Murder on the Atlantic von Intracorp - Oder: Eines der fesselndsten Adventures überhaupt: Moment, es gibt das Spiel zweimal?

In einer Facebook-Gruppe bin ich vor einigen Wochen über die Box des Spiels 'Murder on the Atlantic' gestolpert. Vielleicht wäre das ein Kandidat für den nächsten Klassikertest? Das Entstehungsjahr 1988 spricht schon einmal dafür. Und auch die Geschichte, in der nicht nur ein Todesfall auf einem Luxuskreuzfahrtschiff aufgeklärt werden soll, klingt zunächst spannend. Da das Spiel auch kein richtiges Ende hat, sondern die ermittelte Lösung per Postkarte in Form eines Gewinnspiels an den Publisher Intracorp gesendet werden muss, machte das Spiel erst recht interessant. Immerhin konnte man Preise im Wert von 500.000 Dollar gewinnen! So machte ich mich an die Ermittlungen - Nichtsahnend, dass 'Murder on the Atlantic' zu einer der größten Herausforderungen für mich als Adventure-Spieler werden sollte. Und das lag nicht an den Rätseln. In diesem Feature könnt Ihr zusammen mit mir eine Mischung aus "Text-Let's Play", Test und echtem IT-Krimi durchleben.

Moment, es gibt das Spiel zweimal?



Bevor ich mit so einem alten Spiel anfange, schaue ich mich immer ein wenig auf Internetseiten wie Mobygames um. Gibt es Besonderheiten? Sind die Beilagen komplett? So auch diesmal. Und da stolperte ich dann über eine zweite Fassung des Spiels. Gleicher Titel, anderes Cover und mit Infogrames auch ein anderer Publisher. Das ist nun erstmal nichts Ungewöhnliches. Viele Spiele wurden immer wieder unter anderer Flagge veröffentlicht. Im Fall von 'Murder on the Atlantic' aber wird der geneigte Spieler beim Start sowie im Handbuch darauf hingewiesen, dass das Spiel "teilweise" von Infogrames lizenziert wurde. Moment, Teilweise? Was soll das denn heißen?

Nun, das Spiel hat eine bewegte Vergangenheit. Ursprünglich entwickelte der Franzose Bertrand Brocard das Spiel bereits 1985 für das Studio Cobra Soft. Infogrames veröffentlichte es dann für verschiedene Systeme in Europa. Darunter war sogar eine deutsche Fassung für den Commodore 64. Die Infogrames-Version hatte umfangreiches Begleitmaterial dabei, unter anderem ein zerrissenes Foto, eine Patronenhülse und ein Streichholz. Sogar Geheimtinte und ein auf den ersten Blick leeres Blatt Papier fanden sich in der Schachtel. Das Computer Adventure Game Museum zeigt in einem virtuellen Showroom alle Beilagen der ersten Version.

Die S.S. Bourgogne in der PC-Fassung von Murder on the Atlantic.
Der Publisher IntraCorp sicherte sich 1988 die Rechte für den amerikanischen Markt. Dafür wurde das Spiel umgebaut: Eine neue Schiffsgrafik hielt Einzug, viele Steuerungsoptionen wurden entfernt. So können wir beispielsweise keine Autopsie mehr durchführen oder gezielt Objekte untersuchen. In der Originalfassung muss man die Personen übrigens erst einmal suchen, denn sie bewegen sich nach einem festgelegten Zeitplan über das Schiff und führen quasi ein Eigenleben. Nach diesem Muster wurden später eine ganze Reihe Adventures geschrieben. Neben der 'Murder'-Reihe (zu der Mörder auf dem Mississippi ausdrücklich nicht gehört) wurde z.B. auch KGB / Conspiracy von dieser Art Rätsel geprägt.

Neben dem eigentlichen Spiel wurde auch das Begleitmaterial abgespeckt und geändert. Auch hier liefert das Computer Adventure Game Museum eine Detailansicht. Geblieben sind das Setting, die Personen und ein Teil der Geschichte. Und ebendiese US-Fassung lag nun also vor mir, komplett und auf einer 5,25"-Diskette. Eine Internetsuche förderte ein Disketten-Image zutage. Das war schnell entpackt und ließ sich mit dem kostenfreien Emulator DosBox ohne irgendwelche Schwierigkeiten starten. Die Ermittlung konnte also beginnen...

Die Packungsbeilagen helfen bei der Aufklärung.


Es sollte ein Urlaub werden



'Murder on the Atlantic' entführt ins Jahr 1938. An Bord des Luxuskreuzfahrtschiffs S.S. Bourgogne soll uns dank 14 Decks und einer großen Crew eigentlich ein toller Urlaub erwarten. Doch plötzlich trübt ein Mord die Stimmung auf dem Schiff. Unsere Regierung (welche genau das ist wird nicht erwähnt) beauftragt uns per Telegram und wir finden uns in einer Ermittlung um Leben und Tod wieder. Über 600 Kabinen und 40 Verdächtige warten auf unsere Untersuchungen. Werden wir den Mord aufklären? Und welche Geheimnisse finden sich noch an Bord?

Als Detektiv befragen wir die anderen Passagiere
Tatsächlich ist dies alles, das man beim ersten Start des Spiels über die Geschichte weiß. Ich selbst bin nun also der Detektiv, der Tür für Tür das Schiff nach Spuren und Verdächtigen untersuchen soll. Die Steuerung ist denkbar einfach: Mit den Pfeiltasten für Links und Rechts wandere ich Schrittweise über die Decks, mit der E-Taste untersuche ich den Raum, vor dem ich stehe. Mit I befrage ich Personen und mit L betrete ich den Lift.

Spannender als die Steuerung sind aber die Packungsbeilagen: Unzählige Zettel, Briefe und Logbuch-Einträge finden sich neben einer Lupe, einem Knopf, einem Faden und einer Büroklammer in der Schachtel. So richtig schlau werde ich daraus Anfangs aber noch nicht. Und dann ist da ja noch die Postkarte, auf der ich meine (hoffentlich) richtigen Lösungen für die 15 Gewinnspielfragen eintragen soll. Aufgrund der überschaubaren Spielgröße plane ich zunächst drei bis vier Stunden Spielspaß ein (wie naiv ich doch war!) und erstelle mir eine 'Excel'-Tabelle, in der ich meine Erkenntnisse festhalte.

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1 Kommentar

jokobo (Gast) vor 3 Wochen
Sehr spannend und außerordentlich gut geschrieben!

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