Storyteller-Reviews: Red Dead Redemption 2:

Red Dead Redemption 2


Wir schreiben das Jahr 1899, in einer alternativen Version der USA. In dieser Western-Welt gibt es - trotz kreativer Freiheiten - zahlreiche Parallelen zur realen Geschichte. Darauf aufbauend erzählt 'Red Dead Redemption 2' die Vorgeschichte zum ersten Teil der populären AAA-Western-Reihe von Rockstar Games. Im Gegensatz zum Vorgänger steht jedoch nicht John Marston im Mittelpunkt, sondern dessen Banditen-Kumpel Arthur Morgan. Streng genommen ist es sogar von Vorteil ohne Vorwissen ins Abenteuer zu starten, da sonst womöglich ein paar Überraschungen wegfallen. Wie gut das Action-Adventure gelungen ist, sehen wir uns im Test unserer Storyteller-Rubrik genauer an.

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Willkommen im Wilden Westen

Arthur und John sind Teil einer berüchtigten Gang, die von Dutch van der Linde angeführt wird. Dieser sieht sich nicht als herkömmlicher Krimineller, sondern als Rebell gegen die korrupte Politik und eine selbstsüchtig gewordene Gesellschaft. Ein Mann der Wert auf gewisse Moralvorstellungen legt und einem guten philosophischen Buch keineswegs abgeneigt ist. Die Schwachen sollen zum Beispiel nicht zu Schaden kommen, nein, ihnen soll sogar geholfen werden. Solche und andere Werte versucht er seinen Gefolgsleuten zu vermitteln. Insbesondere gilt das für den loyalen Arthur, für den er vor vielen Jahren zur Vaterfigur geworden ist.

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Überfälle gehören zum täglichen Banditenbrot

Seit einem denkbar schlecht gelaufenen Überfall sind er und seine Leute auf der Flucht. Rund um die Stadt Blackwater wurde ein Kopfgeld ausgesetzt: Tod oder lebendig. Abgesehen von einer mächtigen nationalen Sicherheitsbehörde ist ihnen auch eine rivalisierende Bande auf den Fersen, die O'Driscolls. Es geht ums Überleben und das ist Grund genug, um schleunigst in einem anderen Teil des Landes unterzutauchen, wo sie niemand kennt. Dummerweise mussten sie auf der Flucht sämtliches erbeutetes Geld in Blackwater zurücklassen, was die Lage nicht leichter macht. Fortan versuchen sie sich mit Raubüberfällen, Einbrüchen und dergleichen über Wasser zu halten.

Doch die Vergangenheit holt sie immer und immer wieder ein, was auch die Ideale von Dutch auf die Probe stellt - und Arthurs Loyalität. Das Zeitalter der Banditen neigt sich nämlich dem Ende zu und die Gesellschaft befindet sich im Wandel.


Tolle Spielwelt, aber keine überragende Hauptgeschichte

Die Hauptgeschichte zeigt gute Ansätze, sie leidet jedoch darunter, dass die meisten Hauptmissionen von vornherein eigentlich nur blutig enden können, wodurch es oft nicht leicht fällt, sich in Arthurs inneren Konflikt hineinzuversetzen. Im einen Moment zweifelt unser Protagonist alles an und zeigt Reue. Wenig später wird wieder einer offensichtlichen Schnapsidee hinterher gejagt, die für gewöhnlich einige Opfer fordert. Zwischendurch gibt unser Antiheld philosophische Kommentare von sich, die von einer gewissen Intelligenz zeugen. Im nächsten Atemzug drängt sich die Frage auf, ob er als Kind womöglich ein paar Mal zu oft mit dem Kopf auf den Boden gefallen ist.

 

Natürlich sind viele fragwürdige Entscheidungen durch die komplexe Vater-Sohn-Beziehung zu erklären, doch die wird etwas überstrapaziert. Zwar versucht das Action-Abenteuer das Gefühl vermitteln, dass die wichtigen Entscheidungen vom Spieler selbst kommen, aber im Endeffekt steckt wenig hinter diesem Vorsatz. Das führt uns zum nächsten wichtigen Punkt, die Entscheidungsfreiheit.


Entscheidungsfreiheit?

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In der Spielwelt tut sich einiges

Auf dem Weg stolpern wir immer über zufällig generierte Ereignisse: Eine Frau wird entführt, eine Kutsche von Ganoven überfallen, ein Mann wurde von einer Schlange gebissen, jemand fordert uns zu einem Pferderennen wir landen in einem Hinterhalt, oder jemand will sich prügeln. Nicht immer ist Gewalt erforderlich. Manchmal können wir einem Bettler Geld spenden, oder ein kurzes Gespräch führen. Oder wir finden einen Verrückten, der lieber in Ruhe gelassen werden will. Bei ehrenhaftem Verhalten gewinnt unser Protagonist an Ansehen und manchmal wartet sogar eine Belohnung.

Abgesehen davon gibt es viele cinematisch verpackte, unterhaltsame Nebenquests, die ebenfalls optional sind. Zum Beispiel wenn es darum geht, einem Wissenschaftler bei der Präsentation seiner neuesten Erfindung zu helfen. Oder wir helfen einem Schriftsteller bei einem Buch über einen Revolverhelden. Rätsel sollte man sich bei diesem Spiel allerdings nicht erhoffen, die Zielgruppe ist eindeutig im Action-Genre zuhause. Meist läuft es auf Spurensuche (ähnlich wie bei 'The Witcher 3'), Erkundung, Schlägereien, oder Schießereien hinaus, gepaart mit kleinen Schleicheinlagen.

Keine der optionalen Aktivitäten wirkt sich auf die Hauptgeschichte aus, die stets gleich verläuft, egal wie nett oder böse wir als Arthur sein wollen. Und ob wir zwischendurch mal jemanden retten, spielt nach unzähligen unvermeidbaren Morden, Überfällen und dergleichen, gewissermaßen keine wesentliche Rolle mehr. Vereinzelt nimmt eine Nebenfigur in einem Satz Bezug auf irgendein optionales Ereignis oder den neuen Haarschnitt, doch das ist das höchste der Gefühle. In den Schlüsselmomenten wären mehr Entscheidungsmöglichkeiten schön gewesen, sowie echtes Story-Branching.


Ballern und Reiten

Zu Beginn einer Hauptquests wird typischerweise ein paar Minuten lang geritten. Oft passiert das in Gesellschaft, wodurch mehr über die Gefährten in Erfahrung gebracht wird. Abseits der Hauptquests kann man sich die Reise mit dem Zug oder der Kutsche erleichtern (gegen Geld), später gibt es vom Stützpunkt aus eine Schnellreisemöglichkeit zu den wichtigen Orten. Trotzdem bleibt einem das Reiten nicht erspart, da nur ein paar Orte auf diese Weise direkt zu erreichen sind und die Spielwelt riesig ist.

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Dank optionaler automatischer Zielhilfe fällz das Schießen nicht schwer - selbst bei Gegnerhorden

Während einer Hauptquest (oft sind diese 20 bis 30 Minuten lang) wird üblicherweise nicht gespeichert. Wer mittendrin abbricht und später fortsetzen möchte, kann das also nicht tun. Dafür gibt es Checkpoints, für den Fall, dass Arthur plötzlich stirbt oder das Ziel verfehlt wird (bzw. sobald jemand stirbt, der nicht sterben soll). Der Schwierigkeitsgrad bewegt sich im durchschnittlichen Bereich. Bei häufigem Scheitern ist so manche Aufgabe sogar überspringbar. Auf klassische Schwierigkeitsgrade wurde verzichtet, doch gerade die automatische Zielhilfe erleichtert den Schusswechsel enorm. Sie kann bei Bedarf deaktiviert werden, was die Angelegenheit deutlich schwerer macht.

Abseits von zahlreichen Baller-Einlagen (wo Deckung enorm wichtig ist und wir uns oft gegen Gegner-Horden zur Wehr setzen) ist darauf zu achten, dass Arthur stets genug zum Essen bekommt und genug Schlaf bekommt. Sonst sinken seine Werte und er wird verwundbarer, oder hat Probleme beim Zielen. Ähnliches gilt für das Pferd des Banditen, dem ohne Nahrung irgendwann die Puste ausgeht. Selbst ein heißes Bad zwischendurch ist möglich, hat aber kaum spürbare Konsequenzen, egal wie verdreckt Arthur gerade ist. Für Glücksspiel-Fans stehen Poker-, Blackjack- und Domino-Tische zur Auswahl. Diese sind allesamt ein super Zeitvertreib und sogar realistischer umgesetzt, als die meisten Simulationen dieser Art.

Jedem Spieler steht frei, sich nur auf die Hauptgeschichte zu fokussieren, oder vorwiegend die feinen Details drumherum zu erforschen. Die Spielzeit bewegt sich dadurch im Bereich zwischen 60 und 150+ Stunden, abhängig von der Spielweise. Wer noch länger in dieser Western-Welt verweilen möchte, dem steht ein Multiplayer-Modus zur Verfügung, wo wir es mit anderen Spielern zu tun bekommen.


Optisch eine Referenz

Das Western-Setting ist visuell überragend aufbereitet und lässt wenig Grund zur Kritik zu. Insbesondere die fiktive Stadt Saint Denis ist ein Hingucker. Die Straßen sind voller Leute und Kutschen, die Straßenbahn dreht im Hintergrund ihre Runden, ein Zug verlässt gerade den Bahnhof... kaum ein Spiel hat eine Stadt ähnlich lebhaft umgesetzt. Die mit Tieren gespickte Natur sieht ähnlich toll aus. Jede Tiergattung verhält sich hier anders, selbst Arthurs Pferd: Droht Gefahr, wird es z.B. schnell unruhig. Schlägt er jemanden in der Nähe des Tiers bewusstlos, dann kann es passieren, dass es vor uns davonläuft und wir es erst beruhigen müssen. Nebenbei gibt es natürlich Tag-Nacht-Zyklen und das Wetter variiert, wie man es bei Open-World-Titeln heutzutage erwarten darf. Übrigens steht es dem Spieler frei, ob er lieber in First-Person oder Third-Person spielen möchte.

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Saint Denis ist die größte Stadt im Spiel und ein echter Hingucker

Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie viel aus der normalen PS4-Konsole herausgekitzelt wurde (eine PS4 Pro oder Xbox One X ist vermutlich kein Nachteil). Lediglich die Gesichter lassen oft an Mimik vermissen, was aber durch die sehr realistischen Animationen kompensiert wird. Freilich muss man sich beim Start des Spiels auf längere Ladezeiten gefasst machen (zwei bis drei Minuten). Danach kommt 'Red Dead Redemption 2'beim Ritt durch die Prärie fast ohne Unterbrechungen aus.

Ähnlich hervorragend ist die englische Sprachausgabe gelungen, die das Western-Feeling prima transportiert. Der Südstaatenakzent von Arthur Morgan ist für manche Spieler wahrscheinlich gewöhnungsbedürftig und nicht immer leicht zu verstehen. Wer auf eine Übersetzung hofft, muss sich mit deutschen Untertiteln begnügen. Bei Rockstar Games ist das nicht unüblich. Wer sich mit Englisch generell schwer tut, für den kann das ein grober Nachteil sein, zumal immer wieder einiges passiert. Weniger stark im Gedächtnis bleibt zuletzt der Soundtrack, der über weite Strecken unauffällig im Hintergrund tönt. In zwei, drei Schlüsselmomenten überrascht das Spiel immerhin aber durch sehr starke Songs. Davon hätte es ruhig mehr geben können.


Verbesserungswürdige Steuerung

In die Kategorie „Gewöhnungsbedürftig“ fällt die Steuerung, die angesichts vieler Aktionsmöglichkeiten oft überladen wirkt. Hin und wieder zickt die automatische Zielhilfe, oder man muss sich gut zehnmal im Kreis drehen, um endlich die passende Position zu finden, um mit einer Kiste zu interagieren, die eigentlich direkt vor der Spielfigur steht (was bei einem nächtlichen Einbruch, wo zwei Meter daneben das Opfer schläft, recht sonderbar wirken kann...).

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Zwischendurch darf Arthur sich ein Bad gönnen, Pokern und vieles mehr.

Obendrein werden die großen Waffen abseits der Hauptquest immer automatisch auf dem Pferd verstaut und müssen später manuell wieder ausgewählt werden. Blöderweise sammeln sich im Zuge der Geschichte viele Waffen im Inventar an, sodass man sich erst durch einige Exemplare klicken muss, bis man endlich zur bevorzugten Auswahl gelangt. Und bei Überfällen hat 'Red Dead Redemption 2' immer eine besondere Gabe genau die Waffe automatisch zu aktivieren, die man gerade nicht haben möchte (und der Waffenwechsel im Schussgefecht dauert zu lange...), wie zum Beispiel einen Revolver ohne Munition.

Zum Problem kann auch werden, dass Essen und Waffe ziehen mit der selben Taste passieren. Wer also beim Essen im Saloon zu oft auf R2 drückt, zieht womöglich seine Pistole und mit Pech wird ein Kopfgeld auf seinen Kopf ausgesetzt.


Galerien

Fazit:

Wertung: 87%

'Red Dead Redemption 2' trifft den Zahn der Zeit sehr gut, dennoch ist es kein Action-Adventure das uneingeschränkt zu empfehlen ist. Die Steuerung ist in einigen Situationen ungenau und überladen, das Speichersystem ist gerade anfangs mühsam, und mit der extrem ambivalenten Hauptfigur kann man sich nur schwer identifizieren. In der einen Minute werden Selbstzweifel und Reue laut und im nächsten Moment stürzt sich Arthur fröhlich in die nächste dumme Aktion. Auf Dauer ist das sehr anstrengend.

Das Prequel erfordert einiges an Geduld und v.a. die Bereitschaft, weite Laufwege in Kauf zu nehmen. Das Pferd macht in diesem Fall wirklich Sinn. Eines sei an dieser Stelle festgehalten: ein Rollenspiel sollte man sich nicht erhoffen! Für die Hauptgeschichte ist es herzlich egal, wie wir uns bei den Missionen verhalten und die Charakterentwicklung der Spielfigur ist klar vorgegeben. Uns bleibt nur die Wahl, wann welche Hauptquest gestartet wird und wie wir unsere Freizeit als Revolverheld im wilden Westen verbringen wollen. 'Red Dead Redemption 2' ist somit eher wie ein Spielfilm, in dem man sich frei bewegen darf und der mehr oder weniger ausführlich erlebt wird.

In den unzähligen Nebendetails lag für mich letztlich der wahre Reiz des Spiels, denn das Erkunden der riesigen Spielwelt bereitet mächtig Spaß. Ich bin sehr gerne herumspaziert, habe die Saloons zwecks Poker unsicher gemacht, mich als Kopfgeldjäger versucht, oder bin mal wieder in eine der vielen recht abwechslungsreichen Nebenmissionen gestolpert. Das entschädigt für so manch andere Enttäuschung. Narrativ und spielerisch gesehen wäre definitiv noch mehr möglich gewesen. Wer Lust aufs Western-Setting hat, oder den ersten Teil mochte, der hat ungeachtet einiger Kritikpunkte durchaus gute Chancen, hier voll auf seine Kosten zu kommen. Es ist allerdings von Vorteil, wenn man kein Problem damit hat, einen Bösewicht zu spielen, den trotz seiner guten Seiten fällt Arthur Morgan eindeutig in diese Kategorie.

geschrieben am 17.01.19, Matthias Glanznig

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