Reviews: Her Story:

Her Story


FMV-Adventures sind mittlerweile eine Seltenheit geworden. Diese interaktiven Filme erreichten in den 90er Jahren ihren Höhepunkt. 'Tex Murphy', 'Phantasmagoria', aber auch 'Akte X' sind nur ein paar Beispiele. Am 24. Juni 2015 ließ Sam Barlow mit seinem Spiel 'Her Story' aufhorchen. Dabei könnte das Spiel kaum simpler sein – sehen sie sich Verhör-Filmchen eines vermeintlichen Mordfalls an. Die ehemalige Turnerin Viva Seifert spielt hier die überzeugende Hauptrolle. Die Interview-Datenbank ist die einzige Schnittstelle für den Spieler und es bleiben somit einige Fragen offen. Dabei schießen einem nicht nur fallrelevante Fragen, wie die Identität des Mörders, durch den Kopf. Man fragt sich zudem, wieviel Spiel in 'Her Story' eigentlich noch steckt?

 
Sehen wir uns das Spiel im Detail an.

 



   
 

 

Das Verhör

Her Story

Geschichten erzählen kann sie schon

Ein Polizeiverhör einer Frau: Kurze Clips von wenigen Sekunden bis fast zwei Minuten erwarten uns. Unser Auftrag: Wir sollen herausfinden, was 1994 mit ihrem Ehemann passiert ist. Seit diesem Jahr wird er vermisst. Interessanterweise hören wir nie die Fragen des Polizisten, nur die Antworten der Frau. Was hat sie mit dem Fall zu tun? Ist sie ein Opfer? Ist sie darin verwickelt? Nach wenigen Minuten fragt man sich, was hier los ist und warum man sich Jahre später diese Videos ansieht. Ebenso fühlt man sich die ersten Minuten leicht überfordert. Dabei ist es so simpel – Suchbegriffe in eine Maske eingeben und maximal fünf neue Videos zur Auswahl haben. Wir hangeln uns also von Verhörfrage zu Verhörfrage, von Suchbegriff zu Suchbegriff. Wir gehen quer durch die imaginäre Datenbank. Dabei werden wir zum Teil mit berührenden Szenen belohnt, aber auch mit schrägen, schon fast witzigen Momenten. Alles dreht sich aber um den Spieler. Die Interpretation der Interviews obliegt dem Spieler. Er allein entscheidet, was die »Wahrheit« ist.

Unser Arbeitsplatz: der Desktop

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Suchergebnisse und favorisierte Videos

'Her Story' wird Retro-Fans aufjubeln lassen. Es ist nicht nur ein heißgeliebtes FMV, sondern bietet auch noch einen Desktop, der schon fast an Windows 3.11 aus dem Jahre 1993 erinnert. Neben kleinen Anleitungen und Minispielen gibt es eigentlich nur ein Hauptfeld, das uns die gesamte Spielzeit (ungefähr vier Stunden) begleitet: Die Suchmaschine. In dieser können sämtliche Wortfetzen, aber auch ganze Phrasen, die wir in den Interviews aufschnappen, eingegeben werden. Anfangs gibt es da noch nicht viel, deswegen wird drauf los geraten. Dies führt relativ schnell zu Ergebnissen, aber wir sehen auch schnell die bewusst gesetzten Grenzen des Systems. Nur fünf Treffer werden angezeigt, aber für Suchbegriffe wie z.B. »Ehemann« gibt es mehr als 60. Wir hangeln uns also langsam der Wahrheit entgegen. Ist man am Ende des Spiels, wird die Anzahl der sichtbaren Treffer zwar erhöht, aber dies dient nur dazu, dass man alle Videos auch wirklich sehen kann.

Nur äußerlich alte Schule

schoko

Vieles ist nicht ganz so wichtig

Das vermeintliche Retro-Erlebnis zeigt aber schnell sein wahres Gesicht. Es geht weniger um traditionelle Elemente, sondern um die Erfahrung des Spielers. Mehrere Spieler werden ziemlich sicher andere Schlussfolgerungen treffen und somit anderen Verdacht schöpfen. Genau hier liegt die Quintessenz. 'Her Story' will zeigen, dass jeder Mensch Dinge anders erlebt. Nur die Verpackung wirkt bewusst »alt«. Der Hintergrundgedanke ist aber eher modern und reiht sich in die typisch explorativen Spiele ein. Es zählt nur, was der Spieler daraus macht. Deswegen ist auch schwer ein Ende bei 'Her Story' zu markieren. Das Ende ist eigentlich alle Videos gesehen zu haben oder sich zumindest eine Meinung zu bilden. 

Ein Spiel?

Chit Chat

Wissen wir schon genug zum Aufhören?

Bei einem Spiel wirft man normalerweise auch ein Auge auf Ton und Bild. Das Bild ist bewusst in schlechter Qualität gehalten, der Ton in guter Qualität. Aber herausragend sind nicht die typisch spielerischen Elemente. Gameplay gibt es eigentlich keines. Wer Google bedienen kann, kann mit Her Story umgehen. Im Vordergrund steht die Frau, gespielt von Viva Seifert, einer ehemaligen Turnerin, die sich hier ziemlich erfolgreich als Schauspielerin versucht. Hier beweist Sam Barlow großartiges Fingerspitzengefühl. Keine teure Aktrice, sondern eine Amateurin, die eigentlich im Leistungssport zu Hause war. Mit Fokus auf die Schauspielerin und der kurzen Abhandlung der Grafik und der Steuerung stellt sich eine Frage unweigerlich: Ist 'Her Story' ein Spiel? Typischerweise wird eher gefragt, ob es denn noch ein Adventure ist. Hier fragt man aber schon deutlich allgemeiner. Die Geschichte von Sam Barlow ist wahrscheinlich eher als Erfahrung einzuordnen. Spieler, die klare Enden und nicht diskutieren wollen, was wirklich passiert ist, sollten hier schnell die Finger davon lassen. Kurz: Es gibt kein eindeutiges Ende! Das Ende ist reine Interpretationssache. Wir übernehmen eigentlich nur den Regie-Posten,: soll heißen wir bestimmen die Reihenfolge der Filmschnipsel. Als Spielfilm für den Preis mit vier Stunden Spielzeit eigentlich ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Trotzdem sei deutlich gewarnt, dass nicht jeder Spieler damit wirklich was anfangen kann. Krimi-Fans können wahrscheinlich bedenkenlos zugreifen. Man sollte sich aber jetzt nicht die überragend ausgereifte Geschichte erwarten. Denn genau das ist es nicht. Es ist eine Geschichte mit vielen offenen Enden.


Galerien

Fazit:

Wertung: 78%

Seit 'Gone Home' sind Indie-Spiele mit bewusst anderer Herangehensweise durchaus salonreif. Sie versuchen bewusst Vieles jenseits aller Konventionen zu ermöglichen. Außerdem kann man die Geschichte in selbst gewähltem Tempo und Ausführlichkeit erleben. 'Her Story' versucht hier anzuschließen, schafft dies aber nicht ganz. Das Publikum ist deutlich schmaler und nur ein Bruchteil der Spieler wird wirklich Spaß an dem »Spiel« haben. Aus meiner Sicht war es ein durchaus empfehlenswertes Erlebnis. Man erfährt aber irgendwie weniger von der wirklichen Geschichte, als über sich selbst. Vor allem festgefahrene Meinungen zu Krimis prägen das Spielerlebnis ganz deutlich. Das wirklich Spannende am Spiel ist die Phase nach dem Spiel. Wer neugierig ist, sollte sich auf reddit oder sonst wo Theorien anderer Spieler durchlesen und reflektieren. Das Fehlen eines wahren Endes macht 'Her Story' eigentlich spannender als ein klares Ende. Hätte es ein solches, wäre es einfach nur ein Spiel der unteren Mittelklasse. So ist es ein Titel, das mehrfach die Augenbrauen heben lässt. Hobby-Detektive, spitzt eure Bleistifte und holt die Notizblöcke heraus! Das Verhör fühlt sich einfach zu echt an, um nicht mit Notizblock davor zu sitzen. Für Spieler, die gern etwas andere Spiele und abseits des Stroms schwimmen wollen, einen Blick wert.

geschrieben am 29.07.15, Peter Färberböck

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