Klassiker-Tests: Gabriel Knight - Sins of the Fathers:

Gabriel Knight I – Sins of the Fathers


Im Jahre 1993 schickte sich die junge Autorin und Designerin Jane Jensen – unter der Fahne von Sierra - mit ihrem vielfach ausgezeichneten Erstlingswerk 'Gabriel Knight' an, die Grundmauern des Adventuregenres zu erschüttern. Ihr meisterhaft erzähltes Debüt richtete sich nicht nur an ein deutlich älteres Publikum als die Adventure Konsorten der Zeit, sondern setzte für Horror und Mystery-Adventures Maßstäbe, an die nie wieder ein Titel ernsthaft heranreichen konnte (bis auf ihre eigenen Spiele). Bis heute hat die unglaubliche Intensität, Atmosphäre, Story und der daraus resultierende Tiefgang nichts an Wirkung verloren. Warum dem so ist und weshalb Jane Jensen mit diesem Spiel den Grundstein für ihr Dasein als Adventure Legende legte, erfahrt ihr in unserem Klassikertest. Herzlich Willkommen in der Adventurecorner Hall of Fame, Gabriel Knight!

 

Der Beginn eines immens wichtigen Stücks Adventure-Geschichte.

New Orleans, Louisiana. Frauenheld Gabriel Knight betreibt einen Bücherladen, der unter akuter Besucherarmut leidet. Bis auf seine daraus resultierende leere Brieftasche stört Gabriel dies allerdings wenig. Seine Gedanken drehen sich um zwei andere Dinge: Nacht für Nacht wird Gabriel von furchtbaren Albträumen geplagt, die schon seinen Großvater und seinen früh verstorbenen Vater Phillip Knight peinigten. (Im Laufe des Spieles soll Gabriel noch erfahren, wie real die Hintergründe seiner Albträume sind). Zum Anderen widmet sich Gabriel ausgiebig seiner Arbeit als Schriftsteller (der dummerweise noch nie etwas veröffentlicht hat). Zur selben Zeit wird New Orleans von einer Reihe von grausamen Morden erschüttert, die allesamt einen Voodoo-Hintergrund zu haben scheinen. Somit entschließt sich Gabriel dazu, die Voodoo Morde zum Thema seines Buches zu machen.

Noch ein Opfer! Gabriel und Mosely inspizieren den Tatort.

Praktischerweise leitet sein alter Schulfreund Detective Mosely die Ermittlungen und versorgt ihn auch fleißig mit Informationen aus erster Hand. Und das obwohl er sich ständig die Sticheleien seines alten Freundes gefallen lassen muss. Nicht anders ergeht es da Gabriels einziger Angestellten im Bücherladen, Grace Nakimura, die sich jedoch noch als sehr wichtige Unterstützung herausstellen wird. Gabriel beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und desto näher er dem Voodoo Zirkel auf die Fährte kommt, desto lebensbedrohlicher wird die Situation für ihn und die Personen die ihm nahe stehen. Welche Rolle spielt dabei die Geheimnis umwobene, wohlbürgerliche Malia Gedde, mit der Gabriel eine fatale Affäre beginnt? Und warum versucht ihn ein Unbekannter aus Deutschland namens Wolfgang Ritter zu kontaktieren, der behauptet ein Verwandter zu sein und Informationen über die Voodoo Morde zu haben? Im Laufe von 'Sins of the Fathers' wird Gabriel nicht nur mehr über die schwere Bürde seiner Familie herausfinden, sondern auch sein eigenes Schicksal finden.

Drei Drachen, Drei Drachen kriechen in meinem Schlaf

Der Albtraum ist real geworden

Wenige Spiele verdienen wirklich einen eigenen Abschnitt zum Thema Atmosphäre. Da bezweifelt werden darf, dass irgendein anderes Spiel jemals eine so intensive Atmosphäre zu bieten hatte, wie die ersten beiden 'Gabriel Knight'-Titel muss darauf eingegangen werden, welchen Atmosphäre-Overkill 'Sins of the Fathers' abliefert. Wie bei einem außergewöhnlichen Buch lässt Jane Jensen den Spieler völlig in der melancholischen Welt ihrer Protagonisten versinken. Eine schaurig bedrückende Atmosphäre legt sich dem Spieler um den Hals wie ein Strick, der immer enger zugeknöpft wird. Die Mischung aus unter die Haut gehender Musik, einer unglaublich kraftvollen Story, so wie dem neogothischen Grafikstil sorgt für eine Gänsehaut der Extraklasse.
Ob es ein winterlich verschneites Schloß in Bayern, oder das düstere New Orleans ist- der Einfluss der Stimmungen auf den Verstand des Spielers wird psychologisch ganz gezielt genutzt.
Und trotz der ernsten Thematik kommt auch der Humor nicht zu kurz. Gabriels beißende Dialoge mit Mosely und Grace, so wie nicht wenige seiner Kommentare sorgen dafür, dass auch mal verschmitzt gegrinst werden darf.

Das Schattenjäger-Ritual auf Schloss Ritter.

Auch mit schon damals nicht mehr ganz zeitgemäßer Grafik, schafft es die Stimmung des Spiels echte Charaktere zu schaffen, deren Schicksal einem nahe geht und die im Laufe des Spiels eine Weiterentwicklung durchmachen.
Für freudige Gemüter mag 'Sins of the Fathers' zu düster und deprimierend wirken. Alle anderen dürfen sich auf ein ganz besonderes Spielerlebnis gefasst machen (falls sie zu den Adventurefans gehören, die dieses Meisterwerk noch nicht gespielt haben). Anders als viele Spiele der Neuzeit geht 'Gabriel Knight' unter die Haut und nicht spurlos an einem vorbei. Ein Anspruch, der für ein Computerspiel mehr als bemerkenswert ist.

Grafisch veraltet und dennoch optisch beeindruckend

Das Anwesen der Gedde-Familie.

Natürlich kann die für damalige Verhältnisse Sierra typische Pixelgrafik heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Dennoch brennen sich die düsteren Bilder ins Hirn ein. Wirft man heute vielen Spielen oft sterile Grafik vor, so schafft es die Grafik von 'Sins of the Fathers' genau diesen Umstand zu vermeiden und den Rahmen für eine ernsthafte, glaubwürdige Geschichte zu liefern. Unglaublich viel Liebe zum Detail steckt in den handgemalten Grafiken, die trotz niedriger Auflösung auch heute noch faszinieren können. Zwischen den Tagen gibt es kurze, teils gerenderte, teils gemalte Cutscenes zu bewundern, die sich in der Regel um Gabriels Albträume drehen. Gelegentlich erzählt das Spiel besonders dramatische Storyvorgänge in comicbuchähnlichen Sequenzen, die zum Teil nicht an Blut und Eingeweiden sparen. Grade diese Sequenzen sind sehr gelungen und lassen das Blut des Spielers pulsieren.

Robert Holmes oder der beste Komponist für Spiele-Soundtracks

Blood of the Sacred? Blood of the Damned? Man weiß es nicht.

In allen drei Teilen liefert Jane Jensens Ehemann Robert Holmes einen Soundtrack ab, der seines gleichen sucht und vor dem sich sogar viele Soundtüftler Hollywoods vor Ehrfurcht verneigen müssten.
Im ersten Teil waren Holmes Möglichkeiten aufgrund der damaligen Technik noch stark eingeschränkt. Midi hieß das Zauberwort der damaligen Zeit, aber was Holmes aus dieser Technik herausholt, kann man wohl nur als magisch bezeichnen. Holmes schafft es dem Spieler eiskalte Schauer über den Rücken zu jagen und gleichzeitig ihm tief unter die Haut zu gehen. Der 'Sins of the Fathers'-Soundtrack ist sehr vielseitig und nicht minder aufwendig. Die Musik passt sich fabelhaft den jeweiligen Orten und ihrer Stimmungen an- Die perfekte Symbiose aus Inhalt, Optik und Audio. Holmes hat sehr großen Anteil an der einmaligen Atmosphäre der Serie und ganz besonders die verschiedenen- in allen Teilen verwendeten- Mainthemes sind nicht zu toppen. Ein ganz besonderes Lob verlangt auch die hoch professionelle Sprachausgabe (Es gibt auch eine Diskettenversion ohne Sprachausgabe). Glücklicherweise gab es nie eine komplett eingedeutschte Version, die Stimmen sind auf Englisch, aber alles ist in Deutsch untertitelt.
Die Sprecher kommen aus Hollywood und das hört man dem Spiel an. Dr. Frank n´ Furter aus der Rocky Horror Picture Show, alias Tim Curry, spricht mit unnachahmlich düsterer Stimme die Rolle des Titelhelden. Grace Nakimura wird von King of Queens-Darstellerin Leah Remini gesprochen, während Detective Mosely von Mark "Luke Skywalker" Hamil gesprochen wird.

Die Blutsfeindschaft nähert sich dem Höhepunkt

Die Kommentare zu den Dingen, die wir anklicken, werden von einer älteren Frau mit charismatischem Südstaatenakzent gesprochen, die einen großartigen Job macht. Zusätzlich zu ihren Kommentaren, gibt aber auch Gabriel oft seine Meinung zu den Dingen zum Besten.Der Aufwand, den Sierra für die Sprachausgabe betrieben hat, ist gigantisch. Mal zum Vergleich: Der aktuelle Titel 'Die Kunst des Mordens' bietet wohl weit weniger als ein Zwanzigstel an gesprochenem Wort (und das ist wahrscheinlich noch maßlos untertrieben). Allein die Anzahl der anklickbaren Items im Spiel - zu denen es ohne Ausnahme Sprachausgabe gibt - ist immens.

Mehr als fordernd: Das Gameplay

Gabriel und Malia kommen sich näher.

'Gabriel Knight' verwendet das für damalige Zeit typische Sierra-Interface.Mit der rechten Maustaste klicken wir uns durch acht verschiedene Befehle, die wir Gabriel geben können (alternativ auch in einer Art Pop Up am oberen Bildschirmrand aufrufbar). Die wichtigsten davon: Gehe zu, öffne, siehe an benutze, rede mit. Mit der linken Maustaste klicken wir dann einen Punkt auf dem Bildschirm an und führen die Aktion aus. Einen Hotspot-Cursor gibt es nicht. Zu fast allen Dingen die wir sehen, können wir per Sprachausgabe etwas erfahren und pro Screen sind es sehr große Mengen. Dies macht es dem Spieler nicht leicht zu wissen, was er denn nun benutzen kann, oder womit er wirklich interagieren kann.
Dies führt hin und wieder auch dazu, dass man einen benötigten Gegenstand übersieht und den Bildschirm gelegentlich auf Verdacht hoch und runter klickt.
Ein Teil der Rätsel ist Inventar bezogen, in anderen Rätseln müssen wir öfters um mehrere Ecken denken. Ein Beispiel: Wir wollen mit einer Dame der hohen Gesellschaft sprechen, werden aber leider nicht eingelassen. Eine Polizeimarke könnte da Abhilfe verschaffen. Glücklicherweise besitzt unser Freund Mosely eine, nur wird er sie uns freiwillig nicht überlassen.
Also manipulieren wir das Thermostat vor seinem Büro und stellen es auf die Höchststufe. In Moselys Büro zieht dieser dann schnell sein Jackett - indem sich der Ausweis befindet-aus. Nun bitten wir ihn, seinem alten Freund einen Kaffee zu holen und nutzen seine Abwesenheit dazu, seinen Ausweis zu stibitzen. Dies ist noch eine der harmlosen Rätseleinlagen, die allesamt klassischer Natur sind.

Glücklichweise weiß Mosely nicht, dass wir die Reise nach Afrika mit seiner Kreditkarte gezahlt haben.

Der Schwierigkeitsgrad ist generell sehr hoch angesetzt. Jeder der das Rätsel um die Voodoo Nachricht auf dem Friedhof kennt, wird wissen was ich meine. Für Adventure Einsteiger dürfte eine Komplettlösung mit Sicherheit des Öfteren eine notwendige Hilfe sein. Aber auch für fortgeschrittene Spieler ist 'Sins of the Fathers' kein Spiel, welches man im Vorbeigehen löst, sondern stets eine wirkliche Herausforderung. Im Übrigen ist Teil 1 der mit Abstand schwerste Teil der Reihe (und alle Teile sind nicht grade auf Einsteigerniveau). Das Spiel zieht einen aber so in den Bann, dass man sich mehr als gerne darauf einlässt, denn wer einmal in der Welt 'Gabriel Knights' versunken ist, wird sich aus dieser nicht mehr lösen wollen, bis er den Abspann gesehen hat und man weiß, was es mit Gabriels Schicksal, den Voodoo Morden und den Schattenjägern auf sich hat.
Bis es aber soweit ist, bietet das Spiel Unterhaltung für etliche Stunden, so dass man sich sehr lange mit Gabriels erstem Fall beschäftigen wird. Das Kunststück dabei ist es, dass das Spiel trotz der langen Spieldauer keine Hänger hat, sondern die Spannung kontinuierlich steigert und sie schon vorm Finale in besonders dramatischen Szenen explodieren lässt.

Nennt die große Schlange,die alles zu zerquetschen vermag.

Desto tiefer wir in ein Meer aus Düsternis eintauchen, desto Nerven zerreißender wird die Spannung.
Wer sich mit Voodoosekten, Pythons und lebenden Toten- in afrikanischen Grabhügeln- anlegt, sollte auch damit rechnen, dass man ein ums andere Mal sein Leben verlieren kann. Anders als die Fortsetzung, ermöglicht es uns 'Sins of the Fathers' nicht, die jeweilige Situation neu zu starten. Daher mein Tipp: Spätestens ab Kapitel Sechs (Von insgesamt Zehn) regelmäßig speichern! Im Vergleich zu anderen Sierra-Titeln halten sich die Todes-Möglichkeiten hier allerdings immer noch sehr im Rahmen und es kann nur in lebensgefährlichen Szenen gestorben werden, in denen es dramaturgisch Sinn macht. Auch die Sackgassen, die viele Kollegen von Jensen seinerzeit in Serie produziert haben, wird man hier vergeblich suchen.

Funktionalität auf modernen Rechnern

Glücklicherweise muss man sich mittlerweile keine Sorgen mehr darum machen, 'Gabriel Knight' auf aktuellen Systemen zum Laufen zu bringen.
Ihr benötigt lediglich zwei Dinge: Das Programm Dosbox und einen speziellen Installer.

Verfügbarkeit

Das Spiel wurde damals in recht hoher Auflage produziert und ist seit Release in mehreren Budgetversionen rereleased worden. Bei Ebay kommt ihr problemlos an das Spiel, ohne sonderlich viel Geld dafür ausgeben zu müssen.
Sehr zu empfehlen ist auch ein Bundle namens 'Gabriel Knight Mysterys', bestehend aus 'Gabriel Knight - Sins of the Fathers', dem fantastischen Nachfolger 'Gabriel Knight II – The Beast within' so wie dem Soundtrack von Robert Holmes.


Galerien

Fazit:

Wertung: 5 / 5

Ich erwähnte es bereits zu Beginn: Bis heute hat 'Sins of the Fathers' nichts an Intensität oder Wirkung verloren. Jane Jensen zeigt sich als Ausnahmetalent und erzählt ihre erwachsene Geschichte auf unnachahmlich, fesselnde, epische Art und Weise. Ein Englischsprachiges Printmagazin schrieb damals "The first time we have actually experienced fear from watching a computer game." :"Das erste Mal, dass wir bei einem Computerspiel Angst Empfunden haben." Und genauso ging es mir damals auch, als ich es im tiefsten, düstersten Winter das erste Mal gespielt habe. Ich erinnere mich dara,n wie ich in jungen Jahren den `Herrn der Ringe´ gelesen habe oder Bram Stokers 'Dracula' - wie sie mich in ihren Bann gezogen haben und mich im Buch versinken ließen. 'Gabriel Knight - Sins of the Fathers' besitzt eine Qualität, die exakt das selbe erreicht. Seit vielen Jahren, besuche ich mit Gabriel immer wieder mal die Straßen von New Orleans, Schloß Ritter oder die Grabhügel in Afrika und ich bin nicht minder gefesselt wie damals.
Erstaunlich ist, dass Jane Jensen dieses Erlebnis mit Pixel-Grafik schafft, ein weiterer Beleg für ihre Qualität und die Doppelbödigkeit ihrer Story.
Dieses Spiel ist von völlig zeitloser Qualität und jeder, der auch nur im entferntesten etwas mit (ernsten) Adventures anfangen kann, sollte dieses Spiel gespielt haben.
Wie heißt es so schön? Man soll keine Dinge versprechen, die man nicht halten kann. Und deswegen kann ich euch mit lupenreinem Gewissen ein herausragendes Adventure versprechen, das noch heute ein Sinnbild dessen darstellt, wozu dieses Medium als erwachsene Plattform für Storytelling wirklich in der Lage wäre.

geschrieben am 12.02.08, Ingmar Böke

Systemanforderungen Weitere Links
DOS 5.0
CPU
4 MB Ram
VGA-Grafikkarte
Soundkarte
Bei GOG kaufen (kompatibel mit neuen PCs, Mac und Linux)


Spiel kaufen

Bei Amazon kaufen
Bei GoG kaufen
Ähnliche Spiele

Dieser Klassiker-Test gehört zu  Gabriel Knight.




+1 Gefällt mir
Kommentare 0

Als Gast kommentieren

Benutzername
Zeichenkombination eingeben: cd26e0


Anmelden

Name
Passwort

[ Registrieren | Passwort vergessen? ]
 







PCGamesDatabase.de Tayrint-Lets Play Adventures-Kompakt Adventuresunlimited.de Tentakelvilla.de All-Inkl Serverhosting

Der Adventure Corner Award
 Newsfeeds!  Twitter!  Become a fan!  del.icio.us