Reviews: Late Shift:

Late Shift


Dass Geschichten in Spielen deutlich an Bedeutung gewonnen hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Und immer kommt ist das Gameplay deswegen eher als Randerscheinung daher. Viele Spiele haben inzwischen immerhin ein narratives Niveau erreicht, dass mit besseren Filmen mithalten kann. Die Frage, die sich dabei langfristig stellt, ist, inwiefern interaktive Langfilme und Serien die Zukunft sein könnten? Werden wir irgendwann ins Kino gehen, um gemeinsam im Kinosaal den Verlauf eines Films zu beeinflussen? Oder vielleicht passiert ähnliches im Fernsehen? Einen kräftigen Satz in diese Richtung macht 'Late Shift' von CtrlMovie, ein Langfilm-Thriller aus der Schweiz. Eine Wertung unterlassen wir diesmal aufgrund der schwierigen Vergleichbarkeit mit anderen Titeln.

Late Shift

Spätschicht mit Folgen

Abends arbeitet Matt in einer Londoner Tiefgarage. Dort hat er vorwiegend mit Snobs und ihren teuren Autos zu tun. Dennoch ein guter Job, um nebenbei für die Uni lernen zu können. Diesmal schlägt die Spätschicht aber eine ungewohnte und vor allem sehr gefährliche Richtung ein, als ein verletzter Ganove eine Knarre auf ihn richtet. Dieser benötigt einen Fahrer für ein Fluchtauto. Am Ziel angekommen, macht Matt sogleich Bekanntschaft mit weiteren zwielichtigen Gestalten, die heute Nacht gemeinsam den Raub einer wertvollen Antiquität planen. Durch die Verletzung des Ganoven, fehlt ihnen die notwendige vierte Person. Die Geschichte nimmt ihren Lauf.


Selbstloser oder egoistischer Protagonist?

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Wie kooperativ Matt beim Diebstahl ist, bleibt uns überlassen

Wie Matt seine Rolle auslebt, hängt prinzipiell vom Spieler dabei. Dabei bewegt sich die Geschichte oft entlang zweier Gegensätze: egoistisches oder selbstloses Verhalten. Dieser Ansatz wurde recht überzeugend umgesetzt und ist vom Prinzip her in etwa vergleichbar mit der Herangehensweise von Telltale oder BioWare. Zugleich wird hier ein mögliches Problem bei interaktiven Filmen sichtbar: Klassisches Storytelling ist gerade im Filmbereich häufig sehr auf die Persönlichkeitsentwicklung der Hauptfigur zugeschnitten. Zu Beginn wird dort im Rahmen der Exposition ein spezieller innerer Konflikt ersichtlich, etwas passiert in weiterer Folge, das diesen Konflikt betrifft, die Hauptfigur lernt am Ende etwas daraus, oder auch nicht.

Auf dieses eigentlich etablierte System ist bei interaktiven Filmen aufgrund der Involvierung von Spielern kein Verlass. Je inkonsistenter die Entscheidungen, desto stärker kann die Geschichte an Substanz verlieren. Im Endeffekt bleibt dafür wahrscheinlich oft nur ein erschöpfender Pool mit einfachen Themen. So gesehen ist es kein Wunder, dass 'Late Shift' einfach gestrickt ist und auf der Aktionsebene auf Abwechslung setzt. Wer bei der Persönlichkeit von Matt keine klare Linie fährt, auf den wartet deshalb trotzdem eine abwechslungsreiche Handlung. Wer es tut, der bekommt einen klassisch erzählten, unterhaltsamen Krimi-Thriller.


Entscheidungen oder vielleicht sogar Rätsel?

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Manche Entscheidungen erfordern etwas Mitdenken, doch für gewöhnlich sagen die Entscheidungen primär etwas über die Persönlichkeit der Spielfigur aus

Abseits der Geschichte setzt 'Late Shift' primär auf Entscheidungen, ohne Rätsel. Nur ein paar Sekunden bleiben, um sich festzulegen. Bleibt die Zeit ungenutzt, wird die Wahl abgenommen. Positiv fällt auf, dass es keine banalen Entscheidungen gibt und man sich durch die interaktiven Elemente entweder besser in die Figur hineinversetzen kann, oder tatsächlich überlegen muss, was die sinnvollere Wahl sein könnte. Sabotiert man den Coup der Ganoven? Spielt man brav mit? Wie viel Risiko ist gesund? Vereinzelt besteht zudem die Möglichkeit, zum Beispiel auf einem Computer nach Informationen suchen, was nahezu wie bei einem normalen Adventure funktioniert.

Die Spieldauer variiert je nach Entscheidungsweg zwischen 60 und 80 Minuten. Innerhalb der Szenen gibt es einige Abweichungen, die abhängig von den zuvor getroffenen Entscheidungen sind. Manche Szenen wird man beim ersten Mal gar nicht erleben. Erneutes Anschauen lohnt sich also definitiv, sofern man einen konträren Entscheidungsweg ausprobiert. Selbst das Finale kann ein völlig anderes sein.

Die Bedienung funktioniert meistens intuitiv, nur manchmal kann es passieren, dass es mehrere Klicks braucht, ehe auf die eben getroffene Entscheidung reagiert wird. Oder man braucht etwas zu lange, um sich zurechtzufinden. Im Hinblick auf den erforderlichen Speicherplatz am iPad/iPhone werden bis zu 5 GB benötigt. Es ist jedoch kein Problem, wenn man über weniger verfügt. Durch den zuverlässigen In-Game-Download-Manager besteht die Möglichkeit, einzelne Szenen individuell herunterzuladen und eben gesehene Szenen sofort zu löschen, selbst wenn der Film noch nicht zu Ende ist. Das Programm merkt sich nämlich bereits getroffene Entscheidungen. Zumindest 2GB freier Speicherplatz sind empfehlenswert.

Wünschenswert wären mehrere manuelle Speicherstände gewesen, um schneller unterschiedliche Entscheidungswege probieren zu können. Derzeit ist es leider so, dass man beim Starten einer früheren Szene, alle später getroffenen Entscheidungen verliert.


Gut gemachter interaktiver Krimi-Thriller

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'Late Shift' wurde auch fürs Kino konzipiert

'Late Shift' hält in handwerklicher Hinsicht zumindest mit deutlich besseren TV-Filmen mit, verzichtet aber auf ungewöhnliche visuelle Experimente. Spannend wird sein zu beobachten, ob und wie sich dieses Format durchsetzen kann. Im Kino wurde CtrlMovies Krimi-Thriller ja bereits getestet. Spätere Projekte könnten sogar noch weiter gehen, wenn es nach dem Schweizer Studio geht. Und ja, Kurzfilme dieser Art hat es bereits gegeben, doch Langfilme scheiterten in der Regel an den Kosten.

Bedenkt man, dass mit 1,5 Millionen Dollar Budget in London ein - alle Entscheidungswege und 180 Entscheidungspunkte zusammengenommen - etwa vierstündiger Film gedreht wurde, wird das gewaltige Potenzial deutlich. Immerhin sind in Hollywood Kinofilm-Budgets im 100 Millionen-Dollar-Bereich keine Seltenheit. Große Stars sind mit einem deutlich kleineren Indie-Budget logischerweise nicht bezahlbar, bekannte Gesichter bleiben in 'Late Shift' also die Ausnahme. Joe Sowerbutts und Haruka Abe, die zentrale Rollen haben, machen ihre Sache trotzdem gut und die weiteren Rollen sind solide besetzt. Auf die meiste Schauspielerfahrung blickt vermutlich Richard Durden zurück, der schon mit Polanski, Burton und Emmerich zu tun hatte. Im Drehbuch-Bereich kann Co-Autor Michael Robert Johnson immerhin von sich behaupten, bei 'Sherlock Holmes' (Robert Downey Jr.) mitgeschrieben zu haben. Verzeihen sollte man zuletzt noch die Tatsache, dass es diesmal keine deutsche Vertonung gibt, sondern lediglich deutsche Untertitel.


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Fazit:

Die Story von 'Late Shift' mag keinen Oscar gewinnen, aber sie bietet richtig gute Mainstream-Unterhaltung, wobei selbst die technische Umsetzung stimmig ist. Klar, gegen Ende gibt es Momente, wo manches vielleicht zu einfach läuft, doch dieses Problem haben auch einige andere Filme. Für mich ist 'Late Shift' – abgesehen vom Unterhaltungswert – in jedem Fall ein sehr spannendes Experiment. Es deutet an, was ein vernünftig produzierter interaktiver Langfilm tatsächlich leisten kann und was nicht. Ich für meinen Teil hoffe auf viele Nachfolgeprojekte! Empfehlenswert, weshalb wir eine Auszeichnung vergeben.

geschrieben am 05.09.16, Matthias Glanznig

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