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Die Sierra-Studie: Teil 06 - Die Jahre 1990 und 1991



Die 90er Jahre - Eine Branche wird erwachsen

Die 90er Jahre sollten die gesamte Computerbranche in einen gewaltigen Umbruch versetzen. Technische Neuerungen wurden in immer kürzeren Abständen veröffentlicht. Es gab regelrechte Technologiesprünge. Microsoft 'Windows', 'Pentium' CPU's, die ersten 3D-Karten und das Internet begannen mit ihrem Siegeszug. Die Zeit, in der ein Spiel in nur wenigen Wochen mit einer handvoll Programmierer erfolgreich programmiert werden konnte, war endgültig vorbei. Die Budgets gingen mittlerweile in die Millionen, Entwicklerteams erreichten zweistellige Raten und Entwicklungszeiten von zwei Jahren und mehr wurden zur Regel. Die Zeit der Experimente war zwar noch nicht ganz vorbei, aber einem Vergleich mit den vor Innovationskraft und Experimentierfreudigkeit geprägten 80er Jahren hielten die 90er Jahre nicht mehr stand. Die Branche entwickelte sich von einem kleinen, überschaubaren Nischenmarkt zu einem Mrd. Markt, in dem kleine, selbständige Studios nur noch schwer überleben konnten. Nach einem einzigen Flop wurden kleine Unternehmen oft schon aus dem Markt gedrängt, aufgekauft oder komplett geschlossen. Es kam in der Folge zu Fusionen, Übernahmen und damit auch zu Machtkonzentrationen. Im Fahrwasser dieses unaufhaltsamen Trends stiegen Unternehmen wie Electronic Arts zur neuen, dominierenden Macht auf und überschwemmten in der Folge den Markt mit schnell produzierten Fortsetzungen. Sierra spürte davon zunächst noch nichts. Das Adventuregenre erlebte bis zur Mitte der 90er Jahr eine wahre Blütezeit und wurde dank dem Spiel 'Myst' kurzfristig sogar zu einem populären Genre. Neben Sierra mischte auch Lucas Arts kräftig mit. Dies führte dazu, daß beide Firmen aktiv um die Adventurekrone kämpften und aufgrund ihres harten Wettbewerbs mit ihren Spielen das Genre technisch als auch spielerisch enorm nach vorne katapultierten. So begannen die 90er Jahre für Sierra zunächst überaus viel versprechend, bis sich die zweite Hälfte dann zu einem regelrechten Alptraum entwickeln sollte.


1990 Das Jahr der Akquisition und Expansion

Kings Quest 5

Kings Quest 5 (1990) war das erste Aventurespiel mit VGA-Grafik und 256 Farben. Der Titel verkaufte sich über 500.000 Mal.

Das Jahr 1990 markierte für Sierra ein Jahr der Erneuerung und Neuausrichtung. Der SCI-Interpreter erfuhr ein umfangreiches Update auf die Version 1 und wurde das erste Mal für 'Kings Quest V: Absence Makes the Heart Go Yonder' eingesetzt. Die Veröffentlichung war im November 1990. Mit 'Kings Quest V' veröffentlichte Sierra das erste Adventurespiel in VGA-Grafik mit 256 Farben. Als eine weitere Neuerung wurde das Spiel mit einer reinen Point and Click Steuerung versehen, mit der die inzwischen extrem veraltete, textgebundene Eingabe (Parser)endgültig abgeschafft wurde. Die Musik ertönte in MIDI-Qualität aus den Boxen und wurde von Mark Seibert, Ken Allen, Rob Atesalp und Chris Braymen komponiert. Der Titel wurde bis dato zum größten Erfolg für Sierra und verkaufte sich ganze 500.000 Mal. Damit war 'Kings Quest V' für fünf Jahre das am meisten verkaufte PC-Spiel aller Zeiten. Es wurde mit vielen Auszeichnungen bedacht. Darunter wurde es je einmal zum besten Adventure des Jahres vom 'Computer Gaming World Magazine' und der Software Publishers Association gewählt.

Mit der technisch überarbeiteten Version des bereits 1987 erschienenen Spiels 'Mixed-Up Mother Goose', einem Märchenadventure für kleine Kinder, setzte Sierra einen weiteren Technik Trend. Bill Davis hatte als Projektleiter gute Arbeit geleistet und das Spiel wurde als erstes Multimedia Adventure überhaupt auf CD-ROM veröffentlicht. Und das im Jahr 1990, wo noch viele Spiele auf 3,5 Zoll Disketten ausgeliefert wurden! Das Spiel wurde mit erweiterten Grafiken versehen und mit dem Interface des SCI 0 Interpreters ausgestattet. Außerdem war der Titel komplett vertont worden. Die technische Umsetzung war jedoch ein sehr schwieriger Prozess. Die noch sehr langsamen CD-ROM Laufwerke führten dazu, daß die Sprachausgabe immer zeitverzögert, also noch nicht Lippensynchron aus den Boxen ertönte. Der Titel wurde 1990 mit dem Best Early Education Award von der Software Publishers Association geehrt. Gleichzeitig wurde Ken Williams für den Lifetime Achievement Award vorgeschlagen, den jedoch der legendäre Mitbegründer von Apple, Steve Wozniak erhielt. Im offiziellen Sierra Magazin wurde Ken auf dessen Wahl wie folgt zitiert: „I can't imagine a better guy to lose to than Steve. He's always been one of my major inspirations in this business."

Neben 'Quest for Glory II: Trial by Fire' erschien auch noch das Adventure 'Conquests of Camelot: The Search for the Grail'.

Kings Quest 1 SCI Remake

Zum 10-jährigen Firmenjubiläum legte Sierra Kings Quest als SCI-Remake mit verbesserter Grafik, Bedienung und Sound neu auf. Mit mäßigem Erfolg.

Passend zum 10-jährigen Firmenjubiläum veröffentlichte Sierra technisch überarbeitete Versionen seiner früheren Erfolgstitel. Den Anfang machte die SCI-Version von 'Kings Quest I: Quest for the Crown', die neben verbesserten Sound- und Grafikeffekten auch eine passende Mausunterstützung spendiert bekam. Das Remake verkaufte sich allerdings unerwartet schlecht.


Sierra ändert ihre Strategie

Nach einer umfangreichen Unterredung mit Bill Gates, entschloss sich Ken Williams, Sierras Unternehmensstrategie zu ändern. Zukünftig sollte die Firma aus drei Geschäftszweigen bestehen: Lernsoftware, Unternehmenssoftware und Unterhaltungssoftware. Um dieses Ziel zu erreichen und sich breiter diversifizieren zu können, wurden kurze Zeit später diverse Zukäufe geprüft.

Red baron

Mit Red Baron (1990) veröffentliche Sierra einen Flugsimulator in dem man spannende und fordernde Luftkämpfe im ersten Weltkrieg bestreiten durfte.

Schon im August 1990 wurde Sierra das erste Mal fündig. Die 1984 von Jeff Tunnell und Damon Slye gegründete Firma Dynamix steckte in großen finanziellen Schwierigkeiten und stand kurz vor der Pleite. Ken Williams sah jedoch das enorme Potenzial des Simulations Spezialisten und übernahm Dynamix kurzerhand nach kurzen Verhandlungen. Ein wahrer Glücksgriff für Sierra, der dabei hhelfen sollte, das Spiele Portfolio drastisch zu diversifizieren. Noch im gleichen Jahr zahlte sich die Übernahme bereits aus. 'Red Baron' wurde am 19. Dezember 1990 für MS-DOS veröffentlicht. Ein Flugsimulator zu Zeiten des 1. Weltkriegs, wo man diverse Luftkämpfe an der Westfront bestritt. Dabei konnte man wahlweise für die deutsche Luftwaffe, oder aber mit der Royal Flying Corps in den Luftkampf ziehen. Red Baron wurde ein großer Erfolg und von der Fachpresse mit Traumwertungen bedacht. 1996 wurde 'Red Baron' in der 150. Ausgabe des 'Computer Gaming World Magazins' sogar auf Platz vier der 150 besten PC-Spiele aller Zeiten gewählt.

Doch nicht nur im Genre der Simulationen vermochte 'Dynamix' zu überzeugen. Der Allrounder entwickelte auch das sehr gute Adventure Rise of the Dragon, das ebenfalls 1990 veröffentlicht wurde. Der Titel war seinerzeit grafisch auf der Höhe der Zeit und spielte in einem Los Angeles des Jahres 2053. Inspiriert wurde der Titel vom Film 'Blade Runner', was sich vor allem in der düsteren Atmosphäre niederschlug. Auch 'Rise of the Dragon' wurde von der Fachpresse mit Traumwertungen bedacht und vom 'Computer Gaming World Magazin' auf Platz 83 der 150 besten PC-Spiele aller Zeiten gewählt.

Aus der Game Arts Kooperation erschienen außerdem noch die Spiele 'Zeliard' und 'Firehawk: Thexder II'. Außerdem wurde mit 'Hoyle´s Official Book of Games: Volume 2' eine neue Version des erfolgreichen Kartenspielsimulators veröffentlicht, der nunmehr 28 diverse Solitärvarianten beinhaltete.


Was sonst noch so passierte

Im Adventure Markt erschien von Lucasfilm Games das Hitspiel 'The Secret of Monkey Island'. Zum ersten Mal zog Lucasfilm Games im Adventuregenre an Sierra vorbei und kämpfte um die Marktführerschaft. Die nächsten Jahre entwickelten sich zu einem waren Zweikampf um die Gunst der Fans.

Richard Garriotts Firma Origin Systems setzte mit 'Wing Commander' erste grafische Maßstäbe für den PC und begründete damit ihren Ruf als Kultschmiede der frühen 90er Jahre. Der Titel setzte die erste Hardware Aufrüstwelle in Gang.

Microsoft veröffentlichte mit 'Windows 3.0' am 22. Mai 1990 das erste Betriebssystem, das VGA unterstützte.

In Japan veröffentlichte Nintendo am 21. November 1990 das 'Super Famicon' (SNES).


1991 Sierra wächst und gedeiht und macht sich schick für weitere Fusionen

Der Wachstumskurs von Sierra ging auch 1991 erfolgreich weiter. Es arbeiteten inzwischen über 300 Mitarbeiter für die Firma. Im März kamen die ersten Übernahmegerüchte an der Börse auf. Sierra würde beabsichtigen, ihren direkten Konkurrenten Brøderbund Software ('Prince of Persia') zu übernehmen. 'Brøderbund' beschäftigte zu dieser Zeit 200 Mitarbeiter und war im Bereich der Edutainment-Software und ihrer Millionenfach verkauften 'Carmen Sandiego' Serie überaus erfolgreich. Die Fusion könnte Sierra zum größten unabhängigen Spielentwickler und Publisher der Welt machen. Der Deal scheiterte allerdings im April, nachdem es Streitigkeiten über die zukünftige Struktur des neuen Unternehmens gegeben hatte. Wären die Verhandlungen erfolgreich verlaufen, hätte Sierra zur Nummer 1 der Branche aufsteigen können. Zumal Brøderbund 1993 mit 'Myst' einen Bestsellertitel veröffentlichte und den Rekord für das meistverkaufte Spiel aller Zeiten über 11 Jahre für sich beanspruchen sollte.

1991 war auch das Jahr, in dem Jane Jensen bei Sierra einstieg. Sie arbeitete zunächst als Autorin für die im gleichen Jahr veröffentlichten Adventures 'Police Quest III: The Kindred' und 'EccoQuest: The Search for Cetus'. Letzteres war ein Lernadventure, das die Umwelt zum Thema hatte. Mit der Auslieferung von 'Police Quest III' endete zudem die fruchtbare Zusammenarbeit mit Jim Walls. Die Gründe sind bis heute nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Sein Nachfolger wurde der Gründer der SWAT-Einsatztruppe, Daryl F. Gates.

Space Quest 4

Space Quest 4 (1991) verzückte die Fans und verkaufte stolze 400.000 Einheiten. So viel, wie die drei Vorgängerspiele zusammen.

Am 4. März 1991 wurde die Disketten-Version von 'Space Quest IV: Roger Wilco and the Time Rippers' veröffentlicht. Dieses Mal wurde Roger Wilco auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Vorgängerspiele geschickt. Das Spiel bot eine VGA-Grafik mit 256 Farben und volle Mausunterstützung. Die Entwicklung kostete stolze 1 Mio. USD. Der Erfolg war überragend. Der Titel verkaufte sich so oft, wie die drei Vorgängerspiele zusammen. Geschätzte 400.000 Exemplare wanderten über die Ladentheke.





Larry 5

Larry 5 (1991) war der erste Teil der Serie mit Mausunterstützung und schöner VGA-Grafik.

Am 11. September 1991 veröffentlichte Al Lowe sein 'Leisure Suit Larry 5: Passionate Patti Does a Little Undercover Work' und verursachte dabei große Verwirrung bei den Fans. Ein 'Larry 4' hatte es nämlich nie gegeben und in späteren Interviews stellte sich heraus, daß der vierte Teil eigentlich ein Online-Spiel werden sollte, das nicht realisiert werden konnte. Eine der lustigsten Ausreden für das Fehlen des vierten Teils stammte von Al Lowe selbst. Sein Hund hätte das Skript schlichtweg verspeist. 'Larry 5' war der erste Teil der Serie, der das SCI-Interface in der Version 1 nutzte und dadurch eine Grafik von 256 Farben vorweisen konnte.

Castle of Dr Brain

Mit Castle of Dr.Brain (1991) setzte Sierra erste Akzente im Genre der Lernspiele.

Mit 'Castle of Dr. Brain' legte Sierra außerdem den ersten erfolgreichen Grundstein im Sektor der Lernspiele (Edutainment). Das Adventure war so aufgebaut, das man diverse Mathematik- und Logikaufgaben lösen musste. Ziel des Spiels war es, durch das erfolgreiche lösen sämtlicher Rätsel zum Assistenten von Dr. Brain aufzusteigen.

Die neue Sierra Tochter Dynamix begeisterte die Spieler mit ihren tollen Adventures 'Heart of China' und 'The Adventures of Willy Beamish'. Letztgenanntes leider nur mit mäßigem Erfolg. Ein geplanter zweiter Teil wurde von Sierra fallen gelassen, nachdem die Verkaufszahlen hinter den Erwartungen geblieben waren. Außerdem veröffentlichte Sierra noch das Adventure 'Gobliiins', das vom französischen Entwickler Coktel Vision programmiert worden war.

Neben den neuen Titeln wurden auch noch die SCI-Remakes von 'Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards' und 'Space Quest I: Roger Wilco in the Sarien Encounter' veröffentlicht. Neben dem 'Kings Quest' Remake aus dem Vorjahr blieben auch diese technisch überarbeiteten Versionen wie Blei in den Regalen liegen. Mit 'Kings Quest V' für CD-ROM, veröffentlichte Sierra außerdem schon den zweiten Titel für das neue Speichermedium. Der Titel wurde dabei komplett vertont.


Sierra wird zum Online-Pionier

TSN

Mit TSN (1991) profilierte sich Sierra zum Online-Pionier. Lange vor Ultima Online, Word of Warcraft und ICQ konnte man über die Sierra Plattform chatten, spielen und emails verschicken.

1991 war auch das Jahr, in dem Sierra Pionier-Geschichte schrieb. 'The Sierra Network' (TSN) öffnete nach langer Entwicklungsarbeit seine Pforten und war damit die erste Online-Plattform aller Zeiten. Man konnte sich dort verabreden, miteinander chatten und Spiele wie Schach, Bridge und Backgammon spielen. Mit dem integrierten „Facemaker“ war es möglich, seinen eigenen individuellen Avatar zu erstellen, mit dem man sich durch die animierte Welt bewegen konnte. Dabei war das Tool so umfangreich, das man damit theoretisch 84 Millionen individuelle Personen erschaffen konnte. Das Netzwerk, das später in 'Imagination Network' umbenannt wurde, war damit seiner Zeit um mindestens fünf Jahre voraus. Das Angebot wurde dabei in den kommenden drei Jahren stetig erweitert, so dass es gar möglich war, 'Red Baron' im Multiplayer gegen andere Spieler zu bestreiten. Allerdings sollte dieser Pioniergeist nicht belohnt werden. Die Onlinewelt verschlang über die Jahre Unsummen an Geld und generierte Verluste in Millionenhöhe.


Geschäftszahlen 1991

Noch lief es bei Sierra blendend. Ein Rekordgewinn von 5.391.000 USD stand zu Buche.


Was sonst noch so passierte

Lucasfilm Games, neuerdings bekannt als Lucas Arts, veröffentlichten 'Monkey Island II: LeChucks Revenge' und stiegen damit endgültig zur Adventure Kultschmiede auf.

In Mesquite, Texas wurde das Unternehmen id Software gegründet. Die Firma sollte in den kommenden Jahren den 3D-Boom auslösen und als „Vater der Ego-Shooter“ in die Geschichte eingehen.

In Irvine, Kalifornien wurde die zunächst unscheinbare Firma Silicon & Synapse gegründet. Unter dem späteren Namen Blizzard Entertainment sollte das Unternehmen in späteren Jahren mehrmals auf sich aufmerksam machen.

Weiter zu Teil 7 der Sierra-Studie.


geschrieben am 22.02.2010, Mr. Brain




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