Reviews: Thimbleweed Park:

Thimbleweed Park


Als Ron Gilbert und Gary Winnick 25 Jahre nach der Veröffentlichung des Klassikers 'Maniac Mansion' via Kickstarter Gelder sammelten, um ein Adventure mit dem Look & Feel der ersten Lucasfilm-Spiele zu entwickeln, ahnten sie wohl selbst nicht, wieviele Menschen sie damit erreichen konnten. Über 17.000 Spenden mit einer Summe von mehr als 625.000$ kamen zusammen. Nun ist 'Thimbleweed Park' fertig. Wie nah die Entwickler ihrem Ziel gekommen sind und ob Spiele der "alten Machart" auch heute noch Spaß bringen, verraten wir Euch im Test.

 

Thimbleweed Park

 

Willkommen in Thimbleweed Park

Thimbleweed Park

Der Sherriff empfängt die Bundesagenten - Ob er eine große Hilfe ist?

Die kleine Siedlung Thimbleweed Park hat gerade einmal 80 Einwohner, wie uns das Ortsschild verrät. Einst blühte die Metropole dank einer Kissenfabrik, die vom örtlichen Geschäftsmann Chuck Edmund betrieben wurde. Chuck war es auch, der sich für eine Modernisierung der ganzen Ortschaft einsetzte. So finden wir an jeder Ecke modernste Röhrentechnik - Immerhin schreiben wir das Jahr 1987, da gab es noch nicht so viele Mikrochips. Mit Thimbleweed Park ging es jäh bergab, nachdem ein Feuer die Kissenfabrik zerstörte. Viele Geschäfte mussten schließen und eigentlich war nichts mehr los in dem Ort. Bis eines Tages außerhalb der Siedlung ein Mord geschah. Ein ausländischer Geschäftsmann wurde heimtückisch ermordet und so machen sich die Bundesbehörden, vertreten durch die beiden Agenten Ray und Reyes an die Aufklärung des Verbrechens. Schnell wird klar, dass der Mord etwas mit der Geschichte des Ortes zu tun haben könnte und der Mörder vielleicht sogar unter den 80 Einwohnern zu finden ist.

Das macht die Ermittlungen nicht leichter, denn viele der Bewohner scheinen etwas verbergen zu wollen und auch die Agenten Ray und Reyes sind sich nicht grün. Agentin Ray würde lieber ohne ihren jungen Kollegen Reyes arbeiten und lässt ihn das auch deutlich spüren. Reyes hingegen lassen die Sprüche seiner Kollegin kalt. Trotz dieser Startschwierigkeiten machen sich die beiden gemeinsam ans Werk, um den Mord aufzuklären und ihren eigenen Zielen nachzugehen, denn der Mord ist nicht der einzige Grund, warum Ray und Reyes nach Thimbleweed Park gekommen sind - Und der Tote scheint auch die übrigen Bewohner des Dorfes nicht sonderlich zu interessieren...


Fünf Charaktere, fünf Geheimnisse

Thimbleweed Park

Wir steuern bis zu fünf Charaktere gleichzeitig.

Waren es in 'Maniac Mansion' noch drei und in 'Zak McKraken' vier Charaktere, zwischen denen wir umschalten durften, steuern wir in 'Thimbleweed Park' derer fünf. Neben den Agenten treffen wir auch auf Ransome, einen fluchenden Clown, der in einem verlassenen Zirkus lebt und es sich mit jedem seiner Mitmenschen verscherzt hat. Außerdem ist da noch der Geist Franklin, der zusammen mit einigen anderen Gespenstern in einem Hotel umherspukt und die junge Delores Edmund, deren größter Wunsch es ist, Spielentwicklerin zu werden. Alle diese Charaktere dürfen wir im Laufe der Zeit steuern und jeder hat eigene Ziele, die wir erreichen müssen. Dabei sind die Schicksale aller Fünf miteinander verwoben.

Thimbleweed Park

In Thimbleweed Park leben seltsame Gestalten.

Der Mordfall bildet somit nur den Aufhänger für eine Geschichte, in der wir den Ort und seine Bewohner näher kennenlernen und nach und nach hinter das große Geheimnis kommen. Dabei legt die Geschichte geschickt immer wieder falsche Spuren, lädt zu Spekulationen ein und wartet mit einigen Überraschungen auf. 'Thimbleweed Park' setzt auf den Zeitgeist der späten 1980er Jahre. Überall lauern Referenzen beispielsweise an TV-Shows, Musik oder andere Themen der Zeit. Wer auch die Adventures von Lucasfilm und Sierra aus der Zeit kennt, freut sich über noch mehr Anekdoten, Erinnerungen und Anspielungen. So können wir beispielsweise eine gewisse Edna anrufen, finden einen Hamster und natürlich auch passende Mikrowellen... Wem das jetzt nichts sagt, dem entgehen einige spaßige Situationen. Genug zum Schmunzeln hält die Geschichte aber trotzdem bereit, genauso wie Momente, die zum Nachdenken anregen. Wer also keine Lust auf eine Komödie hat, macht mit 'Thimbleweed Park' nichts falsch.


Zwei Schwierigkeitsgrade

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Wir haben die Wahl...

Direkt zu Beginn des Spiels müssen wir uns für einen von zwei Schwierigkeitsgraden entscheiden. Ähnlich wie es im klassischen 'Monkey Island 2' war, richtet sich der eine Weg an erfahre Abenteurer und bietet mehr Rätsel mit einem höheren Anspruch. Im leichteren Modus fehlen einige Aufgaben komplett, was nicht einmal groß auffällt. Hier bekommt man einen benötigten Gegenstand vielleicht direkt in einem Gespräch überreicht, statt ihn selbst erst zusammensuchen zu müssen.

Wählt man den schweren Weg, stehen durchaus kniffelige Aufgaben an. Mehr als einmal muss man um die Ecke denken, die Lösungen bleiben allerdings immer nachvollziehbar, realitätsnah und logisch. Nach einem noch recht eingängigen Start steigt die Komplexität der Aufgaben bald an. Dafür sorgen schon die nach und nach verfügbaren neuen Orte und die Charaktere, die wir dadurch ebenfalls frei spielen. In den umfangreichsten der insgesamt neun Kapitel steuern wir alle fünf Charaktere, zwischen denen wir je nach Situation frei umschalten dürfen. Für viele Aufgaben ist es zumindest am Anfang egal, durch wen wir sie erledigen lassen. Hier hilft es, die Inventargegenstände in den Taschen eines Charakters zu sammeln. Später im Spiel kommen die Eigenheiten der unterschiedlichen Figuren zum Tragen. Einige leiden unter Höhenangst, an anderen Orten sind die Bundesagenten nicht willkommen. Der Geist Franklin hält sich zwar überwiegend nur im Hotel auf, hat hier aber auch sehr viel zu tun. Dank seiner Geisterfähigkeiten müssen wir Rätsel mit ihm ganz anders angehen, was für Abwechslung sorgt.

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Der Geist Franklin sorgt für Abwechslung bei den Rätseln

Bis wir nach rund 15 Stunden (im schweren Modus) zum Ende kommen, haben wir sehr viele Gegenstände eingesammelt und kombiniert, Gespräche geführt und Hinweise entdeckt. Denn für wirklich jedes Problem gibt es irgendwo im Spiel einen passenden Hinweis versteckt. Sei es in den Beschreibungen von Inventarobjekten, in Gesprächen oder über einfache Beobachtungen. Die Hinweise verraten allerdings nie den genauen Lösungsweg und lassen genug Spielraum für eigene Interpretationen. Jemand hatte 'Thimbleweed Park' als Open World-Adventure beschrieben. Das ist sicher etwas übertrieben. Aufgrund der enormen Anzahl verschiedenster Aufgaben, vor denen die fünf Charaktere gleichzeitig stehen, ergibt sich aber eine bisher in Adventures nur selten gesehene spielerische Freiheit. Daraus ergibt sich ein sehr guter Spielfluss. An Stellen, in denen man sonst Adventures ausschaltet und sich anderen Dingen zuwendet, weil man partout nicht weiterkommt, kann man sich in 'Thimbleweed Park' einen anderen Charakter schnappen, sich so auf ganz andere Aufgaben konzentrieren und dennoch dem Ziel immer näher kommen. Das Spiel erzeugt dadurch einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Damit wir hier nicht den Überblick verlieren, notieren sich alle Charaktere die anstehenden Aufgaben mit weiteren Informationen in einem Notizbuch oder auf einer ToDo-Liste. Manchmal verwundert es allerdings, dass die Charaktere direkt zusammenarbeiten, offensichtlich ohne sich vorher wirklich zu kennen. Es bleibt die Frage der Motivation offen, warum z.B. Delores plötzlich dem fluchenden Clown helfen sollte - was natürlich durch die Anweisungen von uns Spielern passiert, aus der Geschichte heraus ergibt das zunächst aber keinen Sinn.


Bis ins Detail ausgearbeitet

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Ob uns Ron Gilbert einen Tipp gibt?

Nur selten findet man Adventures, die sich so rund und bis ins letzte Detail gut durchdacht anfühlen, wie 'Thimbleweed Park'. Angefangen bei den gut abgestimmten Rätseln und Dialogen bis zu den Kleinigkeiten, wie der Möglichkeit das Inventar in einen der vielen Müllbehälter zu entleeren - Natürlich geht das nur mit Dingen, die wir wirklich nicht mehr benötigten. Dazu kommen Sachen wie der neue Name eines Geschäfts, den wir der Inhaberin vorschlagen können und von dessen Erfolg wir uns wenig später selbst überzeugen können oder Interviews, die unsere Figuren der örtlichen Zeitung geben können. Nach einem Disput über die korrekte Richtung von aufgehängtem Klopapier findet sich sogar ein Schalter im Spielmenü, mit dem wir diese Einstellung den persönlichen Vorlieben entsprechend anpassen können. Optionen, die auf das Ende keinen Einfluss haben, uns der Welt von 'Thimbleweed Park' aber deutlich näher bringen. Und dann sind da noch die Backer, die sich im Spiel an unterschiedlichen Stellen verewigen konnten. Ab einer bestimmten Summe tauchen die Unterstützer im Telefonbuch auf und können angerufen werden. Andere wiederum haben sich in Form eines Buches im Spiel verewigt, das wir dann tatsächlich auch lesen dürfen. Wer alle diese Optionen wahrnimmt, düfte Tage mit dem Adventure beschäftigt sein.


Pixel-Optik mit Verbensteuerung

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Trotz der Pixel steckt die Grafik voller Details

Der Ansatz für 'Thimbleweed Park' war, das Spiel so aussehen zu lassen, als sei es ein lange verschollenes Lucasfilm-Spiel aus den 80ern. Das ist vom Grafikstil und von der Benutzersteuerung in jedem Fall gelungen. Beide Elemente wurden jedoch deutlich modernisiert. Die Grafik ist trotz ihres Pixel-Looks sehr detailliert und überzeugt dank der Künste von Mark Ferrari, der schon häufiger gezeigt hat, dass ihm bei Pixel-Grafiken niemand etwas vormachen kann. Die Animationen erinnern an die frühen Spiele, laufen aber deutlich flüssiger ab. Aufgrund der eingesetzten Technik sind sie natürlich nicht so gut animiert wie die von 3D oder 2,5D-Adventures. Das hätte aber auch nicht zum Gesamteindruck gepasst, der ist nämlich durchaus sehr stimmig. Modern wird die Grafik übrigens auch durch Parallax-Scrolling und Lichteffekte, die es in den alten Spielen natürlich noch nicht gab.

Thimbleweed Park

Die Steuerung erfolgt über das Verbenmenü unten

Die Verbensteuerung sieht auf den ersten Blick recht umständlich aus, bietet sie doch neun unterschiedliche Möglichkeiten der Interaktion, von denen zunächst eine ausgewählt werden muss, ehe man den entsprechenden Gegenstand im oberen Bilddrittel anklickt. Bereits nach kürzester Zeit hat man dieses Prinzip (wieder) verinnerlicht, weil die Entwickler auch hier auf Komfort wert gelegt haben. Die wahrscheinlichste Möglichkeit für ein Objekt wird per Rechtsklick automatisch ausgewählt. So genügt ein Klick, um eine Tür zu öffnen oder ein Gespräch zu beginnen. Speziellere Aktionen werden dann per Verbenmenü zusammengebaut. Dann erhalten wir Sätze wie "Benutze Schlüssel in Tür", die dann auch sofort ausgeführt werden. Recht überraschend stört diese Steuerungsart also tatsächlich nicht und erweist sich alles andere als sperrig. Die zusammengebauten Sätze können entweder direkt am Cursor eingeblendet werden, oder wie es früher üblich war über dem Bereich mit der Verbensteuerung und dem Inventar.

Absolut nicht Retro ist die Sprachausgabe, deren englische Sprecher gut besetzt wurden. In unserer Testversion kam es hin und wieder vor, dass einzelne Sätze nur aus einem Lautsprecher ertönten, andere klangen schlecht abgemischt, was aber nur sehr selten auftrat. Bis zum Release kann sich hier aber noch etwas ändern und selbst wenn nicht, sind das nur Kleinigkeiten. Die übrige Vertonung und der Soundtrack wissen jedenfalls zu überzeugen und sorgen für die passende Stimmung.


Auf Deutsch!

Thimbleweed Park

Auch die Referenzen wurden übersetzt.

Leider gibt es noch keine deutsche Vertonung von 'Thimbleweed Park'. Ob es jemals eine geben wird, steht bislang noch nicht fest. Allerdings sind sämtliche Texte auf deutsch Übersetzt worden. Verantwortlich dafür war Boris Schneider-Johne, der auch schon viele der alten LucasArts-Adventures lokalisiert hat. Leider gehen dabei ein paar der Witze verloren, was man dank der englischen Sprachausgabe merkt. Beispielsweise gibt es bei den schon erwähnten Namensvorschlägen für ein Geschäft im englischen gänzlich andere Vorschläge. Die deutschen sind zwar auch nicht schlecht, erreichen aber leider nicht ganz den Witz der Vorlage. An anderer Stelle fügt sich der deutsche Text leider nicht passend in die Grafik ein, so dass die Buchstaben über den eigentlichen Bereich hinausgehen. Auch ein paar Tippfehler finden sich in den Texten und werden hoffentlich noch korrigiert, denn ansonsten ist die Übersetzung wirklich gelungen.

Wo wir bei der Kritik sind: Etwas schade ist, dass beide Agenten (und im späteren Spiel auch einige der anderen Figuren) oftmals identische Gesprächsoptionen haben. Es ist also egal, mit welchem der Agenten man im ersten Abschnitt ein Gespräch mit den Einwohnern führt. Auf der anderen Seite wird dadurch der Einstieg in das Spiel möglichst leicht gehalten. Manche Objekte sind recht gut versteckt, speziell in der Bibliothek kommt man um Pixel-Hunting kaum herum, was mit der Controller-Steuerung recht umständlich sein kann. Eine Hotspot-Anzeige gibt es nicht.


Galerien

Fazit:

Wertung: 89%

Die Altmeister sind zurück und stellen Eindrucksvoll unter Beweis, dass Adventures mit klassischem Gewand auch heute noch funktionieren können. 'Thimbleweed Park' bringt eine im Genre-Vergleich ungeahnte spielerische Freiheit bei den Rätseln, was die Reihenfolge und Vielzahl der Aufgaben angeht. Die Entwickler verlieren den Spieler dabei aber nie aus den Augen. Überall entdecken wir kleine Details, finden Hinweise auf mögliche Lösungswege oder erfreuen uns über Anspielungen auf die alten Klassiker. Darüberhinaus gelingt es der Geschichte, den Spieler wirklich an den Monitor zu fesseln. Für ungeübte Spieler gibt es eine leichtere Variante - hier wurde wirklich an fast alles gedacht. Auch die Grafik im Pixel-Look überzeugt und selbst die auf den ersten Blick umständlich wirkende Steuerung geht schnell in Fleisch und Blut über. Punktabzug gibt es hingegen für kleinere Schnitzer bei den Bildschirmtexten in der deutschen Version, die nicht immer in den vorgegebenen Rahmen passen oder die zum Teil identischen Gesprächsoptionen der zwei Agenten. Das fällt im Vergleich zum ansonsten sehr gut polierten Spiel umso deutlicher auf. Können Ron Gilbert und Gary Winnick nun also an die alten Erfolge anknüpfen und gleichzeitig mit aktuellen Genre-Hits mithalten? Ja, ganz eindeutig. 'Thimbleweed Park' gehört ausnahmslos in jede Adventure-Sammlung und wir hoffen, dass wir noch weitere Adventures dieses Teams spielen dürfen.

geschrieben am 30.03.17, Tobias Maack

Systemanforderungen Weitere Links
Windows 7
Prozessor mit 2 GHz
4 GB RAM
DirectX: Version 11
1 GB Festplatte Auch für Switch
Projektseite bei Kickstarter
Offizielle Homepage


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