig über die Qualität des Spiels und die Vertonung aus. Ohne Publisher-Hilfe, der auch bei der Entwicklung mitgeholfen hat, wäre 'Nelly Cootalot' in dieser Form wohl nicht realisierbar gewesen.

 

In der deutschen Version sind Stimmen zu hören, die einige Leser vermutlich aus Serien wie 'Simpsons' und 'South Park' kennen, wie zum Beispiel Thomas Reiner (u.a. Professor Hubert Farnsworth in der deutschen Synchronisation von 'Futurama'). Aus Kostengründen sind die erfahrenen Sprecher oft gezwungen, vier oder mehr Rollen gleichzeitig zu verkörpern. Mal passt das besser, mal schlechter. Das Resultat wirkt professionell, aber die dynamischere englische Fassung tönt in Summe überzeugender aus den Boxen.

 

Nelly Cootalot

Wer die Möglichkeit dazu hat, der sollte Nelly im englischen Original zuhören, aber auch die deutsche Übersetzung ist für Lacher gut

Die Lokalisierung wirkt jedenfalls engagiert, die Texte nie 1:1 zu übersetzen, sondern inhaltlich - sofern notwendig - an die deutsche Kultur anzupassen. Das fängt schon bei den Namen an. Kein leichtes Unterfangen, zumal in der englischen Vorlage mit Vorliebe ungewöhnliche Worte zum Einsatz kommen, die auch vom Klang der englischen Sprache leben. Dem markanten Humor wird der deutsche Text gerecht, wenn auch mit einigen Abstrichen. Zugegeben, ähnliches könnte man bei vielen Adventure-Klassikern behaupten und Fairness halber ist festzuhalten, dass das wohl auch mit den Eigenheiten der deutschen Sprache in Zusammenhang steht, die meist deutlich länger ist, als die englische Vorlage, was schnell auf Kosten der Dynamik gehen kann. Wer jetzt unsicher ist, sollte im Internet nach Let's-Play-Videos Ausschau halten.

Übrigens: Wer die englische Variante bevorzugt, aber nicht immer alles versteht, kann jederzeit auf die deutsche Version umschalten. Wichtige Dialogteile und Informationen sind beliebig oft erneut abrufbar und manche Herausforderungen sind übersetzt leichter zu bewältigen. Hingegen ist es nicht möglich, parallel zur englischen Vertonung deutsche Untertitel zu aktivieren.


Solide grafische Umsetzung und klassische Handhabung

Nelly Cootalot

Die Zwischensequenzen vermitteln nicht ganz den Charme der In-Game-Grafik, sie sind aber dennoch eine nette Auflockerung

Der witzige Stil der 2D-Hintergrund-Grafiken vermittelt einen kindlichen Charme, der wahrscheinlich nicht jedem zusagen wird. Nichtsdestotrotz wird die Grafik konsequent durchgezogen und die Musik und die Geräuschkulisse untermalen das Setting passend. Hier und da würde man sich vielleicht noch mehr Animationen wünschen und in ein, zwei Fällen sind die Schauplätze zu Beginn etwas unübersichtlich gestaltet. Und während die wichtigen Figuren stilistisch sehr gut zusammenpassen (Nelly, Van Zandt, Bloodbeard etc.), wirken ein paar der Nebenfiguren deutlich ärmer im Detail. Das ändert wenig am positiven Gesamtbild.

 

Ursprünglich hätte das bunte Piraten-Abenteuer auf der AGS-Engine entstehen sollen, die u.a. die Adventures von Wadjet Eye Games beherbergt. Zum damaligen Zeitpunkt war eine Portierung für Mac-Geräte mittels AGS allerdings kompliziert und so folgte - mit dem Einstieg des auf Mac-Portiertungen spezialisierten Publishers - der Wechsel in Richtung Unity-Engine. Insbesondere was die Schärfe angeht, ist eine Verbesserung seither offensichtlich und neben der HD-Auflösung, wurden einige Hintergründe durch zusätzliche Animationen bereichert (z.B. bewegt sich das Schiff auf und ab), die mit AGS kaum realisierbar gewesen wären.

 

Nelly Cootalot
Die Mini-Games (es gibt nicht viele) sind allesamt fair, aber ein halbwegs ruhiges Händchen sollte man dennoch haben

Nicht gewöhnungsbedürftig ist die Handhabung. Sie bietet nahezu alles, was man sich als Fan des Genres wünscht. Den besonders traditionsbewussten Fans wird höchstens ein Verb-Interface zum Point&Click-Orgasmus fehlen. Das komplette Spiel ist komplett von Maus aus steuerbar, wie man es auch von den neuen Daedalic-Spielen gewohnt ist. Zur Tastatur greift man eigentlich nur, um den Speicherstand zu benennen. Wer über eine kabellose Maus verfügt und sich gern beim Spielen auf der Couch zurücklehnt, kann das problemlos tun. Erwarten darf man sich eine 2-Klick-Steuerung (eine Maustaste dient dem Anschauen, die andere dem Benutzen) und es gibt ein Inventar, das im unteren Bildrand aufrufbar ist. 'Nelly Cootalot' ist ein Spiel, bei dem man sich im Normalfall sehr schnell zurechtfinden wird. Die wichtigsten Dinge bekommt man im Tutorial aber erklärt.


Galerien

Fazit:

Wertung: 87%

Von mir aus hätte 'Nelly Cootalot: The Fowl Fleet' noch stundenlang so weiter gehen können. Das bunte Rätseldesign ist nahezu perfekt gelungen und der pointierte Humor sucht seinesgleichen. Es macht enormen Spaß, die vielen Hotspots anzuklicken, herumzuprobieren und sich bei den Dialogen auszutoben. Wie in guten alten Zeiten! Das Pointen-Feuerwerk leistet sich keinen Durchhänger, wobei die Humor-Brechstange vermieden wird. Alasdair Beckett-King ist somit also ein Point&Click-Adventure gelungen, bei dem die meisten Genre-Fans sich pudelwohl fühlen werden. Klar, die Grafik hat Luft nach oben, v.a. was ein paar der Charaktere und die Zwischensequenzen anbelangt und die Haupthandlung spielt eher nur die dritte Geige, doch das ändert wenig am starken Gesamteindruck. Allerdings schöpft der britisch gefärbte Humor sehr viel Kraft aus den Eigenheiten der englischen Sprache. Eine verlustfreie Übersetzung ins Deutsche ist so gesehen unmöglich. Mit dem Resultat darf man - trotz einiger Abstriche - dennoch zufrieden sein. 'Nelly Cootalot' ist ein Muss für Genre-Fans und solche, die es noch werden wollen.

geschrieben am 22.03.16, Matthias Glanznig

Systemanforderungen Weitere Links
Betriebssystem: Windows XP SP2+ Prozessor: 1.2 GHz Arbeitsspeicher: 2 GB RAM Grafik: 256MB VRAM DirectX: Version 9.0 Speicherplatz: 6 GB verfügbarer Speicherplatz Projektseite bei Kickstarter
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Dieses Review gehört zu  Nelly Cootalot: The Fowl Fleet.




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Kommentare 6
Iwa
23.03.2016, 09:32

Hi,

was bedeutet genau zufrieden sein wenn ich es Deutsch spielen möchte?

Wertung: Eng: 87% - DEU : 70%? (zufrieden?)

LG

Mikej
23.03.2016, 10:43

Iwa hat geschrieben:
Hi,

was bedeutet genau zufrieden sein wenn ich es Deutsch spielen möchte?

Wertung: Eng: 87% - DEU : 70%? (zufrieden?)

LG



So drastisch wäre der Sprung sicher nicht. Nur mit der deutschen Vertonung hätte das Spiel wahrscheinlich einen Wert um die 80% herum bekommen.

Digitalis.purpurea
23.03.2016, 12:40

Mikej hat geschrieben:
So drastisch wäre der Sprung sicher nicht. Nur mit der deutschen Vertonung hätte das Spiel wahrscheinlich einen Wert um die 80% herum bekommen.


Auf Steam ist es doch auf Deutsch verfügbar?

Mikej
23.03.2016, 12:43

Um das ging es nicht. Es ging um den qualitativen Unterschied zwischen Englisch und Deutsch. Die englische Fassung ist zwangsläufig besser (siehe Test), aber die deutsche Fassung ist immer noch richtig gut.

Volker
24.03.2016, 20:14

Da ich die deutsche Fassung gemacht habe, gebe ich mal meinen Senf dazu:
Wie im Test richtig festgestellt wird, ist der englische Text sehr komplex und enthält nicht übersetzbare Wortspiele und Witze. Wir haben diese in allen Sprachen durch andere Inhalte ersetzt. Daher ist die deutsche Fassung zunächst mal etwas anders - aber eben auch korrektes Deutsch.
Beim Audio hat das Englische für einen Deutschen eine Exotik und einen Charme, den man im Deutschen nicht nachbauen kann. Regionale Unterschiede der englischen Sprache sind was anderes als deutsche Dialekte. Man kann es daher schlecht vergleichen und man sollte es auch nicht versuchen, nachzumachen.
Grüße,
Volker (Application Systems Heidelberg)

sinnFeiN
25.03.2016, 00:52

fasst perfekt zusammen, warum Übersetzungen - egal wo - schwierig sind und niemals alles so übernehmen können, wie in der Originalsprache intendiert

Ähnliche Probleme hatten sicher auch einige deutsche Adventures, die auf dem englischen Markt Fuß fassen wollen


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