Klassiker-Tests: Discworld Noir:

Discworld Noir


“Seit meinem Leben als Privatdetektiv hatte ich einige schlechte Tage erlebt, aber noch nie war ich tot erwacht”. Mit diesem Voice-Over beginnt der furiose Klassiker 'Discworld Noir'. Terry Pratchett stand dem Entwicklerteam persönlich in beratender Funktion zur Seite. Liebhaber des Film Noirs werden sofort die Anlehnung an Billy Wilders Meisterwerk „Sunset Boulevard“ erkennen, das ebenfalls damit beginnt, wie ein Toter seine Geschichte erzählt. Doch was bedeutet schon ‚tot’, wenn das Spiel in der Scheibenwelt spielt? Bei Terry Pratchett ist alles möglich. Daher darf man sich auch nicht darüber wundern, dass seine Scheibenwelt nicht nur flach ist, sondern auch von vier Elefanten getragen wird, die wiederum auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte stehen. Kein Wunder also, dass sich der skurrile Humor aus den Romanen auch gut in einem Computerspiel macht. Immerhin hat es die Scheibenwelt bis dato auf vier Spiele gebracht, wobei 'Discworld Noir' das vorerst letzte ist. Im Jahr 1999 wurde es von GT Interactive Software und Perfect Entertainment herausgebracht.

Story

Die Geschichte beginnt, wie im Film Noir üblich, mit der hübschen Femme fatale, die in diesem Fall auf den Namen Carlotta hört. Sie engagiert unseren Helden, den abgebrannten Privatdetektiv Luton, damit er ihren verschwundenen Liebhaber Mundy aufstöbert. Luton ist ehemaliges Mitglied der Stadtwache, von der er gefeuert wurde. Ein Grund mehr, schleunigst an Geld zu kommen. Luton nimmt also die Ermittlungen auf. Wie jeder echte Privatschnüffler, der etwas auf sich hält, kommentiert er seine Fortschritte wie ein waschechter Zyniker, der den Freuden des Alkohols nicht ganz abgeneigt ist. Es dauert auch nicht lange, bis ein mysteriöser Zwerg in seinem Büro auftaucht, der unseren (Anti-)Helden bedroht und ihm rät, lieber die Finger vom Mundy-Fall zu lassen. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Im Verlauf der Handlung wird Luton immer weiter in einen Strudel aus Lügen, Gewalt und Verschwörung hineingezogen. Die Probleme häufen sich und Lutons Leben nimmt eine unvorhergesehene Wendung, als auch noch ein Werwolf hinter ihm her ist.

Gameplay

Nobby erweist sich ausnahmsweise als nützliche Informationsquelle.

Lutons Suche nach Mundy führt ihn quer durch Ankh-Morpork. Eine tolle Gelegenheit, die größte Stadt der Scheibenwelt besser kennenzulernen: Der Spieler sucht an die 70 verschiedenen Orte auf, darunter auch Schauplätze, die bereits aus den Romanen bekannt sind, wie z. B. den Pseudopolisplatz. Doch in 'Discworld Noir' wird man nicht nur mit einer interessanten Umgebung konfrontiert, man trifft auch auf interessante Personen. Eine von ihnen ist Nobby Nobbs, den man das erste Mal im Café Ankh trifft. Spielern, die sich in der Scheibenwelt wie zu Hause fühlen, werden solche Querverweise gefallen, die immer wieder für kleine „Aha“-Effekte sorgen. Diejenigen, die nie einen Pratchett-Roman gelesen haben, dürfte es nicht weiter stören, denn der Spielfluss wird dadurch nicht verlangsamt. Von Nobby erfährt man nicht nur, dass Luton wegen eines Bestechungsskandals aus der Wache entlassen wurde, sondern auch von einer geheimnisvollen Mordserie. Nachtigall, ich hör dir trapsen: Irgendwie muss es da einen Zusammenhang zwischen Mundy und den Morden geben.

Während Luton versucht, das Puzzle zusammenzusetzen, steuert der Spieler ihn in klassischer Point-&-Click-Manier durch die Stadt. Der Cursor besteht aus einem kleinen Lichtkegel. Fährt man damit über Gegenstände, so erscheint ein Schriftzug, wenn man mit dem Objekt interagieren kann. Zum Beispiel erscheint das Wort „Schreibtisch“ auf dem Bildschirm, wenn man den Cursor über Lutons Schreibtisch bewegt. Ein Rechtsklick auf einen Gegenstand führt dazu, dass Luton ihn näher in Augenschein nimmt; ein doppelter Linksklick lässt ihn eine Aktion ausführen. Das Inventar entpuppt sich als kleines Raumwunder. Vielleicht hat Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin Schnapper es irgendwann aus der Unsichtbaren Universität entwendet und dann an Luton verkauft. Magie wäre jedenfalls eine Erklärung dafür, warum selbst sperrige Gegenstände wie Brecheisen und Enterhaken hier bequem Platz finden, ohne den Helden zu behindern. Als Spieler kann man darüber allerdings nur schmunzeln.

Die Feder ist mächtiger als das Schwert: Lutons Notizbuch.

Auch nicht unerwähnt soll an dieser Stelle Lutons Notizbuch bleiben, in das er nützliche Stichpunkte zum Fall kritzelt. Daher hat man immer eine nützliche Übersicht über sämtliche Informationen, die Luton im Laufe des Spiels sammelt. Veraltete Infos werden einfach durchgestrichen.
Außerdem lässt sich das Notizbuch auch in Gesprächen verwenden. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass es etwas umständlich ist, in einem Dialog erst das Buch aufzuklappen und dann durch die Seiten zu blättern, bis man zum gewünschten Thema gelangt. Ansonsten sind Steuerung und Benutzeroberfläche aber unkompliziert und einfach in der Handhabung. Inventar und Notizbuch werden durch einen Linksklick auf Luton geöffnet oder durch die Tasten F2 bzw. F3.

Rätsel

Bei der Dialogführung kann man nicht nur aus einer vorgegebenen Themenliste wählen, man kann zusätzlich auch Stichpunkte aus dem Notizblock verwenden oder versuchen, Gegenstände aus dem Inventar an den Mann zu bringen.

Die Rätsel sind nie unfair und immer logisch. Viel lässt sich durch Dialoge lösen, da die Personen, auf die man im Spiel stößt, alle die ein- oder andere Information für Ankh-Morporks besten (da einzigen) Detektiv parat haben. Nur rückt nicht jeder bereitwillig damit heraus, weshalb Luton manchmal nur mit Bestechung oder Einschüchterung weiterkommt. An einigen Stellen müssen Gegenstände im Inventar kombiniert werden, doch Rätsel wie diese spielen in ' Discworld ' keine große Rolle. Die Handlung läuft linear ab, weswegen es schon mal vorkommt, dass Luton in der Weltgeschichte herumläuft, bis der Groschen fällt und klar wird, welches Detail man zuvor übersehen hat. Es kommt aber nie Langeweile auf.


 

 

Grafik

Wo ‚Noir’ draufsteht, ist auch ‚Noir’ drin: Großartige Atmosphäre wird im Spiel mit der passenden Beleuchtung geschaffen.

Obwohl das Spiel mittlerweile fast zehn Jahre alt ist, kann sich die Grafik noch sehen lassen. Vor schön gezeichneten 2-D-Hintergründen bewegen sich 3-D-Figuren. Zwar wirken die Figuren manchmal etwas pixelig, doch das ist schnell verziehen. Steckt man erst mal in der Geschichte, fällt es kaum noch auf. Die Zwischensequenzen sind nicht so hochauflösend wie in modernen Spielen, doch deshalb nicht von schlechter Qualität. Sie sind atmosphärisch dicht und halten den Spieler bei der Stange.
Optisch orientiert sich 'Discworld Noir' am klassischen Noir-Film. Räume, verregnete Straßen oder heruntergekommene Bars werden ganz gezielt nur wenig beleuchtet. Manchmal entsteht auch ein Hell-Dunkel-Kontrast, z. B. wenn der Blitz von draußen Lutons Büro für einen Moment teilweise in fast weißes Licht taucht. An einigen Stellen wird es allerdings so dunkel, dass man fast nichts mehr erkennen kann. Hier ist es ratsam, zumindest vorübergehend, im Optionsmenü den Gamma-Wert zu verändern. Luton selbst ist natürlich so entworfen, dass er als Inbegriff eines Detektivs immer Hut und Trenchcoat trägt.


Sound und Dialoge

Auch die Musik ist stimmig und untermalt die Szenerie sehr passend. Leise Jazztöne, Blasinstrumente oder Klaviermusik verstärken die Atmosphäre noch, wobei die meisten Locations ihr eigenes, musikalisches Thema haben. Die Synchronisation ist hitverdächtig. Die Sprecher wissen, wie sie ihre Figuren lebendig erscheinen lassen. Vom zynischen Privatdetektiv über seine alte Flamme, vom dummen Troll bis hin zum verschrobenen Zauberer ist alles in dem Spiel vertreten und nie hat man den Eindruck, dass ein grober Schnitzer bei der Umsetzung unterlaufen ist. Die Sache ist so rund wie die Scheibenwelt selbst, auch, was den Inhalt der Dialoge angeht. Denn ein echter Detektiv muss natürlich eins sein: schlagfertig. So kontert Luton z. B. Carlottas Bemerkung „Ich beiße nicht“ geschickt mit „Schade. Ich bin schon lange nicht mehr gebissen worden.“ Das Localisation-Team hat jedenfalls ganze Arbeit geleistet. Einzig und allein bleibt die Tatsache zu mokieren, dass manchmal die Musik zu laut ist, sodass die Dialoge kaum noch zu hören sind.


Verfügbarkeit und Kompatibilität

Das Spiel erschien ursprünglich für Win 95 / 98 und für die PlayStation. Die PC-Variante lässt sich auf modernen Rechnern leider nicht ohne größere Probleme installieren, die aber lösbar sind. Eine hilfreiche Anleitung gibt es hier auf Adventure Corner: Zur Anleitung. Wer sich also zutraut, diese Modifizierungen durchzuführen und wen das Spiel interessiert, der sollte sich von solchen Startschwierigkeiten nicht ins Bockshorn jagen lassen. 'Discworld Noir' kann man noch ohne Probleme als gebrauchtes Spiel über Amazon oder Ebay beziehen.


Galerien

Fazit:

Wertung: 4 / 5

Die Idee, ein Computerspiel im Stil eines Film Noir-Films zu machen, das dann auch noch in der Scheibenwelt spielt, war innovativ. Das Ergebnis kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Häufige Anspielungen auf Filme, bissige Dialoge und eine spannende Story mit überraschenden Wendungen sorgen für ein fast erstklassiges Adventure-Erlebnis. Passende, jazzige Klänge und schummrige Beleuchtung geben dem Ganzen den letzten Schliff. Abzüge gibt es dafür, dass die Dialoge insgesamt weniger witzig sind, als man bei einem Scheibenwelt-Spiel wohl erwartet hätte. Das mag daran liegen, dass der berühmte Humor in den Büchern immer noch besser wirkt, als in einem Spiel oder auch daran, dass es aufgrund der Nähe zum Film Noir nun einmal nur bedingt lustig zugehen kann, aber hier wäre vielleicht noch etwas mehr möglich gewesen. Außerdem ist das Spiel insgesamt etwas zu dialoglastig geraten und das viele Herumblättern im Notizbuch, fängt nach einer Weile an zu nerven. Dennoch bleibt zu hoffen, dass sich eines Tages ein Publisher erbarmt und das Spiel neu auflegt, sodass es sich auch auf modernen Betriebssystemen problemlos installieren lässt. Vielleicht erbarmt sich ja eines Tages auch ein Publisher und bringt ein neues Scheibenwelt-Spiel auf den Markt. Wer weiß, wenn genug Spieler daran glauben, wird es vielleicht wahr.

geschrieben am 12.03.10, Maren Keitel

Systemanforderungen Weitere Links
CPU mit 166 MHz
32 MB Ram
8x CD-Rom


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Dieser Klassiker-Test gehört zu  Discworld Noir.




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Kommentare 1
Malko
11.08.2010, 12:25

Ein tolles Spiel. Danke für diesen Nostalgie-Moment. Vielleicht könntest du noch die Anleitung, wie man es auf modernen Systemen zum Laufen bekommt, verlinken.


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