Storyteller-Reviews: Vampyr:

Vampyr


Vor wenigen Jahren hatte DONTNOD erstmals im Spielesektor auf sich aufmerksam gemacht. Damit ist nicht 'Life is Strange' gemeint, sondern das recht kostspielige Action-Adventure 'Remember Me'. Trotz guter Ansätze war es nicht von Erfolg gekrönt und so dauerte es ein Weilchen, ehe das französische Studio sich mit dem düsteren Action-Rollenspiel 'Vampyr' in verwandtes Terrain wagen durfte – diesmal übrigens dank Publisher Focus Interactive. Wie gut dieses Unterfangen gelungen ist, sehen wir uns im Review der Storyteller-Rubrik an, die sich mit narrativen Spielen abseits des Adventure-Genres beschäftigt.



Nach dem ersten Weltkrieg wird die Stadt London von der Spanischen Grippe geplagt, die täglich neue Opfer fordert. Die Krankenhäuser sind dem längst nicht mehr gewachsen und die Hoffnung schmilzt allmählich dahin. Insbesondere der ärmere Teil der Bevölkerung ist zumeist sich selbst überlassen. Manche halten sich mit kriminellen Aktivitäten irgendwie über Wasser. Die einst schillernde Hauptstadt ist insbesondere in der Nacht kein sicheres Pflaster mehr.

Die Geschichte von Dr. Jonathan E. Reid beginnt in einem stinkenden Massengrab für Opfer der Plage. An diesem fürchterlichen Ort erwacht er eines Nachts kreidebleich, orientierungslos und in einer zerrissenen Kleidung. Bald darauf macht sich ein kaum zu bändigender Durst nach Blut bemerkbar, der prompt ein erstes Opfer fordert. Eine eindringliche Stimme tönt immer wieder in seinem Kopf und wirft Fragen auf. Irgendjemand hat aus ihm einen Vampir gemacht, nur wer und warum? Das beschäftigt ihn in den folgenden Stunden. Obendrein ist gar nicht einmal so sicher, dass wir es tatsächlich mit einer herkömmlichen Epidemie zu tun haben.


Ein Arzt als Vampir

Im Zuge seiner Ermittlungen erhält der blutsaugende Doktor schließlich die Möglichkeit, im Pembroke Krankenhaus zu arbeiten, wo selten der wohlhabendere Teil der Bevölkerung landet. Der zuständige Direktor kennt sich mit Vampiren aus und verspricht sich viel von dieser Anstellung: Reid war zu Lebzeiten nicht nur ein sehr angesehener Chirurg, sondern auch ein Blutspezialist und soll diese Aufgabe für wissenschaftliche Nachforschungen nutzen. Vielleicht gibt es ein Heilmittel - für die Epidemie, womöglich sogar für seinen eigenen Vampirzustand.

Vampyr

Mit seinem neuen Leben als Vampir ist der Protagonist gar nicht glücklich

Die berufliche Betätigung dient als ideale Ausrede dafür, warum man den Arzt immer nur nachts zu Gesicht bekommt. Und selbstverständlich kann sie als Vorwand dienen, um potenzielle Opfer zum Durststillen zu finden. In den Gesprächen lässt sich dabei nicht nur der gesundheitliche Zustand herausfinden, sondern ob jemand Familie hat oder etwa eine Gefahr darstellt. Selektives oder gar willkürliches Töten ist somit eine Option, bringt aber Konsequenzen mit sich – es destabilisiert nämlich betroffene Regionen, in denen es zusehends von Vampirjägern wimmelt.

Das Third-Person-Rollenspiel 'Vampyr' stellt dem Spieler grundsätzlich frei, wie er seine Rolle als Vampir und Arzt interpretieren möchte. Er kann sich auch nur von Ratten ernähren und die einfachen Bürger verschonen. Als Arzt sollte man am Arbeitstisch allerdings immer wieder einige Medikamente herstellen, die man dann unterwegs und im Krankenhaus an Bedürftige verteilt. Wer vor Morden zurückschreckt, bekommt jedoch weniger Erfahrungspunkte, was dann beim Kämpfen und Hochleveln problematisch werden kann. Darüber sprechen wir im nächsten Abschnitt.


Altbackenes Gamedesign im Action-Bereich

'Vampyr' erweist sich als Action-Rollenspiel zwischen zwei Fronten, das bemüht ist, Fans von 'Life is Strange' und 'Remember Me' irgendwie unter einem Dach zu vereinen. Über den Erfolg lässt sich streiten. Wem es primär auf narrative Aspekte ankommt, der wird durch monotone Kämpfe aus dem Flow gerissen. Wem es auf Action ankommt, den wird u.a. das altbackene und eher eintönige Leveldesign stören, denn das ist spätestens seit 'The Witcher 3' nicht mehr zeitgemäß.

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Im Krankenhaus gibt es viel zu tun

Wie in vielen Rollenspielen sammelt der Protagonist im Zuge von Quests und Kämpfen Erfahrungspunkte, mit denen wir Fähigkeiten verbessern und neue Talente freischalten können. Zum Hochleveln brauchen wir einen geeigneten Schlafplatz und lassen im Gegenzug einen Tag verstreichen. Währenddessen werden kranke Bewohner noch kränker, weshalb man sich wohl überlegen sollte, wann der Doktor eine Ruhepause verdient hat. Zuletzt nutzen wir vielerorts auffindbare Arbeitstische, um Medikamente herzustellen oder Waffen (u.a. diverse Schlagwaffen und Schusswaffen) zu verbessern - das geht immerhin ohne Schlafpause.

Der Weg durch destabilisierte Stadtteile ist üblicherweise von Vampirjägern zugepflastert, die einen zuerst warnen und dann schnell zu roher Gewalt übergehen. Dazwischen lauern vereinzelt diverse niedere Vampirarten, die einem ebenso an die Gurgel wollen (werden diese von einem Vampirjäger erspäht, kämpft dieser auch dagegen an). Durch Schleichen umgehen kann man diese Konfrontationen oft nicht, es besteht dafür die Möglichkeit, an den Gegnern vorbeizulaufen, die einem zwar auf den Fersen bleiben, aber bald aufgeben. Allerdings gibt es auch da immer wieder abgesperrte Bereiche, die man erst verlassen darf, wenn die Feinde dort besiegt wurden. In Kämpfe wird man bei 'Vampyr' also recht oft verstrickt.


Adaptiver Schwierigkeitsgrad

Teilweise ist schwer vorab abschätzbar, ob man einem Konflikt gewachsen ist oder nicht. Rollenspiele wie 'The Witcher 3' kommunizieren den Schwierigkeitsgrad einzelner Quests üblicherweise im Quest-Protokoll. Bei DONTNODs Rollenspiel offenbart sich das mitunter erst mitten im Kampf. Selbst wenn man meint, die Situation vorher abschätzen zu können (beim Betrachten von Widersachern ist deren Stufe ersichtlich), tauchen mitunter weitere Gegner auf, was die Situation deutlich erschweren kann. Manchmal wird dem Protagonisten zudem aufgelauert.

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Kämpfe sind gerade in den ersten Stunden oft nicht vermeidbar

Auffällig ist, dass der Schwierigkeitsgrad einfach beginnt und dann zügig hinaufschnellt. Bei häufigem Ableben passt er sich allmählich nach unten an, was nicht so erquickend ist, da zwar regelmäßig automatisch gespeichert wird, aber man mitunter kleinere Gegner erneut besiegen muss. Wer im Kampf sämtliche Munition und Spritzen (z.B. zur Regeneration von Lebensenergie) verbraucht und dann stirbt, hat beim neuerlichen Versuch keine Munition und Spritzen mehr. Der Weg zum nächsten Arbeitstisch ist oft weit, weshalb neuerliches Herstellen solcher Hilfsmittel selten zur Debatte steht.

Ein traditioneller Schwierigkeitsgrad wäre sinnvoller gewesen – sowohl für Spieler, die Herausforderung wünschen, als auch für jene, denen es bei einem Rollenspiel primär um die Geschichte geht. Aktuell empfiehlt es sich für ein besseres Spielvergnügen, vom Start weg möglichst keinem Kampf aus dem Weg zu gehen und keine Erfahrungspunkte herzuschenken. Auf lange Sicht verringert das den Frustfaktor, gleichzeitig wird die Angelegenheit dadurch umso repetitiver. Andernfalls hat man - gerade bei einer friedfertigen Spielweise - unter Umständen Gegner vor sich, die vier, fünf Stufen über der Hauptfigur sind. Da die Nebenquests etwas unübersichtlich in der Spielwelt verteilt sind, tut man sich womöglich schwer das später aufzuholen.


Narrativ und investigativ spannende Kost

Während die Action-Kost rasch ihren Reiz verliert, demonstriert DONTNOD im narrativen und investigativen Bereich einmal mehr ihre Stärken: Bestünde 'Vampyr' nicht zur Hälfte aus Kämpfen, es hätte ein starkes investigatives Third-Person-Adventure sein können. Die Mystery-Geschichte ist spannend und bei den meisten Charakteren gibt es diverse interessante Hinweise entdecken, um dann neue Fragen im weit verzweigten Dialog freizuschalten. Falsche Dialogentscheidungen kann man übrigens nicht rückgängig machen. Das kann beispielsweise dazu führen, dass ein Überredungsversuch scheitert, oder etwas verborgen bleibt.

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Im In-Game-Menü können wir auch Hinweise zu den Bewohnern eines Stadtteils abrufen

Es macht Spaß, jemanden im richtigen Moment zu belauschen und ein dunkles Geheimnis herauszufinden. Oder einen Brief zu entdecken, der andere Details offenbart. Derartige und andere Dinge führen nicht selten zu schwierigen Entscheidungen: Was tun mit einem guten Arzt, der am Operationstisch einen fatalen Behandlungsfehler gemacht hat? Insbesondere wenn man bedenkt, wie dünn die Personaldecke im Krankenhaus ist. Wie geht man mit jemandem um, der Kapital aus der Not seiner Mitmenschen schlägt? An moralischen Entscheidungen mangelt es keineswegs. Die Charaktere sind für gewöhnlich greifbar und selbst ihre fragwürdigen Taten irgendwo nachvollziehbar.

Neben umfangreichen Gesprächen und der Suche nach Hinweisen ist Dr. Reid in der Lage, seinen Vampirsinn einzusetzen. Dieser erlaubt es ihm, Leute zu belauschen und Blutspuren zu folgen. In etwa vergleichbar ist das mit dem Hexersinn von Geralt in 'The Witcher 3'. Zuletzt warten - selten aber doch - simpel gestrickte Rätsel, beispielsweise wenn es darum geht, den Wasserstand zu beeinflussen und eine Tür in der Kanalisation zu öffnen. Davon hätte es ruhig mehr geben können.


Es mangelt an Sehenswürdigkeiten

In 'Vampyr' erleben wir London kurz nach dem ersten Weltkrieg. Auf den ersten Blick mag das vielversprechend klingen. Jedoch sorgt die Spanische Grippe nicht unbedingt für ein idyllisches Ambiente und als waschechter Vampir bleiben uns stets nur die finsteren Nächte, in denen die meisten Bezirke menschenleer und trostlos sind (mit Ausnahme von grantigen Vampirjägern und ein paar seltsamen Kreaturen... doch mit denen ist nicht gut Kirschen essen).

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Die Umgebung hat ihren Charme, nutzt sich aber auf Dauer ab

Angesichts genannter Umstände ist diese Situation nachvollziehbar, sie lädt dennoch nicht zum Herumspazieren ein. Im Ansatz vergleichbar ist diese Situation mit 'Dragon Age 2', wo aus Zeit- und Budgetgründen zahlreiche Schauplätze immer und immer wieder recycled wurden und man ständig ähnliche Abschnitte durchqueren musste. Ganz so schlimm ist es zwar nicht, aber der visuelle Abwechslungsreichtum ist auf Dauer sehr beschränkt. Stirbt man bei 'Vampyr' im Gefecht, kann es vorkommen, dass man die Kämpfe davor nochmal erdulden muss. Auch das motiviert nicht dazu, sich eifrig in jedes Gefecht zu stürzen. Schade, denn eigentlich hätte das Setting viel Potenzial gehabt.


Handwerklich solide Umsetzung

Hinsichtlich 3D-Grafik, Vertonung und Steuerung gibt es ungeachtet dessen wenig auszusetzen. Natürlich erreicht 'Vampyr' visuell nicht ganz das Niveau von echten AAA-Rollenspielen. Dafür hätte das Budget sicherlich deutlich höher sein müssen. Die Gesichter sind nicht so detailliert gezeichnet, die Umgebung könnte manchmal abwechslungsreicher sein und die Animationen wirken zumindest auf der Konsole nicht immer flüssig. Obendrein ist die Spielwelt überschaubar, für um die 25 Stunden Spielzeit reicht es dennoch.

Was die englische Vertonung des Third-Person-Rollenspiels anbelangt, so ist diese sehr professionell gelungen und deutsche Untertitel sind bei Bedarf verfügbar (eine deutsche Sprachausgabe fehlt hingegen). Überzeugend ist abgesehen davon der stimmungsvolle Soundtrack, der für die passende Untermalung sorgt, ohne sich übertrieben in den Vordergrund zu drängen. Die Steuerung bei den Action-Einlagen ist manchmal etwas behäbig, sie erfüllt über weite Strecken dennoch ihren Zweck. Nur unter Zeitdruck ärgert man sich hin und wieder, zumal kleine Fehler sich drastisch rächen können.


Galerien

Fazit:

Wertung: 72%

DONTNOD versucht sich diesmal an einem Mix aus Rollenspiel, Action und Adventure, tut sich jedoch schwer mit diesem Unterfangen. Bei 'Vampyr' wird einigen Spielern früh jede Lust am Kämpfen vergehen, wodurch das Wandern von A nach B zur zähen, repetitiven Angelegenheit verkommt. Ungemein schade, denn die investigativen Elemente können ordentlich bei Laune halten, die Entscheidungen regen immer wieder zum Nachdenken an und die ziemlich spannende Vampirgeschichte motiviert zum Weiterspielen. Mit besser umgesetzter Action-Kost hätte 'Vampyr' ein richtig starkes Rollenspiel sein können, doch so bleibt der Gesamteindruck am Ende etwas durchwachsen.

geschrieben am 05.06.18, Matthias Glanznig

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Dieser Storyteller-Test gehört zu  Vampyr.




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