Reviews: Draugen:

Draugen


Ursprünglich kündigte Red Thread Games 'Draugen' als stark narratives, psychologisches Horror-Adventure an. Mit den Jahren wurde Horror immer weiter aus den Beschreibungen gestrichen und mittlerweile ist es ein First Person-Einzelspieler-Fjord-Noir Märchen mit Mystery und Spannung. Es spielt in den 20er Jahren in Norwegen und ist seit 29. Mai 2019 erhältlich (Windows PC, PlayStation 4 und Xbox One). Was wir vom neuen Werk der 'Dreamfall'-Macher halten, erfährt Ihr in den nächsten Absätzen.

 

 

Mit dem Boot nach Graavik

 

Draugen Lissie am Boot
Edward und Lissie im Ford nach Graavik. Was da wohl auf sie wartet?

Die Amerikaner Edward Charles Harden und sein Mündel Alice (kurz Lissie) sind mit dem Boot unterwegs in einem norwegischen Fjord. Was sie hier hin führt? Nun, Edward sucht nach seiner geliebte Schwester, die zuletzt in diesen Fjord nach Graavik reisen wollte. Sie ist Journalistin und war auf der Spur eines tragischen Minenunglücks. Seit Monaten hat er nichts mehr von ihr gehört.

 

Beim Rudern umgibt sie die Idylle der norwegischen Landschaft. Schließlich legen sie am Steg an und stellen mit Staunen fest, dass keine Bewohner in Graavik zu finden sind. Er und Alice machen sich auf den Weg zum Bauernhof der Fretlands. Das ist jene Familie, die Edward vor ihrer Reise kontaktiert hat, um herauszufinden, ob sie etwas von seiner Schwester gehört hatten. Dem war nicht so, doch Anna Fretland lud ihn aus Mitleid zum Bauernhof ein. Es vermischen sich also zwei Mysterien: Die verschwundene Schwester mit den verschwundenen Bewohnern. Was ist in Graavik nur geschehen?

 

 

Mysteriös und kurz

 

Draugen tolle Dialoge
Die Sprecher sind hervorragend besetzt. Das Interface ist dafür nicht ganz intuitiv.

'Draugen' ist kein langes Spiel und dauert nur drei bis vier Stunden. Deshalb wollen wir nicht viel mehr über die Geschichte verraten.

 

Aus Edwards Sicht erleben wir die mysteriösen Ereignisse und dürfen ein wenig mit der Spielumgebung interagieren. Es steuert sich dabei sehr simpel und gewohnt per Controller oder Maus und Tastatur. Einzig die Entscheidung, dass man für das Untersuchen und die Dialoge die Taste oder den Knopf kurz gedrückt halten muss, statt einfach zu betätigen, mag zu Beginn ein wenig komisch sein. Die Dialoge sind zwar nur auf Englisch vertont, aber die deutschen Untertitel sind einwandfrei gelungen. Selbst Redewendungen, Schimpfwörter oder Spitznamen wurden passend übersetzt.

 

Draugen Briefe
Alles relevante wird vorgelesen und übersetzt - norwegisch muss man nicht zwingend können.

Rätsel gibt es im First-Person-Abenteuer übrigens keine. Die Interaktionsbandbreite bewegt sich von Gesprächen, über das Öffnen von Türen, bis zum Erkunden von Objekten. Das Märchen steht im Fokus und das völlig zurecht. Bis zum Schluss weiß die Geschichte zu fesseln und man will stets mehr wissen. Einzig der zentrale Twist war für mich schon früh klar und stellte keine große Überraschung mehr dar. 

 

Neben diesem leichten Kritikpunkt gibt es jedoch ein viel größeres Manko. 'Draugen' reißt viele Fragen an und lässt sie unbeantwortet. Das Ende ist natürlich bewusst offen gewählt, trotzdem fühlt man sich kaum klüger als zu Beginn. Das kann die ansonsten tolle Wirkung des Märchens leider mindern. Umso säuerlicher stößt dann im Abspann auf, dass es von Lissie und Edward in Zukunft noch weitere Abenteuer geben soll. Schade, dass Red Thread Games den Spieler so unbefriedigt entlässt. 

 

 

Bauklötze staunen

 

Draugen was eine Landschaft
Die Landschaft ist eine Augenweise.

Tatsächlich ist neben der Story die 3D-Grafik das Highlight: Die Sonne bricht sich wunderschön in den Wolken oder im Laub der Bäume. Das Wasser sieht toll aus. Selbst die Inneneinrichtung der Häuser ist gut gelungen, denn Graavik ist mit vielen Details gefüllt. Briefe, Fotos oder Gemälde lassen sich allesamt betrachten. Hier zeigen die Norweger, was sie künstlerisch draufhaben. Das 1920er-Jahre-Setting verströmt auch einen gewissen Charme und man fühlt sich von Beginn an heimisch.

 

Die Animationen und manche andere Details zeigen dann jedoch ein wenig die Grenzen auf. Lissie macht vor Edward einmal flüssig einen hübsch anzusehenden Handstand und im nächsten Moment wird deutlich, dass die Lippen sich nicht mehr ganz synchron oder zumindest nicht ganz lebensecht bewegen. In solchen Momenten merkt man dann doch das limitierte Budget des kleinen Spiels. Trotzdem hat uns die Grafik sehr gefallen.

 

Authentizität statt Mythos

 

Draugen Mythologie
Die namensgebende Mythologie spielt nur eine Nebenrolle.

Abgesehen von der namensgebenden Sagengestalt 'Draugen', ein Toter, der die Menschen nachts heimsucht, ist von der norwegischen Mythologie nicht gar so viel im Spiel. Trotzdem überzeugt es und baut eine Spielwelt auf, die durchaus glaubwürdig erscheint. 

 

Es scheint, dass alles, was in Graavik passierte, auch wirklich passieren hätte können. Das sind vielleicht noch die Reste des ursprünglich geplanten Horror-Abenteuers. In den ersten Minuten sieht man kurz Schatten im Fenster, die fast schon Jump-Scare-Qualitäten haben. Im späteren Verlauf kommen solche Elemente gar nicht mehr vor. Das alles dient aber nur der Glaubwürdigkeit. Als nach drei Stunden bei mir der Abspann über den Bildschirm lief, war das jedoch im ersten Augenblick nur ein schwacher Trost. Die offenstehenden Fragen trüben zumindest kurz nach dem Spiel die Erfahrung dann doch deutlich.

 


Galerien

Fazit:

Wertung: 74%

'Draugen' erzählt ein wunderschönes Märchen rund um ein norwegisches Dorfes und eine Mine. Darin hineinverwoben findet man das Mysterium der verschwundenen Schwester. Beide haben Berührungspunkte und führen durch eine Geschichte, die aber nur teilweise aufgelöst wird und etwas abrupt endet. Manches bleibt vollkommen der Fantasie des Spielers überlassen. Gut geschriebene offene Enden regen zum Nachdenken an. Hier stellt sich eher die Überforderung ein, denn wirklich aufgelöst ist fast nichts.

'Draugen' hat mir trotzdem viel Spaß gemacht und hätte ruhig noch ein paar Stunden weitergehen können. Das macht die Ankündigung des Abspanns, dass wir mehr von den beiden Figuren erwarten können, für mich umso ambivalenter. Ja, sie sind interessant! Ja, ich will mehr von ihnen wissen! Aber nein, ich will nicht nach einem Spiel unbefriedigt zurückgelassen werden. Das demoliert das toll aufgebaut Kartenhaus des norwegischen Märchens dann etwas zu viel, um es uneingeschränkt empfehlen zu können.

geschrieben am 13.06.19, Peter Färberböck

Systemanforderungen Weitere Links
Informationen zum Spiel (Red Thread Games)


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