Reviews: Midnight Nowhere:

Midnight Nowhere


Noch Ende 2003 erschien ein Spiel, das die Adventure-Community so richtig schocken und ihnen schlaflose Nächte bescheren wollte. 'Midnight Nowhere' war der Titel der russischen Entwickler von Buka Entertainment, und er lud ein zu einem Horrortrip durch die mysteriöse und unheimliche Stadt Black Lake. Ob das 3rd Person Adventure halten konnte was es versprach, erfahrt ihr in unserem Review.
Wo bin ich... Wer bin ich ...?

Das sind genau die Fragen, die sich der Protagonist zu stellen hat, als er schließlich an einem denkbar unerfreulichen Ort erwacht: In einem Leichensack. Kaum hat er sich befreit, muss er feststellen, dass sich um ihn herum, und zwar nicht nur in der Leichenhalle, grausam verstümmelte Leichen finden. Was in der kleinen Stadt passiert ist, wer ihr seid, wann ihr seid und was eure Rolle in diesem grässlichen Szenario ist, und ob ihr vielleicht am Ende der Verantwortliche für das Chaos seid, der kranke Täter, dem Polizei und Militär hilflos gegenüber stehen, gilt es herauszufinden. Dabei begebt ihr euch zunächst auf die Suche nach dem Ausgang aus dem zu einem wahren Horrorkabinett mutierten Krankenhaus, nur, um kurz nachdem ihr es verlassen konntet, von der Polizei eingesperrt zu werden. Ob ihr dort allerdings in Sicherheit seid, bleibt fragwürdig.

Unwissend, allein und erschrocken bahnt man sich so den Weg durch zunächst beklemmende, verlassene Krankenhausgänge, verwüstete Arbeitszimmer und schließlich durch das nicht weniger ungemütliche Polizeirevier. Über 60 Locations gilt es zu erkunden, nach guter Adventure-Manier alle möglichen und unmöglichen Items einzusammeln, Türen zu öffnen, oder Tresore zu knacken. Per Point&Click bewegt man den Unbekannten, mehr oder weniger tragischen Helden, durch die detaillierten 3D- Hintergründe. Um mit Objekten zu interagieren oder eine schrecklich zugerichtete Leiche einer genauen Inspektion zu unterziehen, stehen einem 4 Aktionsmöglichkeiten zur Verfügung, simpel beschränkt auf Angucken, Ansprechen, Aufheben und Benutzen, während mit der rechten Maustaste das Inventar aufgerufen wird. Später im Spiel findet man zusätzlich ein Notepad, auf dem wichtige Passwörter oder Daten zur späteren Anwendung festgehalten werden. Teilweise werden mögliche Aktionen automatisch ausgewählt, teilweise müsst ihr selbst entscheiden, was zu tun ist. In der Steuerung liegt leider auch schon der größte Schwachpunkt des Spiels, der einem mächtig auf die Nerven fallen kann. Einige der teils extrem kleinen Hot-Spots werden nur angezeigt, wenn eine bestimmte Aktion angewählt wird, z.B. Aufheben. Schaut man sich nun in einem neu betretenen Raum zunächst um, kann es sein, dass dieses wahrscheinlich wichtige Item übersehen wird und man sich im Anschluss dumm und dämlich sucht. Da sich der Held scheinbar wahllos und sinnentfremdet die Aktionen auch selbst auswählt, kann sich das als sehr nervenaufreibend erweisen. Auch sonst handelt der Protagonist von Zeit zu Zeit erschreckend eigenmächtig und rennt in die entgegengesetzte Richtung, in die er eigentlich sollte oder stellt sich so in den Weg, dass man nichts mehr sieht. So wird die Lösung einiger Rätsel zur verzweifelten Pixelsuche oder zum wahllosen Herumirren, in der Hoffnung, irgendwo über das gesuchte Item zu fallen.

Moment, war es jetzt die rote oder die blaue Schlüsselkarte...

Auch das Rätseldesign lässt leider einiges zu wünschen übrig, gilt es doch hauptsächlich, Dinge zu suchen, um Türen zu öffnen oder den wenigen anderen Charakteren Wünsche zu erfüllen. Die Coderätsel sind, außer man ist absoluter Gedächtniskünstler, zunächst nur lösbar, wenn man sich nebenher Notizen macht, was schon bei Klassikern nervte und heutzutage wirklich nicht mehr zeitgemäß ist. Durch sinnloses Herumrennen auf der Suche nach diesem oder jenem Code, oder anderen mehr oder weniger innovativen Möglichkeiten, eine Tür nach der anderen zu öffnen, wird der Schwierigkeitsgrad der Rätsel leider künstlich erhöht. Ansonsten sind diese nämlich gut lösbar und von ausreichender Anzahl, auch wenn einem die teilweise recht makabren Lösungen hier und da recht hart auf den Magen schlagen können (einer Leiche einen Finger abzuschlagen ist hier noch das harmloseste).

Ja wo läuft er denn?

Krankenhaus wie Polizeirevier geizen grafisch wirklich nicht mit ihren Reizen. Die sehr detaillierten, vorgerenderten Hintergründe sind wirklich schön anzusehen, sofern man sich an der großzügigen Verwendung von Blut nicht stört. Hier ist erkennbar, wie viel Mühe sich die Entwickler gegeben haben, aus 'Midnight Nowhere' ein atmosphärisch wirklich dichtes Spiel zu machen. Zahlreiche Poster, Werbetafeln, Kalender, Journale und Bücher können angeschaut werden und sind durchaus ausführlich und aufwendig gestaltet, wobei sich natürlich über Anspruch und Geschmack derselben gestritten werden darf (Pornoheftchen en masse sind sicher nicht jedermanns Sache). Wo die Hintergründe verschwenderisch ausgestattet wurden, hat man am Design der Charaktere jedoch ordentlich gespart. Abgesehen von der ungewöhnlichen und proportional durchaus fragwürdigen Holzfällerfigur (es fehlen tatsächlich nur noch Flanellhemd und Bart) des Protagonisten, ist der gute Mensch besonders im Vergleich zu seiner Umwelt nur sehr grob designt worden. Auch die Bewegungsanimationen sind ausgesprochen hölzern und steif, auch wenn man bedenkt, dass er wer weiß wie lange in einem Leichensack gelegen hat. An der Animation der Umgebung hat man leider ebenfalls gespart, was eigentlich schade ist, denn die wenigen Animationen, zum Beispiel ein zu Boden fallendes Tuch, sehen verdammt gut aus und machen Lust auf mehr. Negativ fällt leider auch die Anzahl der Grafikbugs auf, besonders wenn der Charakter plötzlich über dem Boden schwebt und sich nur noch sein Kopf bewegt, oder er rückwärts in eine Wand spaziert. So ist es denn auch recht schwierig, festzustellen, ob man etwas Neues auf dem Notepad hat, oder ob es sich bloß um einen weiteren Grafikbug handelt.

Wer geht da schon freiwillig rein?

Angenagte Fingernägel und ein leicht nervöses Zucken der Hand an der Maus sind beim Spielen von 'Midnight Nowhere' keine Seltenheit, denn, wie versprochen, wird waschechter Horror serviert. Atmosphärisch ist 'Midnight Nowhere' wirklich extrem dicht, besonders im Krankenhaus erwartet man an beinahe jeder Ecke eine neue, unangenehme Überraschung, zum Beispiel einen Verrückten mit einer Kettensäge oder Ähnliches. Leider wird das Ganze durch den Soundtrack, der nach spätestens 20 Sekunden zum nervtötenden Gedudel wird, mächtig beeinträchtigt. Auch wenn der Score stilistisch an Meisterwerke wie den 'Blade Runner'-Score von Vangelis angelehnt ist, so ist es den Sound Designern tatsächlich gelungen, 'Midnight Nowhere' mit einem Sound zu versehen, der absolut unerträglich ist! Am besten spielt man auf jeden Fall, wenn man die Musik ausschaltet und sich auf die sehr guten Soundeffekte und die recht gut gelungene Synchronisation konzentriert. Letztere ist nämlich, weil schlecht abgemischt, über der "Musik" kaum zu hören und an manchen Stellen bekommt man überhaupt keinen Kommentar. Dies ist streckenweise auch kein allzu großer Verlust, denn der Humor des Protagonisten lässt wirklich keinen noch so zotigen oder flachen Witz aus. Angesichts der ungewöhnlichen und äußerst unangenehmen Situation, dem noch immer frei herumlaufenden Mörder und den zahlreichen Leichen, spaziert der Protagonist mit einer emotionslosen Kälte und reißt blöde Witze, bei denen einem das angenehme Gruseln ernsthaft vergeht. Zwischen Nekrophil und Chauvinistisch wird hier tatsächlich keine Geschmacklosigkeit ausgelassen. Andererseits werden mit äußerst satirischen und durchaus gelungenen Anspielungen wirklich alle zeitgenössischen Gegebenheiten auf den Arm genommen und sorgen für teilweise unkontrollierte Lachanfälle. Wenn in Büchern Überlebende über ihre Erfahrungen mit dem Millennium Bug berichten, oder Werbeplakate mit Gesundheitspillen als Nahrungsergänzung werben, bleibt kaum ein Auge trocken.
Leider fällt besonders bei den Plakaten und anderen Details negativ auf, dass die Lokalisierung unvollständig ist, einige Plakate zum Beispiel sind überhaupt nicht übersetzt, andere sind in der Raumansicht noch auf Deutsch, untersucht man sie jedoch genauer, sind sie noch auf Englisch. Auch das Handbuch ist sehr knapp gehalten und beschränkt sich auf Steuerung und Installation, hält ansonsten aber keine weiteren Informationen bereit.
Positiv fiel allerdings auf, dass sich 'Midnight Nowhere' beinahe ohne Probleme auf einem ziemlich langsamen Rechner spielen ließ und flüssig lief, wenn auch die Ladezeiten ein wenig lang waren, sich aber durchaus noch im Bereich des Erträglichen bewegten. Auch das im Stil einer Armbanduhr designte Hauptmenü fällt positiv auf: Speichern, Laden, etc. gehen leicht und schnell von der Hand. Übrigens stehen einem unbegrenzte Speicherplätze zur Verfügung, unnütz eigentlich, denn bei 'Midnight Nowhere' kann man nicht sterben.


Galerien

Fazit:

Wertung: 67%

'Midnight Nowhere' ist ein Spiel, das mit seinen gut 15 Stunden Spieldauer für gute Unterhaltung sorgt und sich somit sicher im oberen Mittelfeld behaupten kann. Auch wenn besonders die Steuerung für das ein oder andere Frusterlebnis sorgte, blieb alles immer in dem Rahmen, in dem man noch von einem gelungenen Spiel sprechen kann. Aufgrund der interessanten Story und der unglaublichen Atmosphäre konnte 'Midnight Nowhere' bei mir auf jeden Fall punkten. Grafikbugs, der teilweise unerträgliche Humor und die ziemlich durchschnittlichen Rätsel sorgten jedoch für reichlich Abstriche bei der Bewertung. Der großzügige Umgang mit Blut, die Lösung einiger Rätsel und offensichtlicher Drogenkonsum machen 'Midnight Nowhere' zu einem ausgewachsenen Erwachsenen- Spiel, das mit einer FSK 16-Einstufung mehr als zufrieden sein darf. Wer sich an B-Movies wie 'Evil Dead' oder 'Armee der Finsternis' erfreuen konnte, sollte bei 'Midnight Nowhere' unbedingt zuschlagen!

geschrieben am 20.12.03, Ulrika Tegtmeier

Systemanforderungen Weitere Links
Windows 98 / Me / 2000 / XP
CPU mit 400 Mhz
64 MB Ram
Grafikkarte
Soundkarte
1 GB freier Festplattenspeicher
4x CD-Rom


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