Klassiker-Tests: Blade Runner:

Blade Runner


Im Jahre 1982 veröffentlichte Ridley Scott – vage auf Phillip K. Dicks Roman „Warum träumen Androiden von elektrischen Schafen“ basierend- mit 'Blade Runner' einen Meilenstein der Filmgeschichte, der bis heute viele Philosophiekurse und Filmhistoriker rund um den Globus beschäftigt. Bei zwei so starken Vorlagen war zu erwarten, dass das 1997 von den Westwood Studios veröffentlichte Adventure 'Blade Runner' einen schweren Stand haben würde, doch fernab der Faustregel, dass Lizenzversoftungen im Normalfall von bescheidener Qualität sind, avancierte 'Blade Runner' zu einem Liebling von Kritik und vielen Spielern. Ursachenforschung betreibt unser folgender Klassikertest.


L.A. im Jahre 2019.

2019, Los Angeles. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts schuf die Tyrell Corporation einen Typus von Androiden, der optisch von einem Menschen nicht auseinander zuhalten war, den Replikanten. Nach Jahren der Forschung haben Tyrell und seine genetischen Designer mittlerweile das Modell Nexus 6 geschaffen. Dieser Typus ist nicht nur stärker als der Mensch, sondern auch mit höherer Intelligenz ausgestattet. Zudem hat das Modell Nexus 6 die Fähigkeit entwickelt, Gefühle und Schmerz zu empfinden. Allerdings verfügen sie über eine begrenzte Lebensdauer von vier Jahren. Anders als die Vorgängermodelle wurden sie mit gefälschten Erinnerungen versehen, die sie nicht wissen lassen wann ihre Zeit abgelaufen ist. Ursprünglich wurden Replikanten als Sklaven auf anderen Planeten verwendet. Doch mit der Entwicklung eines eigenen Bewusstseins, zettelte eine Einheit von Nexus 6 Modellen auf einer fernen Kolonie ein Blutbad an und lehnte sich gegen ihr Sklavendasein auf. Somit wurde es den Replikanten verboten die Erde zu betreten, würden sie dagegen verstoßen würden sie getötet. Dafür hat die Polizei eine eigene Abteilung eingerichtet, die für das Jagen und identifizieren von Replikanten verantwortlich sind. Einer dieser Kopfgeldjäger mit Polizeimarke ist Ray Mc Coy, der mit der Lösung eines Falles beauftragt wird, der auf das Handwerk von Replikanten hinzudeuten scheint. Einer Gruppe von Replikanten auf der Spur soll Mc Coy feststellen, dass er niemandem trauen kann. Jemand scheint mit Mc Coy zu spielen, doch sind dies wirklich die Replikanten selbst? Im Laufe seiner Ermittlungen muss Mc Coy sich entscheiden, auf welcher Seite er steht und sich der Frage stellen, ob seine bisherige Weltsicht nicht eine reine Illusion ist.

Komfortabel durch die Zukunft

McCoy im Übungssimulator.

Sehr Benutzerfreundlich hat Westwood das Interface gehalten. Wenn wir mit einem Gegenstand oder einer Person interagieren können, färbt sich der Cursor grün. Der Spieler muss keinerlei mögliche Aktion auswählen, Mc Coy führt selbige automatisch aus. Wen wir die linke Maustaste doppelklicken rennt der Blade Runner, umso öfter wir drücken desto schneller rennt er. Mit der rechten Maustaste ziehen wir unsere Waffe, woraufhin ein Fadenkreuz erscheint. Ein verkapptes Actionspiel ist 'Blade Runner' dennoch nicht, nur erfordert der Beruf des Blade Runners es nun mal die Entscheidung zu treffen, jemanden aus dem Verkehr zu ziehen. Zum Ende hin treffen wir in der Kanalisation von L.A. auch auf ein paar Mutanten, die wir uns mit unserer Dienstwaffe vom Leibe halten müssen. Dies stellt allerdings wie gesagt keinen elementaren Bestandteil des Spiels dar. Klicken wir mit dem Mauscursor auf den Hauptcharakter, öffnet sich ein Menü in dem eine Reihe von wichtigen Funktionen beheimatet ist. Unter anderem können wir hier einstellen, wie sich unser Protagonist in Gesprächen verhält. Neben den Optionen freundlich, grob oder neutral können wir eine automatische Gesprächsführung wählen, in der Mc Coys Verhalten variiert oder das ganze per manueller Option, einfach selbst von Mal zu Mal entscheiden. Auf den weiteren Verlauf der Story hat unser Verhalten große Auswirkungen und die Entscheidung wen wir uns zum Feind machen, hängt oft vom Spieler selbst ab. Im Menü befinden sich aber auch sämtliche Hinweise, die wir im Laufe der Ermittlungen gesammelt haben in einer persönlichen Datenbank. Auf ein klassisches Inventar hingegen wurde verzichtet. Wir sammeln keine benutzbaren Gegenstände, sondern lediglich Dinge die uns Hinweise liefern können.

Alltag eines Replikantenjägers

Ermittlungen im Rotlichtbezirk.

Zapfen wir den Zentralcomputer der Polizei an, können wir uns aktuelle Ermittlungsfortschritte der anderen Blade Runner in unser Hinweismenü laden, sowie andere an unseren Fortschritten teilhaben lassen. Regelmäßig stoßen wir auf Videodiscs, deren Standbilder wir mit einem aus dem Film bekannten Gerät vergrößern und analysieren. Finden wir ein interessantes Detail macht Mc Coy automatisch einen Ausdruck davon. Ebenfalls aus dem Film übernommen wurde das Verfahren des Voight Kampff Testes, indem eine Person an eine Apparatur angeschlossen wird und anhand emotionaler Reaktionen festgestellt werden soll, ob das Testobjekt menschlich ist oder ein Replikant. Zuerst sollten wir einige Fragen niedriger Intensität stellen, danach das selbe mit Fragen mittlerer Intensität tun und zum Ende hin Fragen von hoher Intensität stellen. Daraufhin wird uns die Maschine das Ergebnis mitteilen und der getestete dementsprechend reagieren. Wie schon erwähnt haben wir keine Inventarrätsel zu lösen, auch auf klassische Adventurepuzzles oder Logikeinlagen wurde verzichtet und dennoch gibt es viel zu tun im L.A. der Zukunft. Wir verhören Verdächtige, fragen Informanten aus, sammeln Hinweise und beeinflussen mit einem Großteil unserer Handlungen die Art und Weise des Spielverlaufs. Einen großen Reiz bezieht 'Blade Runner' – neben der überwältigenden Atmosphäre- eben aus diesem Umstand. Neben den vielen unterschiedlichen Enden beeinflussen wir die Story fortwährend, woraus sich dem Spieler eine Vielzahl von gänzlich unterschiedenen Handlungsansätzen bietet. Der Spieler entscheidet was er als moralisch ansieht und was nicht, so dass 'Blade Runner' dem Wort interaktiver Film vielleicht näher kommt, als viele Vertreter dieses Subgenres selbst. Realistisch gehen die verschiedenen Charaktere ihrem Tagesablauf nach, so dass sie sich nicht immer am selben Ort befinden und wir gelegentlich mehrmals einen Ort aufsuchen müssen, bis wir eine dort vermutete Person antreffen.
Gelegentlich werden dieser Spielmechanik aber auch ihre Grenzen aufgewiesen. Erledigen wir Dinge in einer bestimmten Reihenfolge, kann es hin und wieder passieren, dass ein anderes Ereignis nicht mehr eintritt und wir uns damit in eine Sackgase befördert haben, was der Spieler in der Form natürlich nicht wissen kann. Zugegebenerweise ist es bei einem solch nicht linearen Gameplay allerdings auch nicht leicht, für hundertprozentige Funktion des Systems zu sorgen. Regelmäßiges speichern kann also nur stark empfohlen werden.

Eine vertraute Welt

Diese Chinabar ist Filmfans bestens bekannt.

Bei Erscheinen war die komplett in 3D gerenderte Welt von 'Blade Runner', ein Augenschmaus sondergleichen, woran sich bis heute nichts geändert hat. Allein die stimmungsvolle Beleuchtung und die überwältigende Inszenierung der Schauplätze sind atmosphärisch kaum zu toppen. Jeder einzelnen Szene ist es anzumerken, wie ernst Westwood ihre großartige Lizenz genommen haben und wie viel Zeit und Kosten man aufgebracht hat, die faszinierende Zukunftswelt auf die heimischen Rechner zu bringen. Etwas aus dem Rahmen fallen da die verpixelten Charaktere, sowie die teilweise unnatürlichen Animationen selbiger. Sehen wir die Charaktere weit entfernt, sehen sie halbwegs in Ordnung aus, doch umso näher sie kommen, desto verpixelter werden sie. Aber angesichts der insgesamt gigantischen Optik, wäre es wohl Erbsenzählerei darauf rum zu reiten.

Sound

Ausflug in den Untergrund.

Die von Vangelis erschaffene Filmmusik findet sich natürlich auch im Spiel wieder, was dem Spiel vom Start weg einen riesigen Atmosphärebonus verleiht. Doch auch jede andere Form von verwendeten Sounds ist ein Treffer ins Schwarze. Neben der hervorragenden Musikuntermalung schaffen es die Soundeffekte eine realistische Welt zu erschaffen. Überall gehen Passanten ihrem Alltag nach und eine typische Großstadtakustik begleitet das rege Treiben.
Was die Vertonung angeht, haben wir es mit 'Blade Runner' wohl mit einem der am besten synchronisierten Adventures überhaupt zu tun. Sämtliche Hauptcharaktere werden hochprofessionell gesprochen und schaffen es die inhaltliche Tiefe des Spiels zu untermalen. Auch aus dem Film bekannte Stimmen wird der Spieler vernehmen. So spricht Tyrell im Spiel genau wie im Film mit der deutschen Synchronstimme von Michael Caine.

Funktionalität auf modernen Rechnern

Auf dem Testrechner lief der Westwood Titel unter XP ohne Probleme (Mittlere Installation).

Verfügbarkeit

Sowohl per Ebay als auch per Amazon Marketplace kann 'Blade Runner' problemlos bezogen werden.

Der Film

Harrison Ford als Replikantenjäger Rick Deckard.

Als das Mammut Werk - mit Harrison Ford in der Hauptrolle des Blade Runners Rick Deckard- 1982 in die Kinos kam entwickelte sich der Film zunächst zu einem finanziellen Flop. Viele Zuschauer und selbst Leute des verantwortlichen Studios verstanden die Handlung und die Interpretationsebenen des Films nicht. In der Zeit in der Spielberg mit E.T. einen netten Familienfreundlichen Blockbuster ins Kino brachte, war das Interesse am grotesken, melancholischen Neo-Film Noir, der bei der Phillip K. Dick Adaption herauskam, mäßiger Natur. Doch nach und nach entwickelte sich Blade Runner zu einem der Kultfilme schlechthin, der in kaum einer Filmkritiker Liste der besten Filme aller Zeiten fehlen darf. Gerade die Optik sollte sich als geradezu visionär herausstellen und somit zog der Film bereits zwei neue Fassungen nach sich. Da wären zuerst der Director´s Cut 1992 und Ende 2007 der

Rutger Hauer als Replikant Roy Betty auf der Suche nach Leben.

Final Cut, zum fünfundzwanzigsten Geburtstag. Nur um Details verändert ließen die neuen Fassungen mehr Raum für eine von Ridley Scott in der ersten Fassung vermissten, weiteren Interpretationsebene, von der auch das Spiel Gebrauch macht, wenn auch weniger subtil.Auch wenn hier nicht Rick Deckard, sondern Ray Mc Coy im Fokus steht (Um Erstspielern oder Erstsehern nicht den Spaß zu verderben, werde ich die Details dieser Deutung nicht nennen), griffen die Westwoodstudios Ridley Scotts- in den neuen Fassungen konkretisierten- Gedanken auf. Generell haben sich die Entwickler die Mühe gemacht, einen sehr starken Bezug zum Film, als auch zu der Buchvorlage herzustellen.

Querverweise und moralische Fragen

Harmlose Tänzerin oder Replikant?

Auch wer weder den Film noch das Buch kennt, kann sofort mit dem Spiel loslegen, da keinerlei Vorkenntnisse erfordert werden. Doch gerade für Blade Runner Kenner bietet das Spiel viele Verweise auf die Vorlagen. Zum einen kommen etliche bereits bekannte Locations im Spiel vor (Die dem Film optisch 1:1 gleichen), ebenso wie sich vertraute Charaktere wie J.F. Sebastian, Gaff, Rachel oder Tyrell die Ehre geben. Die Handlung des Spiels findet parallel zur Handlung des Films statt und so kann der aufmerksame Betrachter- in kleinen Details- auch mal immer wieder Verweise auf Rick Deckards Fall aufschnappen. Der Plotteil um falsche Cops hingegen stammt aus dem Buch, so dass viele kleine Details für den Fan dafür sorgen, dass er das Gefühl erhält es mit einer Lizensierung zu tun haben, wie sie liebevoller nicht sein könnte. Hier waren nicht nur große Talente des Adventuregenres am Werk, sondern ebensogroße Fans des Replikantendramas. So optisch beeindruckend der Film ist, so verfügt er über eine immense tiefgründige Komponente, die bis heute von Unidozenten und vielen anderen behandelt wird. Sehr schön ist es also, dass das Spiel ebenfalls über inhaltlichen Tiefgang verfügt.
So irrsinnig komplex wie die Deutungsebenen des Films, ist das Spiel zwar bei weitem nicht, aber bei einem der inhaltlich meist diskutiertesten Filme aller Zeiten, stellt dies keineswegs etwas negatives dar, denn der vorhandene Tiefgang des Spiels ist immer noch von beeindruckender Natur. So gehören moralische Grundsatzfragen zu einem der wichtigsten Spielelemente und der Spieler wird permanent dazu verleitet, im Kopf selber Handlungen und ethische Folgen zu bedenken. Bis heute stellt dies in der hier vorhandenen Form eine Seltenheit da. Hier ist der Tiefgang – anders als in manch anderem Spiel leidlich vorgetäuscht- elementar und kein Blender.


Galerien

Fazit:

Wertung: 5 / 5

Es ist kein ultimatives Meisterwerk wie der Film, aber in meinen Augen ist es in der Adventuregeschichte dennoch definitiv ein Meisterwerk und Meilenstein. Manch einer mag bemängeln, dass klassische Adventurerätsel komplett fehlen. Doch halte ich dem entgegen, dass dies in diesem Falle überhaupt nicht nötig ist, da das nichtlineare Gameplay so unterhaltsam und fesselnd ist, wie wenige Spiele mit klassischerem Gameplay jemals zu fesseln vermochten. Die Atmosphäre ist von einer sagenhaft-intensiven Wucht, die Kulissen sind bombastisch. Kurzum: 'Blade Runner' bietet- trotz relativ geringer Spieldauer- von Anfang bis Ende, Unterhaltung hoch Zehn und lädt dank multipler Storyverläufe zum erneuten spielen ein. Danke für diesen atmosphärischen Overkill mit Gehalt, Westwood Studios.

geschrieben am 16.07.08, Ingmar Böke

Systemanforderungen Weitere Links
Win 95
CPU mit 90 Mhz
16 MB Ram
16-Bit Grafikkarte mit 2 MB Ram
Soundkarte
150 MB freier Festplattenspeicher
4x CD-Rom
Maus
DirectX 5.0


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