Reviews: 4PM:

4PM


Alkoholismus ist keines jener Themen, die gerne eingehend in Spielen thematisiert wird. Bojan Brbora macht in seinem Drama '4PM' (PC, Mac) eine Ausnahme und zeigt mit Caroline Wells eine davon selbst betroffene Protagonistin, deren Leben völlig aus den Fugen zu geraten droht. Schließlich macht sie eine Bekanntschaft, die alles in Frage stellt. Wie uns '4PM' gefallen hat, verraten wir Euch wie immer im Test.


Der Morgen danach...

4PM

Raus aus den Federn!

Zu Beginn der Geschichte begleitet uns ein mulmiges Gefühl, während wir kurz nach dem Erwachen durch das Apartment torkeln. Die Kamera bewegt sich gar so, als hätten wir die letzte Nacht feucht-fröhlich durchgemacht, was es für Caroline Wells wohl so ziemlich auf den Punkt bringt. Die Gefühlslage schwappt nach und nach auf den Spieler über und sorgt für geteiltes Leid. Die Erkundung der Wohnung lässt in den nächsten Sekunden einiges über die Protagonistin erfahren: Leere Alkohol-Flaschen in der Küche, einer von vielen vergeblichen Anrufen der Mutter auf dem Anrufbeantworter, eine Einladung zu einem Treffen der anonymen Alkoholiker. Es hat wohl einen Grund, warum sie ihren Kummer im Suff ertränken und alles und jeden vergessen möchte. Spätestens gegen Ende wird dieser deutlich. Bis dahin bleiben uns nur Vermutungen.


Ein (interaktiver) Kurzfilm

An dieser Stelle möge man mir verzeihen, wenn ich nicht noch mehr zur Geschichte erzähle. '4PM' ist ein ungemein kurzes Spiel und dauert 30 Minuten. Je weniger ich vorweg nehme, desto besser für all jene, die das Indie-Drama selbst erleben wollen.

4PM
Die Schauplätze sind stimmungsvoll

Handwerklich erinnert das Gezeigte sehr an den narrativen Aufbau eines Kurzfilms. Die Kapitel wirken wie kurze Momentaufnahmen und zeigen immer nur das Notwendigste. Ein paar Hinweise fallen einem unter Umständen überhaupt erst beim zweiten Durchspielen auf. Das Herzstück ist die etwas längere letzte Konversation, auf die alles vorherige expositorisch aufbaut. Zuvor erfahren wir, wie Carolines Alltag aussieht und welchen Grund ihr momentanes Verhalten möglicherweise haben könnte. Allerdings drängt sich bald die Frage auf, ob so ein komplexes Thema der ideale Stoff für eine Kurzgeschichte ist. Über die Antwort lässt sich vermutlich streiten.

Ich für meinen Teil hätte mir noch mehr Eindrücke aus dem Leben der Protagonistin gewünscht. Die Geschichte hätte ruhig bedeutend länger sein können und langsamer erzählt. Gerne würde ich die Hauptfigur öfter dabei ertappen, wie sie die Wahrheit verleugnet und jeden Tag gar so beginnt, als gäbe es kein Gestern. Vielleicht wäre mir das Finale dann weniger überladen erschienen und hätte mich richtig bewegt. Obgleich die inhaltliche Umsetzung einigen Raum für Diskussionen lässt, so ist die zugrunde liegende Idee gut. Einen interessanten Zugang verfolgt in mancher Hinsicht auch die spielerische Ebene.


Kontextabhängiges Gameplay

4PM

Wer will schon im Büro arbeiten, wenn man auch das tun könnte?

Quantic Dreams ('Heavy Rain'. 'Beyond: Two Souls') Chef David Cage schwört auf kontextabhängige Gameplay-Mechaniken, bei denen interaktive Herausforderungen sich primär an den Erfordernissen der Story orientieren und wo es kein repetitives Set an Handlungsalternativen gibt. Im Kern verfolgt das Indie-Drama '4PM' denselben Zugang, wenngleich auf einem schwächeren Niveau und ohne neue Antworten für das Genre parat zu halten. So können wir im Büro eine Runde Computerspielen, oder auch tatsächlich ein paar belanglose Zeilen schreiben. Wenn es darum geht, die Arbeit zwecks alkohöllischer Berieselung still und heimlich zu verlassen, ist eine (harmlose) Stealth-Einlage gefragt, wo wir uns am mürrischen Chef vorbei schleichen sollen. Am Ende sind kleine Entscheidungen zu treffen, die zu unterschiedlichen Ausgängen führen. Wirklich satt wird man davon jedoch nicht. Es hätte ruhig mehr von all dem sein können und im Detail ausgereifter.

Die 3D-Umgebung darf in den meisten Fällen frei erkundet werden, wobei man jedoch schnell alles gesehen hat. Interaktionsmöglichkeiten sind visuell eindeutig als solche markiert und schon von weit weg sichtbar, was einem allerdings ein wenig das Gefühl vermittelt, als würde einen das Spiel ständig an der Hand halten. Andererseits hat die Geschichte viel Tempo, weshalb wohl nicht für jeden die nötige Zeit bleibt, um sich eigenständig zu orientieren, wodurch derartige Hilfestellungen vielleicht nachvollziehbar scheinen. Eine ideale Lösung ist es dennoch nicht. Es wäre sinnvoll gewesen, diese Anzeige deaktivieren zu können. Markiert sind des weiteren besonders wichtige Laufwege, wenngleich diese nicht zwangsläufig immer einzuhalten sind. In einem Club kann man statt dessen auch auf Erkundungstour gehen und sich dadurch eine Herausforderung auf Zeit ersparen, sofern man einen bestimmten Ort erreicht.


Eindrucksvolle Abschlussarbeit, jedoch...

4PM

Die Charaktere erinnern zuweilen an Schaufensterpuppen

Als Abschlussarbeit für die Ausbildung im Game Design ist '4PM' eindrucksvoll gelungen: Die 3D-Schauplätze sind atmosphärisch visualisiert und die englische Sprachausgabe ist passabel, wenn auch nicht ohne Schwankungen. Ja, sogar deutsche Untertitel sind bei Bedarf vorhanden. Abstriche gibt es hingegen bei den steif wirkenden Charakteren, doch selbst die sind akzeptabel. Einen guten Job macht ansonsten noch die variantenreiche musikalische Untermalung, die sich prima an die jeweilige Situation anpasst, ohne sich unnötig in den Mittelpunkt zu drängen. Bei der schlichten Steuerung sei jedoch einschränkend erwähnt, dass dieses Indie-Game kein Gamepad unterstützt und nur via Maus und Tastatur zu bedienen ist, was etwas schade ist. Abgesehen davon ist die Handhabung zuweilen eventuell etwas widerspenstig.

4PM

Ob die Wahrheit ans Licht kommt?

Als kommerzielles Produkt wird '4PM' - trotz interessanter Ansätze - wohl oder übel die Geister scheiden: Aufgrund des geringen Budgets und des kleinen Teams (der Mammut-Anteil fällt in die Kategorie One-Man-Show), geht es nicht ohne einige auffällige Einschränkungen. So stehen lediglich sieben mitunter nur sehr kleine Schauplätze zur Auswahl und einer davon ist optional. Die wenigen vorhandenen Interaktionsmöglichkeiten beschränken sich auf das Notwendigste und die Herausforderungen sind simpel gestrickt. Noch bevor man sich in die tragische Welt der Protagonistin halbwegs hinein gelebt hat, ist das interaktive Drama vorüber. Ohne diese Kürze wäre '4PM' allerdings kaum in absehbarer Zeit fertig geworden, weshalb man das Bojan Brbora schwer vorhalten kann. Für die Bewertung ist es dennoch ein relevanter Faktor, zumal die Geschichte aus meine Sicht deutlich darunter leidet. Ob das Preis-Leistungs-Verhältnis unterm Strich passt, muss aber jeder für sich entscheiden.


Galerien

Fazit:

Wertung: 60%

Aus spielerischer Sicht geht '4PM' im Ansatz in die richtige Richtung und ist in Sachen Grafik und Sound zufriedenstellend. Jedoch ist das Thema für meinen Geschmack zu überhastet abgehandelt. Es bleibt wenig Zeit, um sich in die komplexe Situation ausreichend hineinzudenken, sich in dieser tragischen Realität zu orientieren. Freiräume bei der Erkundung sind die Ausnahme und echte Entscheidungen sind kaum zu treffen. Der letzte Dialog, zugleich als Herzstück des Dramas, vermittelt einerseits eine gewisse Intensität und wird manche überraschen. Angesichts der ungemein kurzen Spieldauer fand ich ihn allerdings zu überladen, um ohne Wenn und Aber mit dieser gewagten Auflösung mitzugehen. Die zugrunde liegende Idee ist zweifellos eine spannende und '4PM' hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Rundum überzeugend ist die Umsetzung im Detail leider nicht.

geschrieben am 09.07.14, Matthias Glanznig

Systemanforderungen Weitere Links
PC: Windows 7; 2 Ghz Prozessor; 4 GB RAM; DirectX 9 taugliche Grafikkarte mit 512MB Ram; 4 GB freier Speicher auf der Festplatte Bei Steam kaufen
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Kommentare 1
Gespielt
17.07.2014, 22:33

Sehr guter Artikel, der den Punkt genau trifft. Wenn einem die 4 Euro nicht zu schade sind, dann kann ich das Spiel durchaus empfehlen. Man darf sich nur nicht über die kurze Spieldauer ärgern, dann macht es richtig Spaß.


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