Reviews: Virginia:

Virginia


Anfang der 90er und FBI. Da fallen einem spontan Serien wie 'Akte X', 'Twin Peaks' oder 'Fargo' ein. Variable State schließen zusammen mit 505 Games genau hier mit 'Virginia' an. Die junge FBI-Agentin Anne Tarver wird der erfahreneren Kollegin Maria Halperin zur Seite gestellt. Dabei sehen wir die Ereignisse aus den Augen von Anne. Heraus kommt ein schnell geschnittener interaktiver Film, der nicht nur als eine Hommage an die 90er gesehen werden kann. Der klassische Walking Simulator mit Ein-Klick-Steuerung versucht durch eine Geschichte mit vielen Twists und surrealen Traumsequenzen zu punkten. Heraus kommt ein FBI-Drama um einen vermissten Jungen und diversen versteckten Agenden. Die zweistündige Geschichte mag hier schnell aus Pastiche von vielem verstanden werden. Im Review versuchen wir zu ergründen, ob denn mehr als nur ein langweiliger Brei herauskommt.


 

Stakkato


{Beschreibung der Grafik}

Es kann losgehen

Mit dem Schlüssel die Truhe öffnen. Badezimmer. Kurz mit Lippenstift noch einmal nachbessern. Einen Gang eines typischen Büros entlang. Dann stellt sich Tarver an einer kurzen Menschenschlange an. Rotlicht umgibt den Raum. Sie ist dran. Kurz wird sie aufgehalten und dann schon Richtung Bühne gewunken. Ein älterer FBI-Agent wartet vor seinem Podium und schüttelt Anne dann die Hand. Sie bekommt ihren FBI-Ausweis und die Menschenmenge im Saal klatscht und fotografiert. Die Protagonistin dreht sich um, sieht nur einen Rekorder und drückt eine Taste. Schnitt. Ein Gang. Dieses Mal am Weg zu einer Wohnung, die gerade erst bezogen wird. Im Schlafzimmer findet sie sich selbst auf dem Bett liegend. Eine Tür leuchtet rot und sie geht durch. Schnitt. Der Wecker klingelt. Alles nur ein Traum. Sie steht auf, geht ins Badezimmer und sieht im Spiegel eine verschlafene Anne Tarver. Sie öffnet den Spiegelschrank, holt sich etwas heraus und schließt ihn. Nun ist sie fertig angezogen und heftet sich den FBI-Ausweis ans Revers. Ins Wohnzimmer. Schnitt. Sie ist im Taxi. Schnitt. Montag, erster Arbeitstag, sie befindet sich im FBI-Büro in Virginia.

 


Schnitte aus dem Film

 

{Beschreibung der Grafik}

Nicht nur der Schnitt ist filmreif

Schon in den ersten Szenen wird klar, dass 'Virginia' kein "normales" Spiel ist. Die schnellen Schnitte wirken aber nicht hektisch. Sie kommen nur unerwartet. Schnell wird klar, dass Variable State hier bewusst filmisch vorgeht. Das ganze Spiel ähnelt eher einem gut geschriebenen Film, als einem typischen Spiel – oder gar Adventure. Selbst die Spielzeit von zwei Stunden und der Preis um 8,99€ zeigen, dass man sich hier durchaus an Filmen orientiert. Trotzdem ist es ganz klar ein Spiel. Action-Szenen oder Rätsel gibt es nicht. Die farbenfrohe Welt weiß zu gefallen. Selbst die Figuren mit wenig Polygonen haben oft mehr Charme, mehr Emotionen und eine vielfältigere Ausdrucksweise als manche hochdetaillierten 3D-Modelle. Durch die Schnitte wird der Spieler außerdem bewusst immer von einem Gedanken zum nächsten gerissen. Er muss selbst herausfinden, was genau im Spiel passiert. Immer wieder verschwimmt die Realität mit der Traumwelt. Oft scheint es mehrere Dimensionen gleichzeitig zu geben. Dafür verzichtet das Spiel vollkommen auf Entscheidungen, denn die Geschichte und die vielschichtigen, philosophischen Botschaften sind hier Kernelement. 'Virginia' regt den Geist an und ist nicht zuletzt deswegen immer spannend.

 

 

Erfrischend anders

 

{Beschreibung der Grafik}

Realität oder Traum?

Variable State bricht bewusst Konventionen. Die dichte, wendungsreiche Geschichte wird völlig ohne Dialoge vorangetrieben. Selten gibt es kleine Schriftstücke zum Lesen – beispielsweise FBI-Akten mit ein paar Zeilen Text. Meist lebt das Spiel durch Mimik und Gestik der Charaktere und die visuellen Hinweise in der Spielwelt. Vor allem in den Traumsequenzen spielen die Entwickler mit Signalfarben, um wichtige Aktionen hervorzuheben. Sämtliche Texte wurden auf Deutsch übersetzt.

Die Handlung wird nicht nur durch die Ein-Klick-Steuerung vorangetrieben. Oft reicht es, wichtige Elemente nur anzusehen und der Schnitt zur nächsten Szene folgt. Dadurch neigt man dazu, die Umgebung genau zu erkunden und die fehlende Sprachausgabe verstärkt diesen Aspekt noch einmal. Oft sitzt der Charakter und man kann nur seinen Kopf bewegen und mit Dingen interagieren, oder sie anschauen. Keine Dialoge lenken ab und man saugt die Bilder förmlich auf. In diesem Sinne haben im Spiel Bar-Touren mit dem Partner nicht nur einen melancholischen Beigeschmack, sondern sie verführen dazu, den Partner und die Umgebung genau zu beobachten. 

 

Hervorragender Sound

 

{Beschreibung der Grafik}

Die Vertonung ist ein Highlight

Zu Beginn ist die Stille höchst ungewohnt, aber sie wird immer wieder durch den überragenden Soundtrack verdrängt. Die Prager Philharmoniker zeigen zusammen mit dem Komponisten Lyndon Holland ihr volles Können und tragen so immens zur ohnehin dichten Atmosphäre bei. Schlussendlich fehlen nach kurzer Eingewöhnung die Dialoge eigentlich nicht und das Spiel entwickelt sich in eine ungewohnte, aber durchaus spannende Richtung. 'Virginia' zeigt, dass Musik, Schnitt und die farbgewaltige Spielwelt ordentlich Dramatik generieren können. Ruhige Momente mit leiser Musik wechseln sich mit spannenden Szenen ab, die erst durch die Musik abgerundet werden. Bei eingeschalteten Untertiteln zeigt sich die bewusste Richtung der Musik – optimistische über traurige bis zu entschlossene Musik kann man hier hören und erleben. 



Streng linear

 

{Beschreibung der Grafik}

Geradlinig, aber wirklich gut

Bei 'Virginia' ist klar festzuhalten, dass das Spiel für einen Durchlauf konzipiert wurde. Man kann es vielleicht noch ein- bis zweimal spielen, um letzte Details zu finden. Schlussendlich ist es aber ein völlig lineares Adventure ohne Entscheidungen, Rätsel oder verschiedenen Herangehensweisen. Einzig und allein ein paar wenige sammelbare Objekte verstecken sich in der Spielwelt, doch die sind nur für Achievement-Jäger interessant. Durch den fairen Preis für zwei unterhaltsame Spielstunden kann dieser interaktive Film aber überzeugen. Das Spiel hat deswegen natürlich auch keine Rätsel. Dafür ist die Geschichte jedoch so wendungsreich und durch die Traumszenen verschwimmt die Realität immer wieder. Man denkt eher nach, was jetzt wirklich passiert ist und versucht so die Handlung zu ordnen.


Galerien

Fazit:

Wertung: 85%

Ein herbstlicher Fernsehabend mit 'Virginia' ist wahrscheinlich die perfekte Kombination. Ich denke, dass kaum ein Spiel den Titel eines interaktiven Films mit 3D-Grafik so verdient hat wie 'Virginia'. Die schnellen Schnitte, ein gutes Tempo der Geschichte und eine wirklich interessante Charakterentwicklung überzeugen vollends. Schlussendlich wird das Spiel aber nicht jedem Geschmack zusagen. Die filmtypischen Schnitte sind vor allem zu Beginn gewöhnungsbedürftig. Ebenso sorgen die fehlenden Dialoge womöglich für Stirnrunzeln. Schnell wurde mir jedoch klar, dass genau diese Eigenheiten das Spielerlebnis intensiver machen. Also weg vom Telltale-Prinzip, hin zu Entscheidungen, die der Hauptcharakter trifft und bei denen wir nur bei der Ausführung unterstützen. Wem "Walking Simulatoren" mit dichter Geschichte und kaum Interaktivität zusagen, der wird ein wahres Spielefest erleben. ‘Virginia‘ ist zudem ein Titel, der nachträglich zum Nachdenken anstößt. Während des Abspanns hatte ich zumindest das Bedürfnis, die bisherigen Ereignisse zu ordnen, um sie klarer zu verstehen. 'Virginia' könnte man mit anspruchsvollen Kino für Cineasten vergleichen. Ein toller digitaler Stoff.

geschrieben am 26.09.16, Peter Färberböck

Systemanforderungen Weitere Links
OS: Windows 7 and higher, 32-bit or 64 bit
Processor: AMD Phenom II X4 940 or Inyrl Pentium G4400
Memory: 2 GB RAMv Graphics: Radeon R7 250 or GeForce GTX 650, 1GB VRAM
DirectX: Version 11
Storage: 5 GB available space
Bei Gamesrocket kaufen (DOWNLOAD)
Offizielle Webseite der Entwickler


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Dieses Review gehört zu  Virginia.




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