Reviews: The Cat Lady:

The Cat Lady


Freunde der saftigen Horror-Unterhaltung werden im 2D-Adventure-Sektor gerne vernachlässigt. Der aktuelle Indie-Titel 'The Cat Lady' versucht hier etwas Boden, beziehungsweise ein paar Morde gutzumachen. Eine depressiv psychologische Horror-Story, morbide Leichen und ein paar spritzige Blutlachen. Kein Spiel für schreckhafte Gemüter... wir haben uns dennoch mutig hinein gewagt und unsere Eindrücke für Euch in einen Test verpackt.

 

 

 

 

Preis der zweiten Chance

Wen wird sich die Cat Lady schnappen?

 

Mit Menschen gibt sich Susan Ashworth höchstens dann ab, wenn sie keine Wahl hat. Streunende Katzen sind heute ihr bevorzugter sozialer Kontakt. Oft hört man sie mitten in der Nacht am Klavier spielen. Damit ruft sie ihre vierbeinigen Freunde zu sich. Nicht umsonst kennt man sie in der Nachbarschaft unter dem klingenden Namen „Cat Lady“ - also die Katzenfrau. Sie war nicht immer so, doch haben brutale Schicksalsschläge sie psychisch gebrochen und im Alter von mehr als 40 Jahren hat die Depression ihren Geist durchtränkt. Einen Ausweg aus ihrer Misere sieht sie längst nicht mehr und so beginnt unser Abenteuer mit einem Selbstmordversuch.


Die Überdosis an Pillen bringt Susan in eine surreale Zwischenwelt, jenseits von Leben und Tod. Ein Weizenfeld erfüllt sämtliche Himmelsrichtungen. Bald erreichen wir eine Hütte und werden von einer alten Frau begrüßt. Ist sie der Tod? Wer weiß das schon. Doch scheint dieses Wesen eine besondere Macht zu besitzen und macht ein Angebot: Die Katzenfrau soll zurück in die Welt der Lebenden und dort fünf bösartige Menschen töten... Parasiten, wie sie sagt. Susan zögert, doch das Wesen erklärt, dass diese Subjekte sie ohnehin gewaltsam aufsuchen werden, ob sie will oder nicht. Um diesen gefährlichen Job zu erfüllen, erhält sie mehrere Leben in Aussicht gestellt. Egal unter welchen Umständen sie stirbt, sie kann immer zurück in die Welt der Lebenden. Dafür muss dann jedoch ein anderer Mensch sterben. Leben für Leben...

Die Szenen in der Zwischenwelt ziehen sich durch die gesamte Handlung und erinnern an einen metaphysischen Drogentrip, wie Halluzination als Folge einer schweren Überdosis. Letztlich passt diese Assoziation, denn der Kampf ums Überleben, einen neuen Anfang, nun, der steht letztlich im Zentrum. Damit hängt die Bewältigung einer traumatischen Vergangenheit zusammen. Ähnlich den Schichten einer Zwiebel arbeiten wir uns kapitelweise zum Wesenskern von Susan Ashworth vor und beginnen zu verstehen, wie auch die Protagonistin immer mehr zu sich selbst findet. Wer sie ist, dass hat sie zu Beginn nämlich vergessen, oder verdrängt. Bei diesem Prozess wird sie später Hilfe bekommen. Wenn sie auf die junge Frau Mitzi trifft, die ein ganz anderes Schicksal mit sich trägt...



Arthouse-Horror-Drama?

Sidekick Mitzi hat ein schweres Los zu tragen...

Entwickler und Harvester Games-Gründer Remigiusz Michalski begibt sich nach dem soliden 'Downfall' erneut in die Welt des Schreckens. Eine rund dreijährige Entwicklungszeit hat 'The Cat Lady' hinter sich. Bei Indie-Spielen ist das nicht unüblich. Sein neues Werk schlägt ungewohnte Töne an und unterscheidet sich deutlich vom vorigen Titel. Es erzählt eine geradezu poetische Geschichte, die zugleich deprimiert und Hoffnung geben kann. Obwohl sie phasenweise in eine experimentelle Richtung geht, ist die Aussage sehr klar und verständlich. Umso mehr ist es schon ein bisschen schade, dass die nicht unbedingt notwendigen Splatter-Einlagen, einige Menschen abschrecken werden und die Altersfreigabe astronomisch in die Höhe schrauben - das Spiel ist laut offizieller Webseite erst ab 18 Jahren freigegeben.

Zu Beginn wird gerne mit blutigen Schockeffekten gearbeitet, doch rücken diese Elemente rasch in Richtung Nebensächlichkeit - auch was ihre Häufigkeit angeht. Im Mittelpunkt steht eigentlich eine sehr nachdenkliche, psychologische Story, die hin und wieder das Adrenalin in die Höhe treibt. Nicht umgekehrt. Hin und wieder trifft man auf Genre-untypische Themen, wie Vergewaltigung, Kannibalismus und Selbstmord. Auch das wird gewiss nicht jedem schmecken. Man könnte es als episodisches Arthouse-Horror-Drama-Adventure charakterisieren, obwohl es kein Episodenspiel im klassischen Sinne ist. Die Geschichte ist in sieben Kapitel zu je 1-2 Stunden Spielzeit unterteilt und in schätzungsweise 9-12 Stunden durchspielbar. Fast jedes Kapitel hätte man durchaus als Episode veröffentlichen können und es endet jeweils mit einem dramatischen Höhepunkt. Auf einer Metaebene bauen diese Abschnitte geschickt aufeinander auf.



Ein experimentelles Erlebnis


Die Cut-Scenes sind simpel, aber effektiv und stimmungsvoll

Ein Gefühl des Eingeengt-Seins, der blanken Ausweglosigkeit wird auch auf optischer Ebene vermittelt. Die Grafik mag ungewöhnlich und abwechslungsreich sein, sie ist im gleichen Atemzug aber auch experimentell und erstaunlich gewöhnungsbedürftig. Die Darstellung ist platt und wenig räumlich. Die Figuren wirken, als wären sie einem Papiertheater entsprungen und die Animationen wirken nicht besonders flüssig. Das bei diesem Projekt geringe finanzielle Mittel am Werk sind, es lässt sich nicht verhehlen. Andererseits hat eben dieser spezielle Stil durch seine Eigenarten einen wesentlichen Anteil an der markant bedrückenden Atmosphäre. Susan ist eine Getriebene. Für sie geht es tatsächlich nur vor oder zurück und die flache zweidimensionale Darstellung unterstreicht diesen Aspekt. Trotzdem wäre es von Vorteil gewesen, den diversen Figuren lebendigere Animationen zu schenken.

Neben der Optik spielt die Musik eine entscheidende Rolle am experimentellen Arthouse-Feeling dieser interaktiven Geschichte. In ruhigen Passagen wird die depressive Grundstimmung auf akustischer Ebene geschickt getragen. Abwechslungsreiche Effekte, ein schönes Klavierstück mit elektronischen Elementen und andere Kompositionen sorgen für einen atmosphärischen Klangteppich, selbst wenn insbesondere die Effekte manchmal zu sehr ins Zentrum rücken. Psychedelische Szenen und besonders dramatische Augenblicke lassen ihrerseits gerne Indie-Rock Nummern aus den Boxen dröhnen und die Gitarren können zwischenzeitlich einen härteren Sound anschlagen. Obwohl die Lieder auffällig gut sind und der rund 70-minütige Soundtrack eine klare Empfehlung verdient, so hätte manchen Nummern vielleicht ein subtilerer Einsatz gut getan.

Nicht ganz überzeugen kann die englische Sprachausgabe (eine deutsche Fassung gibt es bislang nicht). Zwar ist sie passabel, doch die Soundqualität ist höchst verbesserungswürdig und weist auf eine semi-professionelle Entstehungsgeschichte hin. Vergleichbar mit der englischen Fassung von 'Der Fall John Yesterday' wurden lediglich Dialoge und Erzählungen vertont. Beschreibungen und Gedankengänge gibt es nur in schriftlicher Form. Einige Rollen sind nicht ideal besetzt, doch angesichts vieler schwieriger Charaktere und sehr begrenzter Ressourcen ist das keine Überraschung. Obwohl die Sprecherin der Hauptrolle beispielsweise über eine gute Stimme verfügt, wirkt sie erstaunlich unverbraucht und jung für ausgerechnet so eine Rolle. An Defizite dieser Art kann man sich jedoch gewöhnen, zumal die Dialoge an sich gut geschrieben sind.


Tastatur-and-Click

Badezimmervorhänge sind bei Horror-Geschichten immer mit Vorsicht zu geniessen...

Ein Gefühl der Einengung, der Ausweglosigkeit wird auch über die Steuerung verstärkt. 'The Cat Lady' fällt nicht in die Kategorie Point-and-Click, denn die Interaktion funktioniert via Tastatur und verzichtet auf die Maus. Wir bewegen uns ähnlich einem Side-Scroller mittels Richtungstasten nach links oder rechts. Sobald wir an einem relevanten Objekt/Subjekt vorbeikommen, wird uns das im Spiel prompt angezeigt. Noch ein einfacher Tastendruck und wir erfahren alle möglichen Aktionen. Oder wir öffnen das Inventar, um einen Gegenstand damit zu benutzen. Die Steuerung erfüllt ihren Job, doch sie ist ein wenig unhandlich und einschränkend, auch zumal die Spielfigur immer wieder über mehrere Schauplätze marschiert und wir derweilen ständig eine Taste gedrückt halten. Laufen ist nicht möglich und das Tempo ist gemütlich. Es ist leider unmöglich, die Laufwege abzukürzen. Generell passieren viele Abläufe langsam und lassen sich nur beschränkt beschleunigen. Falls die Steuerung übrigens dauerhaft verzögert reagiert, dann sollte man vor dem Start die Einstellungen ändern. Das kann helfen. Schade im Hinblick auf die Bedienung ist allerdings, dass man innerhalb des Inventars nicht mehrere Objekte miteinander kombinieren kann. An einer Stelle im Spiel ist es zwar möglich, Objekte aus dem Inventar über dem Umweg einer Werkbank miteinander zu kombinieren, doch dieser Prozess läuft leider unnötig stark vereinfacht ab.

Ausbaufähige Rätsel

...und gleiches gilt für Krankenhäuser!

Damit stecken wir auch schon mitten im Rätseldesign. Die meisten Rätsel sind interessant und handlungsdienlich gelungen. Jedoch wird man sich selten lange mit einer Aufgabe aufhalten, auch weil es in der Regel wenige Interaktionsmöglichkeiten gibt. Hat man die gefunden, dann liegt die Lösung fast immer auf der Hand. Im Inventar befindet sich stets eine überschaubare Anzahl an Gegenständen, was die Lösungssuche zusätzlich vereinfacht. Ähnlich wie 'To the Moon' steht die Story eindeutig im Mittelpunkt. 'The Cat Lady' zeigt sich aber vergleichsweise interaktiver und wirkt bemühter, uns das Gefühl zu vermitteln, dass wir die Handlung aktiv beeinflussen. Das Gameplay geht so gesehen deutlich mehr Risiko ein. Teilweise geht die Rechnung auf, teilweise auch nicht. Einige Male geizt das Adventure dennoch an spielerischer Freiheit. Es bleibt aber sehr zu hoffen, dass künftige Adventures einige der produktiven Ansätze aufgreifen und optimieren können.


Entscheidungsfreiheit und Dialoge

Die Bewohnerin dieses Hauses spielt eine Schlüsselrolle...

Die Dialoge lassen oft mehr als ein Ergebnis zur Auswahl, oder sie suggerieren es zumindest. Den Handlungsverlauf ändern unsere Entscheidungen für gewöhnlich nicht, aber das Spiel wirkt dadurch persönlicher und dynamischer. Schildert Susan einen Streich, dann können wir diese Schilderung teilweise nach eigenem Belieben steuern. Erzählt sie über ihre Vergangenheit, dann dürfen wir hier auch ein leises Wörtchen mitplaudern. Nicht immer geht es in solchen Situationen um die richtige Wahl im klassischen Sinne, sondern eben um die sympathischere. Will uns jemand zu einer Handlung zwingen, dann können wir uns manchmal dagegen verweigern - mal mit Erfolg, mal machen wir die Situation hingegen schlimmer. Interessant sind zudem Situationen, wo eine Wahl zu treffen ist, deren Richtigkeit wir erst im Nachhinein erfahren. Auch dadurch wird 'The Cat Lady' ein lebendiger Charakter verliert und es frustriert nicht, zumal es den Fortschritt im Spiel nicht behindert. Es gibt immerhin mehrere Enden, wobei allerdings nur eine Variante im narrativen Kontext wirklich stimmig ist. Davon abgesehen lassen die meisten sonstigen Rätseltypen primär eine Lösungsvariante zu.

Bei einigen Gesprächen meint man anfangs allerdings mehr Freiheit zu haben, als es letztlich der Fall ist. Oft fühlt man sich genötigt, sich durch alle Optionen durchzuklicken, obwohl man vieles nicht unbedingt wissen wollte. Sich abhängig von der zuvor getroffenen Option ändernde Gesprächsoptionen hätten sich hier in einigen Situationen angeboten. Unpraktischerweise werden bereits gewählte Dialogoptionen zudem oft weder gelöscht, noch markiert. Das kann lästig werden und ein versehentliches Klicken auf eine zuvor bereits gewählte Frage kann ein längeres Gespräch triggern. Zwar ist es möglich, Gespräche per Tastendruck zu verkürzen, aber das gestaltet sich bei sehr vielen Wortmeldungen in der Praxis lästig. Etwas Suboptimal ist weiters das Speichersystem - Spielstände können im Menü weder gelöscht noch überschrieben werden. Das geht nur manuell.


Fazit:

Wertung: 80%

'The Cat Lady' zählt neben 'Resonance', 'To the Moon' und 'Primordia' zu den Top Indie-Adventures des Jahres 2012. Es lebt von einer herausragenden, intelligenten Geschichte, die unverbraucht wirkt und nicht vor erwachsenen Themen zurückschreckt. Die intensive Atmosphäre ist für gruselige Stimmung gut und kann zwischendurch für Adrenalin sorgen. Auf der technischen Seite merkt man dem Spiel freilich das geringe Budget an. Wer sich angesichts der Screenshots unsicher ist, der sollte unbedingt vorher die Demo probieren. Die Optik ist gewöhnungsbedürftig, die Sprachausgabe spielt nicht in der ersten Liga und das Rätseldesign hat trotz guter Ansätze Luft nach oben. Wer damit aber zurecht kommt und mit blutigen Szenen klar kommt, der könnte mit 'The Cat Lady' sehr viel Freude haben! Empfehlenswert – nicht nur für Horror-Fans.

geschrieben am 11.01.13, Matthias Glanznig

Systemanforderungen Weitere Links

Windows (XP, Vista und 7)
DirectX 9
Mindestauflösung von 800x600
Soundkarte und Keyboard, eine Maus wird nicht benötigt.
1.5gb Festplattenplatz
Offizielle Webseite
Bei GOG kaufen
Bei STEAM kaufen

Dieses Review gehört zu  The Cat Lady.




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Kommentare 1
Ludwig
11.01.2013, 20:00

Hallo!
Ja, ein gutes Spiel mit manchem Mangel, über den man aber angesichts der Geschichte hinwegsehen kann.
Eine deutsche Lösung, die bald komplett ist, gibt es auch bereits.

Gruß Ludwig


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