Reviews: Die Flüsse von Alice - The Rivers of Alice:

Die Flüsse von Alice


Lüge, Neid, Faulheit, Geduld – im Point & Click-Adventure 'Die Flüsse von Alice' darf man sich mit den guten wie schlechten Eigenschaften eines Menschen befassen. Dazu begibt sich der Spieler mit Alice auf eine surreale Reise ins Unterbewusstsein, eine Reise, die der Selbstfindung dienen soll und die, so steht es jedenfalls in der Inhaltsangabe, auch dem Ursprung von Alice' Gefühlen auf den Grund gehen soll. Ob das Adventure von Delirium Studios hält, was es verspricht, erfahrt Ihr im Test.


Flüsse von Alice

 

Ist das alles nur ein Traum?

Das Spiel beginnt in Alice' Schlafzimmer. Alice geht zu Bett, nur um kurze Zeit später wieder zu erwachen bzw. sich in ihrem Unterbewusstsein wiederzufinden, wobei dieses wiederum Züge eines Traumes hat, aus dem man auch erwachen kann. Nach wenigen Schritten begegnet Alice der Faulheit, die friedlich am Ufer eines kleinen Flusses schlummert und erst einmal geweckt werden muss, ehe die Reise richtig losgehen kann.

 

Wir erfahren, dass wir mit Hilfe eines Medaillons mehrere Libellen einfangen sollen, die an unterschiedlichen Orten versteckt sind und die wir erst befreien müssen. Die Libellen werden dabei von Eigenschaften wie Neid oder Lüge blockiert. Alice muss sich also erst ihren inneren Dämonen stellen, ehe sie die Libellen – und damit sich selbst – befreien kann.

 

Screenshot Flüsse

Alice bekommt es unter anderem mit Neid zu tun.

Ich muss zugeben: Die abstrakte Handlung hat mich anfangs etwas überfordert, was auch daran gelegen hat, dass man vom Spiel keine Hinweise darauf bekommt, was überhaupt los ist. Wäre der Inhalt nicht auf der DVD-Box kurz beschrieben, hätte man als Spieler keine Ahnung, worum es geht. Auch wenn man raus hat, was das Spiel von einem will, bleibt die Handlung bis zum Schluss sehr abstrakt, nicht zuletzt, weil eine narrative Struktur fehlt. Dadurch ist das Spiel bzw. seine Handlung nur sehr schwer zugänglich.

 

Erschwerend kommt hinzu, dass Alice selbst keine greifbare Persönlichkeit besitzt und so jegliche Identifikationsmöglichkeit fehlt. Vielmehr steht Alice stellvertretend für alle Menschen, die mit negativen Eigenschaften oder Ängsten zu kämpfen haben. Sie ist eine Schablone, und die Idee der Entwickler war es wohl, dass der Spieler selbst diese leere Hülle mit der eigenen Persönlichkeit füllt bzw. sich in Selbstreflexion übt. Das klappt allerdings nur bedingt und am ehesten noch in Bezug auf die Faulheit. Diese kann man nämlich im Verlauf des Spiels immer wieder aufsuchen, um sich Tipps geben zu lassen – ein netter Seitenhieb auf Komplettlösungen und die spielerische Trägheit, sich länger mit einem Puzzle zu beschäftigen.



Beruhigend: Aquarelle und stimmungsvolle Musik

Screenshot Flüsse

Wir bewegen uns durch wunderschöne, surreale Landschaften.

'Die Flüsse von Alice' ist recht übersichtlich geraten: Die Anzahl der Schauplätze hält sich in Grenzen, selten muss man einen Schauplatz öfter als einmal besuchen. Die Grafik ist insofern etwas Besonderes, als sie von der spanischen Künstlerin Ane Pikaza stammt – die Hintergründe sind stimmungsvolle Aquarelle, zusätzlich hat Pikaza mit Bleistift und Tusche gearbeitet. Mir persönlich hat die Optik des Spiels sehr gut gefallen. Sie ist eine der Stärken des Spiels und in Kombination mit der unaufgeregten Musik irgendwie beruhigend. Beim Soundtrack dominieren sanfte Gitarrenklänge. Komponiert wurde der Soundtrack von der spanischen Band Vetusta Morla. Jede Szenerie hat dabei ihr eigenes Lied erhalten, was eine sehr ruhige, angenehme Stimmung erzeugt.

Hintergrundgeräusche werden wohldosiert eingesetzt – in einem Spielabschnitt pfeift der Wind, es gibt knurrende Hunde, und die Faulheit, die das ganze Spiel über am Flussufer schläft, gibt leise Geräusche von sich, die vermuten lassen, dass es der Faulheit grade sehr gut geht. Bei der Geräuschkulisse hat man sich offenbar gedacht „Weniger ist mehr“, und das funktioniert eigentlich ganz gut, wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat, dass man nicht mit visuellen und akustischen Eindrücken überhäuft wird, sondern sich das Spiel aufs Wesentliche beschränkt. Eine Anmerkung noch zur Sprache: Die Untertitel sind alle in Deutsch, viel zu lesen gibt es allerdings nicht, da das Dialogsystem etwas anders funktioniert, als man das gewohnt ist - dazu weiter unten mehr. Eine Sprachausgabe ist nicht vorhanden.



Schieben, kombinieren, balancieren – die Rätsel

Die Steuerung ist simpel – man kann Alice bewegen, sie Dinge ansehen bzw. nehmen und verwenden lassen, und sie kann Dialoge führen. Mehr gibt’s nicht, was wohl daran liegt, dass 'Die Flüsse von Alice' ursprünglich eine App war. Entsprechend einfach und reduziert ist die Handhabung des Spiels. Allerdings hat man’s mit dem Reduzieren etwas übertrieben. So erhält man z.B. keine Informationen zu einem Gegenstand, den Alice betrachtet. Man erfährt nichts darüber, was sie gerade denkt, ein Manko, das sich leider durchs gesamte Spiel zieht und das auch die Distanz zur Spielfigur verstärkt. Die einzige Reaktion, zu der sich Alice ab und zu hinreißen lässt, ist ein leichtes Kopfschütteln, garniert mit einem verneinenden „M-mh“- Laut, wenn sie etwas nicht tun kann oder will. Das ist anfangs etwas frustrierend, mit der Zeit gewöhnt man sich aber daran.
Dialoge werden ausschließlich über Piktogramme geführt, d.h. die Fragen, die Alice stellt, werden als Piktogramme dargestellt, und die Antworten sind ebenfalls mehr oder weniger ausführliche kleine Bilder – eine sehr nette Idee, nicht zuletzt, weil es eine willkommene Abwechslung zu herkömmlichen Dialogsystemen darstellt.

 

Screenshot Flüsse

Dialoge funktionieren über Piktogramme.

Hotspots entdeckt man, indem man mit der Maus über den Bildschirm fährt; wo kreisförmige blaue Wellen pulsieren, gibt es in der Regel etwas zu sehen oder zu tun. Sobald ein neuer Spielbereich freigeschaltet ist, führt ein Fluss aus tanzenden kleinen Punkten uns dorthin. In der oberen rechten Bildschirmecke befindet sich Alice' Rucksack, in dem ihr Journal und weitere Inventargegenstände aufbewahrt werden. Das Inventar bleibt dabei immer übersichtlich, da man die wenigen Dinge, die man aufsammelt, meistens sofort verwendet. Nach der Benutzung verschwinden sie aus dem Inventar.

 

Die Aufgaben, die es zu erledigen gilt, sind größtenteils recht einfach gehalten, wobei die Bandbreite der Rätsel durchaus zu gefallen weiß. Es gibt simple Musikrätsel, die auch für Spieler ohne großartiges musikalisches Gehör zu schaffen sind. Man muss außerdem einen Code knacken, Ablenkungsmanöver starten und Gegenstände richtig kombinieren. Man muss ein einfach zu bewältigendes Labyrinth durchqueren, kann an einem Computer ein Jump and Run zocken (fürs Spiel nicht wichtig, aber witzig), muss die Lichter in drei Häusern nach einem bestimmten Muster einschalten, um die Häuser überhaupt betreten zu können, und man muss dafür sorgen, dass es in einem Gebäude Strom gibt. Die Rätsel sind abwechslungsreich, kaum eines wiederholt sich. Hat man eine Aufgabe erfolgreich bestanden, poppt eine Buchpflanze auf - also eine Pflanze, wo an Stelle einer Blüte ein aufgeschlagenes Buch prangt. Diese Pflanzen geben kryptische Weisheiten von sich, die wieder zur Selbstreflexion einladen oder auch mal einen verschlüsselten Tipp enthalten.

Screenshot Flüsse

Das mühsamste Schiebepuzzle der Welt.

Die Aufgaben sind, wie gesagt, nicht unbedingt schwierig, auch, weil das Spiel mitunter sehr deutliche Hilfestellungen anbietet. Bei einem Schiebepuzzle wird der Schwierigkeitsgrad jedoch ruckartig nach oben geschraubt, in einem Ausmaß, das man nur als frustrierend bezeichnen kann. Das Puzzle funktioniert nämlich nicht wie herkömmliche Schiebepuzzles: Die freie Fläche, auf der man einzelne Teile zwischenzeitig parken kann, während man den Rest herumschiebt, existiert nämlich nicht. Weil das noch nicht mühsam genug ist, kann man auch nicht die einzelnen Plättchen verschieben. Nein. Man darf nur die gesamte Reihe verschieben, entweder horizontal oder vertikal. Das erfordert einiges an Denkarbeit und hat mich allen Ernstes zwei Stunden Spielzeit gekostet. Zwar gibt das Spiel einen Hinweis darauf, welche Reihen wie oft verschoben werden müssen, aber der Hinweis will erst einmal entschlüsselt werden, ehe es weitergehen kann. An sich mag ich Schiebepuzzle, aber dieses war eine besondere Herausforderung und hat mir mehr als einen Fluch entlockt.

Ähnlich verhielt es sich mit einer Geschicklichkeitsaufgabe gegen Ende des Spiels: Alice muss auf einem Seil über einen Abgrund balancieren. Die Aufgabe des Spielers ist es, auszubalancieren, indem die Maus nach links oder rechts bewegt wird, wobei die Maus äußerst sensibel reagiert und die kleinste Bewegung dazu führen kann, dass Alice in den Abgrund stürzt. Hat man erst mal raus, wie die Spielmechanik an dieser Stelle funktioniert, ist das Balancieren fast ein Spaziergang. Bis dahin überwiegt jedoch der Frust darüber, dass Alice immer wieder in den Abgrund stürzt und man die Passage erneut in Angriff nehmen darf. Das Spiel ist an dieser Stelle jedoch so fair, einen sofort wieder aufs Seil zu katapultieren anstatt einenbeim letzten Speicherpunkt beginnen zu lassen.

 

Screenshot Flüsse

Hier sind Geschicklichkeit und eine ruhige Hand gefragt.

Ich habe den Schwierigkeitsgrad als sehr unausgewogen empfunden. Während die meisten Aufgaben relativ einfach zu lösen sind, wurden das erste Schiebepuzzle und der Balanceakt unverhältnismäßig schwierig gestaltet. Ich hatte an diesen Stellen den Eindruck, dass die Aufgaben nur dazu dienen sollten, die Spielzeit etwas zu strecken. Auch das abschließende Puzzle war nicht unbedingt gut designt: Man muss drei Ringe so verschieben, dass sich am Ende ein Muster ergibt. An sich ein Klassiker, in diesem Fall ging’s aber nur mit Trial & Error, was wiederum die Spielzeit etwas verlängert hat. Sowas muss nicht sein und steht auch in keinem Verhältnis zu den übrigen, relativ einfach zu lösenden Aufgaben.


Galerien

Fazit:

Wertung: 66%

'Die Flüsse von Alice' macht vieles richtig und glänzt vor allem mit einer wunderschönen, surrealen Grafik sowie stimmungsvoller Musik mit Ohrwurmqualität. Die Geschichte selbst ist sehr abstrakt geraten und verlangt dem Spieler einiges an Selbstreflexion ab, Identifikation mit der stummen Heldin ist praktisch nicht möglich. Das Spiel geht somit völlig neue Wege, an die man sich erst einmal gewöhnen muss, die dann aber durchaus Spaß machen. Beim Rätseldesign wurde an manchen Stellen auf Ausgewogenheit verzichtet und der Schwierigkeitsgrad unverhältnismäßig stark angezogen. Die Spielzeit beläuft sich auf etwa sechs bis sieben Stunden, je nachdem, wie lange man an den schwierigeren Rätseln sitzt. Schwierigkeitsgrad und Handhabung würden sich gut für Adventure-Neulinge eignen, allerdings steht die abstrakte Handlung dem diametral gegenüber und könnte Einsteiger verschrecken. Die Altersfreigabe ab sechs Jahren geht insofern in Ordnung, als das Spiel keine Gewaltszenen enthält und auch sonst nichts, wovor man Kinder schützen müsste. Ich bezweifle aber, dass Kinder mit diesem Spiel und seiner abstrakten Handlung etwas anfangen können.

geschrieben am 29.06.16, Susanne Lang-Vorhofer

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Dieses Review gehört zu  Die Flüsse von Alice.




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Kommentare 2
Amberl
29.06.2016, 21:18

Klingt ganz interessant und bei 9,99€ kann man nicht viel kaputt machen.
Sehr schön geschriebener Test übrigens.

Jehane
29.06.2016, 23:11

Danke :) Ist ein nettes kleines Spiel mit ein paar Macken, aber für Zwischendurch eignet es sich ganz gut - man braucht halt grad bei dem einen Schieberätsel und bei dem Balanceakt viel Geduld, aber irgendwie ist es schaffbar *g*


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