Klassiker-Tests: The Last Express:

The Last Express


1997 galt es sich die Frage zu stellen, was wohl dabei heraus kommt, wenn 'Prince of Persia'-Schöpfer Jordan Mechner eine Affäre mit dem Adventure-Genre eingeht. Die Antwort: Etwas außergewöhnliches! Mit 'The Last Express' veröffentlichte Publisher Broderbund ein grafisch wie spielerisch ungewöhnliches Projekt, das die Spieler wenige Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf eine hoch spannende Fahrt mit dem legendären Orientexpress einlud und ihn dabei tief in einem Dickicht aus politischen Intrigen und Lebensgefahr versinken ließ. Wir haben mit dem amerikanischen Arzt Robert Cath den Orientexpress bestiegen und liefern Euch nun die Eindrücke einer denkwürdigen Fahrt…

 

Das Abenteuer beginnt.

Juli 1914, die Welt befindet sich im Wandel. Mit dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, droht das europäische Pulverfass nach Jahren des Wettrüstens und schwelender Konflikte endgültig zu explodieren. Der erste Weltkrieg steht unmittelbar bevor und just in diesen tragischen Zeiten besteigt der Amerikaner Robert Cath in Paris den Orientexpress, wo er sich mit seinem Freund Tyler Whitney treffen soll, der ihn in einer Notitz um Unterstützung in einer Sache gebeten hat, die Whitney bei ihrem Treffen lüften will. So schnell soll Cath allerdings nicht erfahren, was Whitney eigentlich von ihm wollte, denn als er sein Abteil betritt, findet er nur die Leiche seines Freundes. In der Ahnung, dass sein Freund einer großen Sache auf der Spur war und mit der Absicht den Mörder zu finden, eignet sich Robert Cath die Identität des Verstorbenen an und beginnt Nachforschungen anzustellen, die sich über die komplette Route des Orientexpresses hinziehen werden. In einem Wust aus undurchsichtigen und teils hochverdächtigen Personen, gerät Cath unter anderem an serbische Freiheitskämpfer, einen russischen Anarchisten, einen deutschen Waffenhändler, wird Zeuge einer Zugentführung, eines Bombenattentats, beginnt eine leidenschaftliche Affäre und muss das Geheimnis um einen als „Feuervogel“ bekannten, mysteriösen Gegenstand lüften, hinter dem sich ein Teil der Antworten, die Cath sucht, zu verbergen scheint.


Fahrt ins Ungewisse

Aus First Person-Sicht erkunden wir den Zug.

Nach dem Intro beginnt das Spiel im Abteil von Tyler Whitney und nicht wenige dürften in den ersten Spielminuten ihre Orientierungsprobleme haben. Aus Ego-Perspektive bewegen wir uns Bild für Bild durch den Zug, lernen einige der Passagiere kennen, finden die Abteilbelegung heraus und erkunden den Zug. Durch die etwas haklige Steuerung, in der wir uns per Klick auf Pfeil-Icons fortbewegen, mit denen wir auch wichtige Stellen genauer betrachten können, geht die Übersicht zu Beginn etwas verloren, jedoch gewöhnt man sich schnell mit der etwas umständlichen Steuerung umzugehen, zu spannend wird die folgende Reise um sich hierüber ernsthafte Gedanken zu machen. Die mangelnde Übersicht zu Beginn kommt allerdings noch durch einen wesentlich wichtigeren Faktor zustande und hier sind wir auch schon mitten beim ungewöhnlichen Spielprinzip dieses Titels. Die Handlung läuft in Echtzeit ab, die Figuren führen allesamt ein Eigenleben, gehen einem realistischen Ablauf nach, so dass wir an jeder Ecke des Zuges stets auf neue Situationen stoßen und dabei niemals innerhalb eines Spiels alle möglichen Szenen zu sehen bekommen werden. Ein immens wichtiger Faktor des Spielprinzips ist das Belauschen von Gesprächen, durch die wir mehr und mehr über die verschiedenen Personen und ihre Intentionen erfahren. Dafür müssen wir uns lediglich in die Nähe unserer Gesprächspartner, oder vor die Tür eines Abteils, aus dem wir Stimmen hören, stellen. Wirklich relevant für den Spielverlauf sind viele Teile dieses optionalen Wissens nicht, aber sie helfen uns zum einen uns in der Spielwelt zu orientieren, und Zusammenhänge zu erschließen und ganz einfach so tief wie möglich in der Spielwelt zu versinken.

Cath findet Whitneys Leiche...

Wirkliche Rätsel werden wir auf unserer Fahrt im Übrigen nur wenige lösen, mal müssen wir eine Bombe entschärfen, Gegenstände aus unserem spärlichen Inventar mit der Umwelt benutzen oder den Öffnungsmechanismus eines Artefakts ergründen. Generell gilt, dass man sich die Gegenstände, die sich betrachten lassen, so genau wie möglich ansehen muss und per Pfeil-Icons versuchen muss, jede mögliche Betrachtungsperspektive anzuwählen, andernfalls mag einem manch relevantes Detail wie ein Geheimfach einfach entgehen. Können wir einen Gegenstand nehmen, wird uns dies durch das Symbol einer Hand angezeigt.


Zwischen Zeitreisen und Messerstechereien

...und gerät in ein Netz aus Intrigen...

Logischerweise macht der Orientexpress auf der Reise nach Konstantinopel einige Zwischenstopps und konkret auf das Weiterkommen bezogen, gibt es in jedem Abschnitt der Route zwischen zwei Haltestellen Schlüsselereignisse, die für unser Fortkommen relevant sind. Durch das Prinzip der Echtzeit versteht sich von selbst, dass es möglich ist, wichtige Aktionen nicht rechtzeitig ausgeführt zu haben oder in ausweglose Situationen zu geraten, doch hier haben die Entwickler ein voll funktionierendes Schutzsystem eingebaut, mit dessen Hilfe solche Punkte kein Problem darstellen. Zu Beginn eines Spiels legen wir ein Profil fest, indem jeweils automatisch unser Fortschritt festgehalten wird. Mit Hilfe einer Uhr können wir stets die Ereignisse soweit zurückspulen wie wir für richtig halten, um die benötigte Aktion rückwirkend ausführen zu können. Zumeist handelt es sich hier ohnehin nur um kurze Zeitabschnitte, die wir zurückgehen müssen, dennoch sorgt dieses Prinzip für großen Komfort im hektischen Alltag des Orientexpresses. Und auch wer die Uhr mal zu weit zurückgedreht hat, muss sich nicht sorgen, da wir jeder Zeit auch beliebig wieder bis zu dem weitesten Punkt unseres ursprünglichen Spielfortschritts vorspulen können.

...tödlichen Kämpfen...

Wenig überraschend, gibt es für Robert Cath im Laufe dieses historischen Thrillers einige Möglichkeiten zu sterben, sei es durch unvorsichtige Handlungen, die uns eine Kugel im Kopf verschaffen, oder eine falsch entschärfte Bombe. Doch auch in all diesen Situationen sind wir dank der Rückspulfunktion im nächsten Anlauf normalerweise bereits wesentlich schlauer.
Daneben wird Cath auch in eine Reihe von Kämpfen verwickelt, bei denen es sich etwa um eine Messerstecherei in einem engen Abteil, oder einen dramatischen Kampf auf dem Dach des fahrenden Zuges handeln kann. Auch wenn sich der Schwierigkeitsgrad dieser seltenen Einlagen spürbar steigert, ist hier eigentlich nur ein Faktor entscheidend: Timing. Wir stehen vor unserem Gegenüber und können via Mausklick im entscheidenden Moment ausweichen, sowie selbst einen Angriff ausführen. Wenn wir uns zum Beispiel mit einem serbischen Messerstecher anlegen, erkennen wir an einer kurzen Handbewegung, dass er gleich zustechen wird. Es gilt also einen Rhythmus zu entwickeln, indem wir nicht nur seinen Stichen ausweichen, sondern auch im richtigen Moment zuschlagen. Bis wir das richtige Timing gefunden haben, mag Cath den ein oder anderen Tod gestorben sein, aber mit ein paar Versuchen lassen sich sämtliche Action-Einlagen ohne Probleme lösen. Sehr angenehm an diesen Action-Einlagen fällt ins Auge, dass diese sehr dosierten Elemente nie als Selbstzweck daherkommen, sondern immer nur dann auftreten, wenn es innerhalb der Story einen konkreten, dramaturgischen Sinn für diese teils tödlichen Auseinandersetzungen gibt.


Interaktiver Film

...und Romantik.


Wie erwähnt, handelt es sich hier im exakten Sinne um einen interaktiven Film in Echtzeit, doch auch wenn es nicht jedermann sofort ins Auge springen wird, gibt es auch bei der Optik eine klare Zuordnung zu diesem Subgenre. Sämtliche Charaktere wurden im Blue Screen-Studio von echten Schauspielern eingespielt und hinterher mit einem speziellen Grafik-Tool koloriert. Das große Plus dieser Technik macht sich schnell an den realistischen Mimiken der Figuren bemerkbar, deren Gesichtszüge die ganze Palette menschlicher Emotionen rüberbringen und die Figuren echter wirken lassen, als eine „normal“ gezeichnete Figur. Allerdings wurde eine Technik verwendet, die in kurzen Abständen ein Standbild ans nächste setzt, wodurch fast nie flüssige Animationsabläufe zu Stande kommen und das Ganze so ein bisschen abgehackt wirkt, wie etwa eine Dia-Show. Letztlich mag dies aber reine Geschmacksache sein, denn dass 'The Last Express' an und für sich eine enorm künstlerisch angehauchte Optik zu bieten hat, lässt sich nicht leugnen. Beim Übergang zwischen Cutscenes und Spiel-Grafik sind durch den identischen Grafikstil keine Unterschiede zu erkennen, was durch fließende Übergänge das Gefühl verstärkt, niemals aus dem Spiel und seiner faszinierenden Story herausgerissen zu werden. Lediglich manche Passagiere die uns während der Fahrt begegnen, wirken in der Spielgrafik unschön verpixelt.

Stilvolle Innenausstattung.

Was die Gestaltung des Orient-Expresses angeht, bleibt nicht viel, außer den Hut vor der eindrucksvoll, detaillierten Ausstattung zu ziehen. Ein Wunder ist dies allerdings nicht. Schließlich hat es das Entwickler-Team damals nach langer Suche geschafft, ein Original-Exemplar eines Orient-Expresses aufzutreiben. So konnte man anhand der realen Vorlage eine möglichst detailgetreue Nachbildung rekonstruieren und auch in diesem Punkt den starken Realismus füttern, der dem ganzen Spiel ohnehin anhaftet.

Von Glower auf großer Zugfahrt

Was führt der serbische Freiheitskämpfer Milos im Schilde?


Ein Deja Vu der erfreulichen Art wird sich allen Spielern bieten, die mit Jane Jensen´s preisgekröntem 'Gabriel Knight'-Sequel 'The Beast Within' vertraut sind.
In selbigem gab die Figur des Barons Von Glower wohl einen der bemerkenswertesten Bösewichte der Adventure-Geschichte ab- neben der grandiosen Schauspielleistung des Darstellers Peter Lucas auch ein Umstand, der auf eine extrem charismatische deutsche Synchronstimme zurückging. Und eben jene Stimme erkennen wir dann auch ohne Umschweife sofort zu Beginn der Zugfahrt wieder, in Form von Robert Cath. Dass die düster-markante Stimme des Von Glower-Sprechers auch dieses Mal punkten kann, versteht sich von selbst.
Nicht nur die anderen Zuggäste präsentieren sich geheimnisumwittert, Cath selbst ist für uns in seinen Handlungen und Absichten zumeist schwer zu durchschauen und eben diese geheimnisvolle Note bekommt durch den starken Sprecher ein perfektes akustisches Gerüst.
Generell war es mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen, all die Zuggäste mit ihren unterschiedlichen Nationalitäten und Dialekten glaubwürdig umzusetzen, doch auch hier gibt man sich kaum eine Blöße und eben jene Wand von internationalen Dialekten wurde größtenteils hervorragend-authentisch umgesetzt. Hinzukommt, dass einige der Gespräche, die wir belauschen, in Originalsprache stattfinden, allerdings auf Deutsch untertitelt wurden- ein weiterer Pluspunkt in Sachen Realismus.

 

Das Geheimnis des Feuervogels ist gelüftet.

Aber auch die akustische Hintergrundkulisse an und für sich, reiht sich positiv ins Gesamtbild ein. Von Fahrgeräuschen des Zuges, über Schaffnerdurchsagen, das emsige Treiben in den Gängen- dieser Zug lebt im wahrsten Sinne des Wortes.
Viele Musikstücke haben es zwar nicht in den letzten Express geschafft, aber wenn diese dann doch (zumeist in den besonders dramatischen Szenen) auftreten, drücken diese das Spannungspedal voll durch und runden ein großartiges Soundgebilde gelungen ab.

Funktionalität auf modernen Systemen

Auf dem Testrechner lief 'The Last Express' ohne Probleme oder Einschränkungen im Windows 95-Kompatibilitätsmodus.

Verfügbarkeit

Bei Ebay kann man auch heute noch ohne Probleme und ohne großen finanziellen Aufwand ein Exemplar dieses Klassikers erstehen.


Galerien

Fazit:

Wertung: 4.5 / 5

Genau genommen ist 'The Last Express' mehr als ein Adventure, es ist ein Erlebnis!
Selten wurde ein Spieler so intensiv in eine Spielwelt eingebunden, was zum einen am Spielprinzip liegt, aber im Speziellen eben auch am großartig geschriebenen Script, das nicht nur mit vielen Wendungen, geheimnisvollen Charakteren mit realistischem Eigenleben und hochdramatischen Momenten daherkommt, sondern auch die historischen Vorgänge im Juli 1914 auf glaubwürdige Weise mit einbezieht und so für einen inhaltlichen Rahmen zum Versinken sorgt. Gelegentlich stört das ständige Rauf und Runter Rennen des Zuges - auf der Suche nach neuen Ereignissen - etwas und die Rätseldichte ist zweifellos zu niedrig, doch sind dies Aspekte, die sich im Gesamtbild gut verschmerzen lassen. Ob einem der sehr eigenwillige Grafikstil gefällt, ist darüber hinaus ein rein subjektives Empfinden, doch jeder der bereit ist, sich auf Robert Cath´s Fahrt mit dem Orientexpress einzulassen, bekommt eines der ungewöhnlichsten und faszinierendsten Werke zu bieten, die die goldenen 90ger Jahre aus Adventuresicht zu bieten hatten.

geschrieben am 28.12.08, Ingmar Böke

Systemanforderungen Weitere Links
DOS 6.0 / Win 95
CPU mit 60 Mhz
8 MB Ram
Grafikkarte
Soundkarte
35 MB freier Festplattenspeicher
4x CD-Rom
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Dieser Klassiker-Test gehört zu  The Last Express.




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