Reviews: The Vanishing of Ethan Carter:

The Vanishing of Ethan Carter


Noch vor wenigen Monaten hat Adrian Chmielarz von The Astronauts mit einem Blog-Eintrag aufhorchen lassen, in dem er die sieben Todsünden der Adventure-Spiele anprangert und seine Argumentation mit Beispielen belegt (eine Übersetzung dazu findet Ihr hier bei uns). Diese kritische Sichtweise hat uns neugierig darauf gemacht, wie denn die polnische Spieleschmiede selbst an das Genre herangeht. Gelegenheit, sich ein Bild zu machen, bietet das kürzlich erschienene Indie-Mystery-Abenteuer 'The Vanishing of Ethan Carter', bei dem es um den Fall eines vermissten Jungen geht. Was wir davon halten, verraten wir Euch im ausführlichen Test.


Ethan Carter

 


Auf der Suche nach Ethan Carter

Paul Prospero schreitet entlang der verwahrlosten Gleise, die Augen offen auf der Suche nach Hinweisen. Das Verschwinden des Jungen Ethan Carter hat ihn hierher geführt. Red Creek Valley scheint zunächst wie ein perfekter Ort für eine gemütliche Wanderung. Nicht nur die getrübten Farben raten jedoch zur Vorsicht und die herrschende Stille ist trügerisch...

 

Einst fuhren Züge durch diesen Ort und die Bewohner trafen sich am Sonntag in der Kirche. Heute wohnt dort keine Menschenseele mehr... zumindest keine noch lebende. Wie kam es dazu? Anfangs bleiben uns nur Spekulationen. Schon die erste Leiche ist jedoch ein klares Indiz dafür, dass mit diesem Dorf so manches nicht stimmt. Je mehr der Ermittler in Erfahrung bringt, desto klarer manifestiert sich, dass hier eine dunkle, übernatürliche Macht die Fäden zieht. Aber genau deshalb wurde Detektiv Paul Prospero gerufen, denn paranormale Fälle sind sein täglich Brot.


Metaphern und Symbole

Ethan Carter

Einer von vielen Fällen, die es auf dem Weg zu lösen gibt...

Viel weiter möchte ich die Geschichte nicht ausbreiten, es würde zu viel vorweg nehmen. 'The Vanishing of Ethan Carter' zählt obendrein zu jener Sorte Indie-Adventures, die ausgiebig mit Metaphern und Symbolik spielen. Hexen, Geister, Krähen, Astronauten... fast alles was wir in den folgenden Stunden erleben lädt zur Interpretation ein. Auch einige der mitunter kryptischen Kommentare von Paul Prospero begreift man womöglich erst bei einem zweiten Durchlauf.

Nicht alles lässt sich eindeutig festnageln und manche Augenblicke werden die Spieler wahrscheinlich sehr unterschiedlich wahrnehmen. Einerseits trägt das viel zu einem persönlichen Spielerlebnis bei, andererseits hängt dadurch mehr als sonst davon ab, wie gründlich wir uns auf die Spielwelt einlassen. Zwar bringt die finale Auflösung vielleicht nicht ganz jene Komplexität mit, die man sich angesichts der vorangegangenen Erzählteile erhoffen würde, berührt hat mich das Ende dieser sehr interessanten Mystery-Geschichte aber allemal.


Schicker Walking-Simulator oder doch mehr?

Ethan Carter

Wenn alle Hinweise gefunden sind, ist die Erinnerung komplett. Hier fehlt etwas...

Angesichts aktueller Indie-Hits wie 'Dear Esther', drängt sich nun die Frage auf, wie es um das Verhältnis von explorativen und interaktiven Elementen steht: Ist 'The Vanishing of Ethan Carter' primär als narrativer Spaziergang zu verstehen oder ist es doch mehr? Obgleich die Umgebung dazu verführt, lange herum zu wandern, so gelangt man dadurch alleine – im Unterschied zu 'Dear Esther' - nicht ans Ende der investigativen Reise. Dieser Mystery-Krimi ist zugleich ein interessanter Beweis dafür, dass auch ein explorativer Genre-Zugang sehr interaktiv sein kann und Rätsel nicht zwangsläufig ausklammert.

Oft geht es spielerisch gesehen darum aufmerksam mitzudenken und zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu suchen. Je nachdem, welche Hinweise wir finden, wird unser Augenmerk auf ein neues Detail gerichtet, das in der Nähe versteckt ist und vorher oft nicht sichtbar war (dieses Detail sowie einen Teil der Umgebung bekommen wir visuell veranschaulicht, wodurch die Suche selten lange dauert). Ein klassisches Inventar fehlt, doch vereinzelt sind gefundene Objekte mit der Umgebung zu kombinieren. Die Rätsel hängen meist damit zusammen, einen Tathergang oder vergleichbares in die richtige Reihenfolge zu bringen und einen Schauplatz zu rekonstruieren.

Ethan Carter

Ereignisse rund um einen Fall, bringen wir in die logisch passende Reihenfolge.

Einige Adventure-Fans werden aufstöhnen, zumal nicht bloß rätselhafte Exploration auf dem Programm steht: In einem kleinen Minen-Labyrinth wartet eine Slenderman-artige Kreatur. Nicht nur kann sie übel erschrecken, nein, sie ist tödlich und sorgt für den wohl gruseligsten Abschnitt im Spiel. Ein Ableben hat jedoch überschaubare Konsequenzen, da wir lediglich zum Anfang des Labyrinths zurückversetzt werden und beliebig oft unser Glück erneut versuchen können. Noch dazu tragen solche und andere Momente sehr viel zu einem recht abwechslungsreichen Spielerlebnis bei.

Anfangs braucht es womöglich Zeit, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie dieses Mystery-Abenteuer tickt, welche Logik dahinter steckt. Dieser Aspekt macht wohl einiges vom Reiz aus, wird jedoch - wie so manches im Spiel - nicht alle Geschmäcker erfreuen. The Astronauts sind bestrebt, dem Spieler nicht alles vorzukauen. Zumeist klappt dieses Vorhaben gut, etwaige Probleme können jedoch daraus resultieren, dass man in manchen Situationen anders agieren muss, als in den sonst gewohnten Spielen. Um den Einstieg zu erleichtern, ist insbesondere der erste Fall in 'The Vanishing of Ethan Carter' besonders simpel gestrickt. Dadurch soll auf spielerischem Wege vermittelt werden, worauf es später ankommen wird. Vor allem zu Beginn macht es somit einigen Sinn, halbwegs chronologisch vorzugehen, auch wenn das Spiel eher leicht ist. Sobald die tiefe Erzählstimme des Protagonisten ertönt, darf man jedenfalls schwer davon ausgehen, dass irgendwo in der Nähe etwas zu tun ist...


Technisch topp...

Ethan Carter

Gefundene Objekte können wir uns näher ansehen und sie benutzen

Zumindest was die stimmungsvolle 3-D-Grafik anbelangt, kann man 'The Vanishing of Ethan Carter' jedenfalls getrost als Genre-Referenz bezeichnen. Lediglich die Personen wurden vergleichsweise nicht ganz so toll visualisiert. Oft gibt das First-Person-Adventure einem aber einen sehr guten Grund, um einfach kurz stehen zu bleiben und die wundervolle Aussicht zu genießen. Allzu groß ist das Spiel freilich nicht und selbst bei aufmerksamer Spielweise ist es in vier Stunden durchspielbar. Angesichts der kleinen Teamgröße ist es dennoch erstaunlich, was hier auf die Beine gestellt wurde.

Untermalt wird die atmosphärische Grafik (übrigens inklusive Support für 3-D und demnächst auch Oculus Rift) zudem von tollen akustischen Effekten, einem perfekten orchestralen Soundtrack sowie einer erstklassigen englischen Sprachausgabe (mit deutschen Untertiteln). Es ist jedoch kein dialoglastiges Spiel. Die Soundeffekte werden übrigens geschickt dazu genutzt, um die Aufmerksamkeit bei der Exploration zu lenken oder dezent zu signalisieren, dass eine eben gesetzte Aktion korrekt war. Die Präsentation lässt somit kaum Wünsche offen. Aufgrund der hohen technischen Qualität bringt 'The Vanishing of Ethan Carter' auf höchster Detailstufe mitunter auch sehr gute Computer ans Limit. Die Systemvoraussetzungen sind so gesehen besonders aufmerksam zu beachten.


... mit undurchdachtem Speichersystem

Ethan Carter

An stimmungsvollen Impressionen mangelt es jedenfalls nicht!

Leider gibt es einen wesentlichen Grund zum Meckern: das Speichersystem. Die polnischen Entwickler verzichten auf eine manuelle Speicherfunktion und das bringt Nachteile mit sich. Der Fortschritt im Spiel wird primär nach erfolgreicher Absolvierung eines Falls - automatisch - gesichert. Wer zu Beginn gerne lange durch die Natur spaziert und nach einer halben Stunde kurzfristig das Spiel beenden muss, sieht sich beim nächsten Start nicht selten an den Anfang zurückversetzt. Bei manchen Rätseln wäre es zudem praktisch gewesen, zwischendurch eine Pause einlegen zu können, um sich offline in Ruhe Gedanken dazu zu machen. Wer jedoch mittendrin aufhört, verliert den Fortschritt im jeweiligen Fall und sah sich ursprünglich mit ordentlichen Laufwegen konfrontiert.

Die aktuellen Updates konnten diesen Kritikpunkt abschwächen. So gibt es inzwischen einige automatische Speicherpunkte mehr, dank derer man sich so manche - aber nicht alle - Laufwege spart und mittels Reise-Funktion sind bereits entdeckte Orte jederzeit direkt betretbar. Die einzelnen Fälle werden jedoch weiterhin nur nach ihrem erfolgreichen Abschluss gespeichert. Ideal ist diese Lösung immer noch nicht, angesichts der kurzen Spielzeit ist diese Problematik aber vermutlich eher noch zu verzeihen.

 

UPDATE (September 2015): Am 11. September 2015 soll ein weiteres Update für den PC erscheinen, welches das Speichersystem wahrscheinlich verbessern wird. Zugleich wird es dadurch zusätzliche Features geben, die überwiegend bereits von der kürzlich erschienenen Playstation 4-Fassung vertraut sein dürften.


Galerien

Fazit:

Wertung: 85%

An der Präsentation von 'The Vanishing of Ethan Carter' gibt es wenig zu rütteln. Grafisch, akustisch und atmosphärisch ist das Spiel klasse gelungen und eine echte Referenz. Auch die explorativ orientierten Rätsel fand ich durchaus interessant und abwechslungsreich, obgleich diese nicht sonderlich komplex sind und ich anfangs gebraucht habe, um mich an die Spielmentalität zu gewöhnen. Ärgerlich war für mich jedoch primär das Speichersystem, da ich gerne mal hier, mal da herumprobiere, oder auch nur die Aussicht genieße. Leider sah mich dadurch oft genötigt, mich von Fall zu Fall vorzuarbeiten, um nicht immer wieder einen Abschnitt erneut durchleben zu müssen. Obwohl es also Grund zum Meckern gibt, hat The Astronauts mit 'The Vanishing of Ethan Carter' ein starkes Indie-Abenteuer in die Welt gesetzt, samt spannender Mystery-Geschichte und erstklassiger Präsentation. Ein narratives Spiel, welches trotz strenger explorativer Ausrichtung immer wieder mit interessanten, interaktiven Elementen aufzuwarten weiß und das ist keineswegs selbstverständlich. In Erinnerung bleibt es auch dank des überzeugenden Einsatzes von Symbolen und Metaphern. Ein empfehlenswertes Spielerlebnis.

geschrieben am 03.10.14, Matthias Glanznig

Systemanforderungen Weitere Links
+++++Minimum PC+++++ Windows XP SP3 oder besser; Prozessor: Intel Core2 Duo oder vergleichbares von AMD; 4 GB RAM; Grafik: DirectX9c taugliche Karte mit 512MB VRAM; DirectX: Version 9.0c; 11 GB auf der Festplatte; Soundkarte: DirectX9c taugliche Soundkarte Offizielle Webseite


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Dieses Review gehört zu  The Vanishing of Ethan Carter.




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