Storyteller-Reviews: Alan Wake:

Alan Wake


Nur zwei Jahre nach Erscheinen des legendären zweiten Teils der 'Max Payne' Serie kündigten die finnischen Entwickler von Remedy Entertainment auf der E3 2005 ihr nächstes Projekt an. Statt des schlagkräftigen New Yorker Detektivs sollte der Protagonist des Folgeprojektes ein Schriftsteller sein, sein Name? Alan Wake. Weitere fünf Jahre zogen ins Land, ehe 'Alan Wake' im Mai 2010 tatsächlich seinen Weg in die Verkaufsregale fand. Mittlerweile sind zusätzlich noch zwei Specials (DLCs) erschienen, die die Geschichte weiter spinnen und 'Alan Wake' wird so kontrovers diskutiert, wie sonst kaum ein anderes Spiel des letzten Jahres. Das Spektrum reicht von "genial" über "ganz nett" bis zu "trivialem Blödsinn", unsere Meinung zum "psychologischen Action- Thriller"? Die erfahrt ihr, wenn ihr weiter lest.


The Poet And The Muse

Theoretisch ist Protagonist Alan Wake ein erfolgreicher Schriftsteller, dessen Werke zuverlässig in sämtlichen Bestsellerlisten landen. Theoretisch. Denn angesichts Schreibblockade und Schlaflosigkeit scheint dieses Leben für Alan in der Vergangenheit zu liegen. Wenn er in den Schlagzeilen auftaucht, dann höchstens weil er im Suff (mal wieder) einen Fotografen verprügelt hat. Um der Misere zu entgehen reisen Alan und Alice in das kleine, idyllische Dörfchen Bright Falls mitten im pazifischen Nordwesten, mitten im Nirgendwo. Doch dass in Bright Falls nicht alles so beschaulich ist, wie der Reiseführer verspricht, wird Alan schnell klar. Bereits beim Besuch im lokalen Diner wird Alan eindringlichst von einer verwirrt scheinenden Frau gewarnt, sich vom "Dunkel" fern zu halten. Doch was Alan zunächst mit einem Schulterzucken abtut, wird schnell bittere Realität, als Alice mehr oder weniger vor seinen Augen entführt wird. In Panik macht sich Alan auf die Suche nach seiner Frau und stolpert so von einer brenzligen Situation in die Nächste.
Alan erzählt seine Geschichte aus dem Off und kommentiert häufig auch in Spielsituationen das Geschehen, was gerade in beklemmenden, ungewissen Situationen häufig Grund für eine ausgewachsene Gänsehaut ist. Zusätzlich wird Alans Geschichte jedoch noch auf einer weiteren Ebene erzählt, die ebenso einfach, wie bemerkenswert ist. Überall in Bright Falls findet Alan Seiten eines Buches, das offensichtlich aus seiner Feder stammt, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, es geschrieben zu haben. Der so bruchstückhaft entstehende Roman beschreibt auf unwirkliche Art und Weise die Geschehnisse in Bright Falls, ist jedoch weit mehr, als bloße Umsetzung der Handlung auf Papier, sondern liefert zusätzliche Einblicke in Charaktere und Situationen und liefert, vor allem da Alan die Seiten nicht in chronologischer Reihenfolge findet, einen Ausblick auf zukünftige Ereignisse. Was auf den ersten Blick ein wenig merkwürdig erscheint, funktioniert im Spiel jedoch unglaublich gut. Ohne wirklich zu spoilern schaffen die gefundenen Romanseiten eine Art mulmige Vorfreude, oder gar, wie im Fall der Kettensäge, eine nervenaufreibende Spannung, die ebenso intensiv wie bemerkenswert ist.
Am eindrucksvollsten in Bezug auf die Umsetzung der Story und der Atmosphäre ist vor allem die Inszenierung des kleinen Städtchen Bright Falls als lebendes, organisches Gebilde, als "echte Stadt", wenn man so möchte, das sich an Vorbildern wie "Twin Peaks" oder den Romanen von Stephen King orientiert. Näher gebracht wird dem Spieler diese Welt durch Radio- oder Fernsehsendungen, durch Informationstafeln, die Auskunft über die Geschichte von Bright Falls geben oder durch (leider nicht interaktive) Gespräche mit den urigen Einwohnern.
Auch die für ein Spiel ausgesprochen ungewöhnliche Erzählweise, die das Spiel in mehrere Episoden unterteilt, die, ähnlich der TV Serie "24", jeweils mit einem Cliffhanger enden und zu deren Beginn, ähnlich wie bei "Lost", die bisherige Handlung noch einmal zusammen gefasst wird. Interessanterweise gelingt es den Jungs von Remedy so tatsächlich, die Geschichte zwar mit einem großen Handlungsbogen, jedoch auch in mehreren, spannungsgeladenen Sinnabschnitten zu erzählen, die jeweils in einem Höhepunkt und einem Cliffhanger enden.

"Put on the lights, Mr. Wake. Please?"

Der Spieler schlüpft in die Rolle von Alan, der aus dem Off seine eigene Heldenreise (klassisches literarisches Motiv) erzählt. Hinter der nebulösen Bezeichnung "psychologischer Action Thriller" kann sich natürlich einiges verstecken, beim Spielen präsentiert sich 'Alan Wake' jedoch als solides Survival Horror Third Person Shooter. In klassischer "Über die Schulter" Manier bewegt der Spieler Alan durch albtraumhafte Wälder voller Schatten und finsterer Gestalten, derer sich Alan auf allerlei Art und Weise entledigen muss. Klar, wer gegen schattenhafte Gestalten antritt, dessen bester Freund wird über kurz oder lang das Licht werden, das im Spiel in erster Linie Sicherheit bedeutet, oder Alan auch den Weg weist. Immer dabei ist eine Taschenlampe, die nicht nur für bessere Sicht sorgt, sondern vor allem die Besessenen von der sie schützenden Aura aus Dunkelheit befreit, so dass Alan sie mithilfe seiner Schusswaffe erlegen kann. Zunächst handelt es sich bei der Taschenlampe nur um eine kleine Funzel, die wenig bringt und, wie im richtigen Leben, immer im unpassenden Moment die Batterien leer zu saugen scheint, im Verlauf des Spiels erhält Alan jedoch sowohl bessere Waffen als auch massivere Taschenlampen. Angefangen mit einem kleinen Revolver bis hin zur Shotgun und dem Jagdgewehr, kann Alan von der Hingabe der Einwohner von Bright Falls zur Jagd profitieren, spezielle Waffen, wie Blitzgranaten oder Signalpistole erleichtern das Überleben in den Wäldern von Bright Falls immens. Allerdings werden nicht nur Menschen von der Dunkelheit kontrolliert und eingenommen, sondern auch allerlei Gegenstände, die folglich zu Poltergeistern werden und mit starker Lichteinwirkung "besänftigt" werden müssen.
Leider liegt im Gameplay auch schon die größte und massivste Schwäche von 'Alan Wake', denn, so schön die Theorie von Poltergeistern und besessenen Dorfbewohnern auch sein mag, im Klartext bedeutet das leider, dass Alan immer und immer das Gleiche tun muss. Nach spielerischer Abwechslung sucht man relativ vergeblich, Highlights, wie die Bühnenschlacht in Episode Vier, sind jedoch äußerst selten.
Nichts desto trotz kommt selten bis niemals wirklich Langeweile auf. Die wahnsinnig dichte Atmosphäre, die eindrucksvollen Schauplätze und die großartig inszenierte Geschichte halten einen auf Trab. Trotz relativer Monotonie in Bezug auf das Gameplay, wird man von der Spannung gepackt und ist froh, sich zum nächsten sicheren Abschnitt gerettet zu haben. Cineastische Kniffe, wie die Kamera, die heraus zoomt, wenn Alan von hinten attackiert wird, oder erfolgreich ausweichen kann, holen Bonuspunkte für Inszenierung und Cinematographie. Doch auch die können nicht darüber hinweg täuschen, dass Remedy beim Design des Gameplay durchaus etwas tiefer in die Ideenkiste hätten greifen können, um am Ende ein wirklich rundes Spielerlebnis zu präsentieren.

"Please don't feed the animals!"

Wie bereits zu Beginn geschrieben, hat 'Alan Wake' einige Jahre Entwicklungszeit auf dem Buckel und besonders im Grafikdepartement merkt man das dem Spiel auch an. Zwar sind die schier endlosen Wälder von Bright Falls in Detail und Weitläufigkeit über jeglichen Zweifel erhaben und Remedys eigens entwickelte Engine darf wahrlich ihre Muskeln spielen lassen. Immer wieder geben dramatische Kamerafahrten Hinweise auf Ziele oder Orte, die für Alan von Interesse sind und liefern so, quasi nebenbei, atemberaubende Panoramen von Bright Falls, die auch aus einem Kalender über Landschaftsfotografie stammen könnten. Ebenso gelungen sind die Wettereffekte, sei es ein sich bedrohlich zusammenziehendes Gewitter oder der Nebel, der auf dem Wasser des Sees zu lauern scheint, oder Schatten, die sich bewegen als umkreisten sie Alan wie ein Raubtier auf Beutefang. Auch in punkto Physik kann die Engine punkten, wenn um Alan herum alles von seinen Sockeln gehoben wird und sich zu einem wilden Tornado aus Möbeln, Einrichtungsgegenständen und Mauerwerk entwickelt. Genau genommen fragt man sich mehr als einmal, wieso Remedy genau diese Stärke nicht weiter entwickelt und zu Physikrätseln, etc. verarbeitet hat.
Über das gelegentliche Tearing kann man ja beinahe noch hinweg sehen, ebenso über die wie ausgestorben wirkenden Wälder, was jedoch absolut stört und negativ auffällt sind jedoch die Animationen. Klar, Alan ist Schriftsteller und kein agiler Assassine wie Kollege Altair oder Sam Fisher, aber dank holziger Animationen wirkt Alan häufig genug wie eine Großmutter jenseits der 70 mit künstlichem Hüftgelenk. Obwohl die Ähnlichkeit zu den realen Vorbildern (Alan Wake selbst ist nach dem finnischen Schauspieler Illka Villi gestaltet) gut gelungen ist, sind vor allem die Gesichtsanimationen, wenn auch nicht vollkommen daneben, dennoch nicht wirklich "state of the art". Atmosphäre und Inszenierung leiden darunter jedoch kaum bis gar nicht und angesichts der wenigen Charaktere, auf die Alan überhaupt trifft, freut man sich über die freundlichen Gesichter umso mehr.

"Be Awed by Celestial Wrath and Fury!"

Ein Thriller lebt natürlich auch von einem starken Sounddesign und hier zieht 'Alan Wake' im wahrsten Sinne des Wortes alle Register. Seien es die Umgebungsgeräusche, die teilweise tatsächlich im Wald im pazifischen Nordwesten aufgenommen wurden, die exzellenten Sprecher der englischen Version, der gelungene, mittlerweile preisgekrönte Soundtrack von Petri Alanko oder die herzzerreißenden Songs, die die finnische Band "Poets of the Fall" unter dem Synonym "Old Gods of Asgard" eingespielt haben, akustisch jagt ein Highlight das nächste. Zumindest in der englischen Version. Die deutsche Lokalisierung krankt zum Einen an etwas eigenwilliger Regie, falsche Betonungen eingeschlossen, als auch daran, dass vollkommen unbekannte Sprecher verpflichtet worden sind, die von ganz okay bis vollkommen daneben das ganze Spektrum der Mittelmäßigkeit abdecken. Vor allem angesichts des Budgets und der Wichtigkeit der Sprecher für die Wirkung des Spiels, die Story und die Atmosphäre hätte man sich hier deutlich mehr Mühe geben können und sollen. Immerhin besteht die Möglichkeit, auf die englische Version umzuschalten und hier in den Genuss der herrlich kauzigen und markanten Stimmen zu kommen, die durch die Bank weg großartig sprechen und ihre Charaktere zum Leben erwecken. Vielleicht ist es gerade die Mischung aus klassischen, selbst komponierten und vom Staatsorchester Brandenburg in Halle eingespielten Stücken, und den lizenzierten Stücken bekannter Künstler von David Bowie bis Nick Cave and the Bad Seeds, oder Depeche Mode (für den zweiten Zusatzinhalt "Der Schriftsteller"), die den Soundtrack von 'Alan Wake' zu etwas ganz Besonderem machen.

"You think you're God? You think you can just make up stuff?!"

Dank Microsoft wurde das Release von 'Alan Wake' von allerlei Marketing begleitet, allen voran die Realfilm- Serie "Bright Falls", die über das Internet "ausgestrahlt" wurde und durch großartige Schauspieler und noch bessere Regie und Inszenierung bereits fürs erste Gruseln sorgen konnte. Die stark an Meister David Lynch erinnernden Episoden sind ein absolutes Muss für Fans und begeisterte Cineasten gleichermaßen.
Hierzulande erschien 'Alan Wake' am 14. Mai zwar exklusiv für Microsofts XBox 360, aber in einer normalen und einer Collectors Edition, die neben allerlei Zusatzmaterial ein Buch mit Kurzgeschichten, Notizen und allerlei zusätzlichen Informationen rund um Alan Wake, Bright Falls und seine Einwohner enthält. Besonders bemerkenswert ist jedoch die installierbare Audiokommentarfunktion, bei der die Entwickler während des Spiels, ähnlich des Audiokommentars auf einer DVD, aus der Entwicklung von 'Alan Wake' erzählen, oder erklären, warum sie es so und nicht anders inszeniert haben.
Ebenso enthielt die Collectors Edition einen Code für den ersten Zusatzinhalt "Das Signal", der am 23. Juli erschien und die Geschichte um Alan Wake weiter erzählt und für 560 MS Points (ca. 7 EUR) über den XBox live Marktplatz erhältlich ist. Auch wenn das Gameplay sich kaum vom Hauptspiel abhob, verarbeiteten Remedy doch einige ziemlich kranke Ideen in dem DLC, so dass sich ein Blick durchaus lohnt.
Am 12. Oktober erschien schließlich mit "Der Schriftsteller" der zweite und, laut Remedy letzte Zusatzinhalt für 'Alan Wake', der einige lose Enden verknüpfen und eine Antwort auf die Frage nach einem Sequel geben sollte. Trotz einiger unglücklicher Hüpfpassagen, die nur schwer ins Konzept passen sollen und dem Ganzen eine noch surrealere Dimension geben, ein Zusatzinhalt, an dem kein 'Alan Wake' Fan vorbei kommen wird. Für 560MS Points ist "Der Schriftsteller" ebenfalls über den Marketplace erhältlich.


Galerien

Fazit:

Wertung: 87%

'Alan Wake' ist ein ausgesprochen interessanter Titel und das in mehr als einer Hinsicht. Zum Einen wäre da natürlich die mit Referenzen an alle möglichen Größen unserer Populärkultur vollgestopfte Geschichte um den Autor, der sich als Schöpfer von Fantasiewelten plötzlich mit einer realen Situation konfrontiert sieht, die er nicht zu kontrollieren vermag. Auf der Anderen Seite wäre da das Gamedesign, das durchaus zu wünschen übrig lässt, und dazu einlädt, je länger man darüber nachdenkt, immer mehr Angriffsfläche für Kritik zu finden. Dank der Zusatzinhalte wurde dieses Phänomen besonders deutlich. Saß man in einem Moment noch mit einem Gähnen vor der Konsole, so fand man sich im nächsten Moment mit schweißnassen Pfoten, den Controller umklammernd, wieder. Ohne Frage ist 'Alan Wake' ein Spiel, das in erster Linie von seiner Atmosphäre, seinen liebevoll ausgestalteten und geschriebenen Schauplätzen und Charakteren lebt. Grafik, Technik und sogar Gameplay treten in den Hintergrund angesichts der Finesse, mit der hier geschrieben und konzipiert wurde. Angesichts der Themas und des Protagonisten ist dies natürlich nur allzu passend, beinahe schon poetisch ironisch. Auch die cineastische Inszenierung verdient Lob und wird den Spieler lange begleiten, von der Aufteilung in Episoden, der sich immer wieder ins beinahe unerträgliche steigernden Spannung, bis hin zum Spiel mit der Kamera in den Kampfszenen. Zu jeder Zeit hat der Spieler das Gefühl, in den turbulentesten Momenten mittendrin zu sein, am Puls der Action, am Puls der Story und somit auch am Puls der Charaktere und des Protagonisten, was 'Alan Wake' zu einem wahnsinnig nahen und intensiven Spielerlebnis macht. Keine Frage, trotz deutlicher Schwächen, ist 'Alan Wake' ein Glanzstück der Spielegeschichte.

geschrieben am 29.12.10, Ulrika Tegtmeier

Systemanforderungen Weitere Links

XBox 360

Minimum PC:
Steam
Betriebssystem: Windows XP SP2
Prozessor: Dual Core 2GHz Intel or 2.8GHz AMD
Arbeitsspeicher: 2 GB RAM
Grafikkarte: DirectX 10 kompatibel mit 512MB RAM
DirectX®: 9.0c
Festplattenspeicher: 8 GB
Sound: DirectX 9.0c kompatibel
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Dieser Storyteller-Test gehört zu  Alan Wake.




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